Hauptbild
Montage. Beethoven.
Montage. Beethoven.
Hauptrubrik
Banner Full-Size

Bonner Baustellen und ein Blick in die Zukunft

Untertitel
Das Beethoven-Jahr ist vorbei – willkommen im Beethoven-Jahr
Publikationsdatum
Body

„Die Macht in der BRD war ausgesprochen männlich, denn du kannst nicht mit den Großen pissen.“ Eine ernüchternde Erkenntnis war es, die die Journalistin Ursula Kosser da lieferte. Sie berichtete von den goldenen Zeiten der Bundesrepublik, vom Bundespresseball und den Mechanismen der Macht, die sie jahrelang hautnah miterlebt hatte. Dabei stand sie inmitten der Garderoben der völlig entkernten Beethovenhalle, eines Torsos, der in gewisser Weise symptomatisch für den derzeitigen Stand des Beethovenjahres ist, denn der ist ausgesprochen trostlos.

Doch daran ist ausnahmsweise nicht das Baudesaster um die Beethovenhalle Schuld, sondern das Corona-Virus. Das hat die Feierlichkeiten anlässlich des 250. Geburtstages des Komponisten jäh ausgebremst. Die wurden aufgrund der besonderen Umstände um ein weiteres Jahr verlängert. Das ursprünglich geplante Beethoven-Jahr ist also nun zu Ende, trotzdem heißt es: willkommen im Beethoven Jahr! Denn das soll weitergehen.

Die Veranstaltung in der Baustelle der Beethovenhalle war eine der wenigen, die vom diesjährigen Beethovenfest noch übriggeblieben waren, natürlich unter streng überwachten Corona-Auflagen, die zusätzlich zu den auf einer Baustelle ohnehin schon erheblichen Sicherheitsauflagen galten. An zehn Stationen berichteten Zeitzeugen wie Ursula Kosser von besseren Zeiten, aber auch von kuriosen Begebenheiten und mancher Katastrophe. Vom Desaster eines Bomben-Fehl­alarms etwa, der einen Abi-Ball sprengte, oder dem Brand, der 1983 die frisch renovierte Halle wieder zum Sanierungsfall machte.

Der ist sie nun wieder, mindestens bis 2024, so der aktuelle Stand. Dann soll die gute Stube Bonns wieder eingeweiht werden, denkmalgerecht saniert und up to date erweitert. „Ich will nur eins: ich will, dass die Halle eingeweiht wird“, sagte denn auch Jürgen Nimptsch, ehemaliger OB und maßgeblich am Trauerspiel um das verschenkte Festspielhaus beteiligt, das um ein Haar neben oder anstelle der Beethovenhalle entstanden wäre. Er bezeichnete die Beethovenhalle als Kulturdenkmal, was sie zweifellos auch ist. Aber ein Zeichen für die lange Zeit museal ausgerichtete Beethoven-Pflege der Stadt eben auch.

Das soll sich nun ändern. Mit Steven Walter hat man einen jungen Nachfolger von Nike Wagner als Intendant des Beethovenfestes gewählt. Zweifellos eine mutige, wenn nicht gar visionäre Wahl, denn Walter zeichnet mit dem Podium Esslingen derzeit noch für ein Festival verantwortlich, das Grenzen neu auslotet und alles andere als museal ist. Einen Vorgeschmack auf das, was die Bonner erwarten könnte, gab ein Gastspiel des Podiums Esslingen in Bonn. #bebeethoven hieß das Projekt, das sich als ebenso spannendes wie unkonventionelles Laboratorium in Sachen Beethoven erwies.

„Es gibt Konzerte, aber gibt es auch Musik?“ Dieses Zitat nach Georg Kreisler führte Steven Walter in seinen Eröffnungsworten des Projektes an. Eine gute Frage, ebenso wie die, was Beet­hoven wohl heutzutage machen würde. Eine zwar spekulative aber sehr kreative Antwort darauf sollte #bebeet­hoven geben. Zwölf sogenannte Beet­hoven-Fellows haben sich in den letzten drei Jahren mit Beethoven, seinem Werk und seinen Auswirkungen auseinandergesetzt und dabei Projekte entwickelt. „Das ist ein ganz wichtiger Baustein für das, was wir uns vom Beethoven-Jubiläum erhofft haben“, war Malte Boecker, Direktor des Beethoven-Hauses und künstlerischer Geschäftsführer der BTHVN Jubiläumsgesellschaft, überzeugt.

Seine Überzeugung wurde nicht enttäuscht. Die zwölf #bebeethoven-Projekte sind so unterschiedlich wie ihre Schöpfer und stehen in ihrer Diversität für ebenso neue wie originelle Ansätze der Beethoven-Pflege. Insgesamt steht das Projekt des Podiums Esslingen dafür, musikalisch wie dramaturgisch neue Formate für die Zukunft zu entwickeln, Altes neu zu denken und Neues mit Altem zu kombinieren. Keine Bilderstürmerei mithin, aber eine Öffnung hin zu neuen Horizonten. Und diese Horizonte beruhen im Wesentlichen darauf, Musik zu kontextualisieren, wie Walter es gerne ausdrückt. Das hört sich verkopfter an als es ist, denn letztendlich geht es um nichts Anderes, als darum, nicht immer „nur“ Musik zu machen – und zwar zumeist die immer gleiche – sondern wie Beethoven in visionärer Weise über den Tellerrand hinauszublicken: konzeptionell, inhaltlich und interdisziplinär.

Das verspricht innovativ zu werden, innovativer jedenfalls als einige der wenigen regulären Veranstaltungen des Beethovenjahres, die wegen Corona überhaupt noch stattfinden konnten. Und wenn dann statt ohnehin nur 300 nur noch 76 Konzertbesucher in der Bonner Redoute bei einer langen Beethovennacht mit exquisiten kulinarischen Häppchen zugelassen sind, dann aber auch noch viele Stühle wegen coronabedingter Absagen leer bleiben, dann war das durchaus schon etwas trostlos. Immerhin, zu den Lichtblicken der Bonner Beethoven-Festivitäten zählte so manches Juwel, etwa das kleine aber feine Beethoven-Filmfest, das Ingrid Bodsch, ebenso rührige wie hochengagierte und gut vernetzte Direktorin des Bonner Stadtmuseums auf die Beine gestellt hat. Vom Stummfilm „Beethoven“ des Regisseurs Hans Otto Löwenstein, für den der Pianist Markus Kreul ein überaus spannendes Musikkonzept entwickelt hatte, bis zur modernen Fernseh-Doku hatte Bodsch hier ein hochinteressantes Spektrum an Beethoven-Filmen zusammengetragen.

Und natürlich die „Bauprobe Beet­hoven“, wie das verantwortlich zeichnende Künstler-Kollektiv Rimini-Protokoll sein Projekt in der Beethovenhalle genannt hatte. Die inszenierte die Beet­hovenhalle nicht nur als Ort von Erinnerungen, sondern auch als Ort für neue Visionen, etwa indem man das Asasello Quartett an verschiedenen Punkten der Baustelle räumlich getrennt voneinander und dennoch elektronisch zusammengeschaltet Werke von Benjamin Myers und am Ende Beet­hovens Große Fuge im zugerüsteten Großen Saal spielen ließ. Da trafen sich eine musikalische und eine reale Baustelle. Die sollte man im Übrigen einfach so lassen, wie sie ist. Als Baustelle ist die Beethovenhalle zweifellos ein Ereignis, das kann kein anderer Ort bieten. Und in diesem Zustand hätte sie zudem einen unschätzbaren Vorteil: sie wäre schon „fertig“.

Weiterlesen mit nmz+

Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.

 

Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50

oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.

Ihr Account wird sofort freigeschaltet!