Im Wintersemester 2022/23 besuchte ich als Musikwissenschaftsstudent der Hochschule für Musik und Tanz Köln das Seminar „Mediterrane Musikgeschichte(n). Identitäten und Alteritäten zwischen Venedig und Kairo“. Auch wenn der Seminartitel hierzulande sicherlich ein gehöriges Maß Fernweh auslöst, wurde schnell klar, dass sich dahinter gewichtige wissenschaftliche Problemfelder verbergen: Beispielsweise kritisierte Edward Said bereits 1978 im Rahmen seines Konzepts des „Orientalismus“ eine eurozentrisch geprägte Sicht auf die arabische Welt, in der diese nur als Abgrenzung des „Fremden“ vom „Eigenen“ verstanden wird – eine Sichtweise, die es sprachlich wie inhaltlich von vorneherein zu vermeiden galt.

Die 2021 am zentralen Taksim-Platz eröffnete Moschee steht sinnbildlich für architektonische Umgestaltungen Istanbuls in den letzten Jahren. Foto: Atabay Kuliyev
Deutsch-türkische Musikgeschichten
Dem Seminar vorausgegangen war im März 2022 die Tagung „Musical Topographies of the Mediterranean“, die den Mittelmeerraum als Ausgangspunkt nutzte, um Vertreter*innen der beiden klassischerweise getrennten Subdisziplinen der Historischen Musikwissenschaft und der Musikethnologie zusammenzubringen. Bisher erforschte die Historische Musikwissenschaft vorrangig den mittelalterlichen Mittelmeerraum, während die Musikethnologie die gleiche geographische Region als heutiges musikkulturelles Feld betrachtet. Die Seminarleiterin Prof. Dr. Sabine Meine berichtete von den großen Potenzialen der Begegnung beider Disziplinen, bedauerte aber, dass diese Potenziale nicht vollumfänglich ausgeschöpft werden konnten. Denn die Corona-Pandemie hatte dazu geführt, dass die Tagung nur online stattfinden konnte und der bilaterale methodisch-inhaltliche Austausch weitgehend ausblieb.
Musikwissenschaften arbeiten zusammen
Angetrieben von diesen Desiderata bildete sich eine kleine Gruppe aus Studierenden, die unter der Leitung von Sabine Meine mehrere Ziele formulierte: Die Zusammenarbeit zwischen der Historischen Musikwissenschaft und der Musikethnologie sollte gestärkt, der Mittelmeerraum als musikalisch bedeutsames Gebiet fokussiert und die Kölner Musikgeschichte durch einen expliziten Blick auf die postmigrantischen Musikkulturen dieser Stadt ergänzt werden. Das waren die Prämissen für das zweijährige Lehrprojekt „Kölner Musikgeschichten. Postmigrantische Kulturen erforschen, verorten und vernetzen“, das die Stiftung Innovation in der Hochschullehre fördert und das seit April 2024 an der HfMT Köln läuft. Die beiden Themenjahre widmen sich „Istanbul in Köln“ und „Rom in Köln“. Jeweils ein Semester lang werden unter der Anleitung einer musikethnologischen Gastprofessur Feldforschungen zur Erkundung der jeweiligen postmigrantischen Musikkulturen in Köln durchgeführt und dann die beiden Hauptstädte mit internen und externen Lehrenden bereist. Nach Abschluss des Themenjahres „Istanbul in Köln“ ist es nun Zeit für eine erste Reflexion.
In unserem ersten Projektsemester wurde das Fach Musikethnologie von Gastprofessor Erol Köymen vertreten. Köymen kam damals von der Universität Chicago und ist inzwischen an der Universität Florida tätig. Er vermittelte ethnographische Methoden wie die teilnehmende Beobachtung und Interviewtechniken. Die Studierenden wurden dadurch in die Lage versetzt, eigene kleine Feldforschungsprojekte in Bezug auf die türkischen Communities in Köln durchzuführen.
Infolge des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens 1961 leben bis heute zahlreiche türkischstämmige Menschen in Köln und postmigrantische Kulturen sind an vielen Orten gut sichtbar. Einige Projekte setzten sich explizit mit den Klängen bestimmter Orte auseinander und versuchten entsprechenden Fragen auf den Grund zu gehen: Welchen Einfluss hat türkische Musik im Umfeld eines Restaurants am Alten Markt? Wie werden klingende Objekte in der Keupstraße Teil kultureller Praktiken? Auf welche Weise erzeugen Klänge eines türkischen Musikladens Heimatgefühle?
Andere Projekte beschäftigten sich mit Unterrichtssituationen zu türkischer Musik – sei es in einem Chor, bei Klavierschülerinnen und -schülern oder im neu eingeführten Bağlama-Hauptfachunterricht an der Musikhochschule.
Es setzte sich schnell die Erkenntnis durch, dass Klänge stets einen großen Einfluss auf die Atmosphäre bestimmter Orte oder Situationen haben. Während man visuellen Reizen durch Schließen der Augen oder Weggucken leicht ausweichen kann, sind Klänge selbst um Ecken herum hörbar und lassen sich schwerer ausblenden.
Klangidentitäten
Weiterhin ließen sich große Unterschiede der klanglichen Atmosphären in Innen- und Außenräumen feststellen: So sind postmigrantisch geprägte Straßen wie in Köln die Keupstraße und die Weidengasse in ihren Außenbereichen mit Autogeräuschen, Geschirrklappern und Gesprächsfetzen kaum von anderen Straßen zu unterscheiden.
Begibt man sich aber in das Innere eines Geschäfts oder Restaurants, wird man regelmäßig in einen klanglichen Sog türkischer Musik gezogen – oft mit dem Ziel, ein Stück „Istanbul in Köln“ hörbar zu machen.
Köln in Istanbul
Im Januar 2025 reiste eine Gruppe aus Lehrenden und Studierenden nach Istanbul. Die Exkursion leitete Prof. Dr. Judith Haug, die mehrere Jahre lang als Musikhistorikerin am Orient-Institut Istanbul tätig war und in dieser Funktion 2022 die Tagung „Musical Topographies of the Mediterranean“ mitveranstaltet hatte. Sie vermittelte vielfältige Kontakte zu musikalischen Akteur*innen der Stadt und Einblicke in verschiedene Szenen.
So konnten wir beispielsweise einer Probe geistlicher und weltlicher osmanischer Musik im Türkiyat Enstitüsü beiwohnen, besuchten verschiedene Archive und Museen und besichtigten musikhistorisch bedeutsame Orte wie den Topkapi Sarayi, der jahrhundertelang als Sultanssitz auch Ort der höfischen Musikpraxis und -ausbildung war.
Reflektieren mit Fingerspitzengefühl
Große Irritationen löste der Besuch der Hagia Sophia aus, in der der Gebetsraum von Besucher*innen nicht mehr betreten werden darf und sämtliche Hinweise auf den christlichen Ursprung des Gebäudes verschleiert sind. Sämtliche Aktivitäten wurden flankiert durch das Nachdenken und den Austausch über die Verortung der jeweiligen Praxen in ihren kulturellen Umgebungen, die gerade im heutigen Istanbul politisches Fingerspitzengefühl erfordert. Wichtig war der Austausch mit der Projektpartnerin Prof. Dr. Evrim Hikmet Öğüt und ihren Studierenden der Musikethnologie, mit denen wir unsere und deren Feldforschungsprojekte diskutierten und dabei von den aktuellen Herausforderungen musikethnologischer Arbeit in Istanbul erfuhren.
Der fachlich-methodische Austausch erwies sich als sehr gewinnbringend. Sowohl musikethnologische Forschungen können von historischen Verortungen profitieren als auch musikhistorische Projekte von ethnographischen Sensibilisierungen der eigenen Forscher*innenperson. Daher freuen wir uns sehr darauf, die ersten Projekterfahrungen in das zweite Themenjahr „Rom in Köln“ mit Gastprofessor Juan Bermúdez zu übertragen und dann Anfang 2026 eine Exkursion nach Rom zu unternehmen.
- Der Autor arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt „Kölner Musikgeschichten. Postmigrantische Kulturen erforschen, verorten und vernetzen“. Nähere Informationen unter https://kmg.hfmt-koeln.de
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