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Die Interkulturalisierung steht noch am Anfang

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Der Bundeskongress „inter.kultur.politik. Kulturpolitik in der multiethnischen Gesellschaft“
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„Die Zukunft der Kulturpolitik ist interkulturell“ – unter diesem Motto stand der 2. Kulturpolitische Bundeskongress der Kulturpolitischen Gesellschaft (KuPoGe) und der Bundeszentrale für politische Bildung am 26. und 27. Juni 2003 im Berliner Haus der Kulturen der Welt.

Deutschland ist ein Einwanderungsland und es wird seit Jahrzehnten hierher eingewandert. Was für Sozialpolitiker schon lange Alltagsgeschäft ist, wurde von der Kulturpolitik bislang kaum zur Kenntnis genommen. Doch nun hat die Szene das Thema mit Macht entdeckt, wie der schon inflationäre Gebrauch des Wörtchens „inter“ zeigt. Folgerichtig ist auch der neue, dritte Band des Jahrbuchs für Kulturpolitik, der auf dem Kongress von der Kulturstaatsministerin Christina Weiss und der KuPoGe vorgestellt wurde, dem Thema „Interkultur“ gewidmet.

Oliver Scheytt, Präsident der KuPoGe, erhob für die Veranstalter drei Forderungen zur Stärkung der Interkulturalität: Kultureinrichtungen sollten ausländische Mitbürger stärker einbeziehen. Die Bundesländer sollten ihre Lehrer in Sachen interkultureller Kulturarbeit ausbilden, da in der Schule der Grundstein für das Zusammenleben gelegt wird. Auf Bundesebene schließlich müsse das Thema in der Arbeit der Bundeskulturstiftung und der neuen Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ stärker in den Vordergrund rücken.
Als Ziel des Kongresses nannten die Veranstalter, zu einem kulturellen Milieu beizutragen, aus dem die Migranten der zweiten und dritten Generation persönlichen und ebenso kulturwirtschaftlichen Erfolg ziehen können, das jedoch auch den Einheimischen nicht fremd bleibt. Wie aber können kulturelle Differenzen aushaltbar gemacht werden?

Antworten sollten die insgesamt zwölf Foren liefern. Rezepte zur Basiskultur statt zur Hochkultur waren beim Publikum gefragt; Wege, wie man Migranten jenseits des Folkloretanzes am kulturellen Leben beteiligen kann. Doch mitunter hielten sich die Podiumsteilnehmer, etwa des Forums „Ethnische Kolonien“, allzu sehr mit den üblichen sozialpolitischen Instrumenten, dem Wahlrecht oder der Ausländerbeauftragten, auf. Dieter Oberndörfer, Vorsitzender des Arnold Bergsträsser Instituts in Freiburg und Experte für Migrationsforschung, führte das darauf zurück, dass sich Deutschland erst seit 1990 wirklich mit Integration auseinander setze: „Wir dringen gar nicht bis zur interkulturellen Kulturarbeit vor, weil wir immer noch mit den sozialpolitischen Dimensionen beschäftigt sind.“ Das Besondere der Zuwanderung nach Deutschland sei die ungeheure soziale, religiöse und eben kulturelle Pluralität der Migranten. Das mache es so schwierig, die Migrationsbevölkerung als Ganze „zum Sprechen zu bringen“.

Wo die Probleme nicht liegen, demonstrierte eindrucksvoll der Round Table „Weltkultur als biografische Erfahrung“. Vier interkulturelle Grenzgänger aus den verschiedensten Ländern und Sparten verstanden sich offensichtlich auf Anhieb prächtig. Uneinig waren sie sich nur darin, ob die Kenntnis anderer Kulturen Menschen automatisch bessere. Grigory Kofman, russischer Theaterregisseur in Berlin, glaubt nicht an den Nutzen einer kulturellen Globalisierung, es komme auf die persönliche Begegnung zweier Menschen an. „Gute Kenner anderer Kulturen können genauso gut Verbrecher sein!“ Die Italienerin Amelia Cuni, Meisterin des indischen Dhrupad-Gesangs, hielt dagegen: Nichtwissen und Ignoranz führe zu einer Abwehrhaltung gegenüber fremden Kulturen.

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