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Die Jugend – das unbekannte Wesen

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Ältere Herren diskutieren in Essen über die Zukunft der Klassik
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Der Sohn des Musikkritikers macht Rockmusik. Klassische Konzerte mag er nicht. Warum? Man müsste ihn fragen.

Der Sohn des Musikkritikers macht Rockmusik. Klassische Konzerte mag er nicht. Warum? Man müsste ihn fragen.Das ging aber nicht, denn beim Essener Kongress „Die Zukunft der klassischen Musik – Auf der Suche nach dem Publikum“ erhoben bis kurz vor Schluss fast ausschließlich ältere Herren die Stimmen. Und da diese Herren merkten, dass reines Spekulieren über die abwesende Jugend keine sechs Stunden trägt, redeten sie über etwas anderes. Plötzlich klang alles sehr schön. Der Pianist und Musikprofessor Siegfried Mauser freute sich, dass Neue Musik – er versteht darunter alles, was in den letzten hundert Jahren geschrieben wurde –, öfter in Repertoirekonzerten gespielt wird und viele Opernhäuser Kompositionsaufträge vergeben. Karl Karst, ein „Wellenchef“ (klingt nach Oberfriseur, meint aber die Leitung des Kultursenders WDR 3), erläuterte lange weilend die Rolle des Radios im Musikleben, und „FAZ“-Redakteur Wolfgang Sandner – der mit dem abtrünnigen Rock-Sohn – hielt einen anekdotenreichen Vortrag über Geschichte und Aufgabe der Musikkritik.

Franz Xaver Ohnesorg, bald Intendant der Berliner Philharmoniker und jetzt Leiter des im Anschluss eröffneten Klavier-Festivals Ruhr, verfehlte das Thema am charmantesten. Ohnesorg sang ein Loblied auf das wunderbare alte Publikum und gab viele Beispiele, wie gut organisierte Musik „die Menschen glücklich macht“. Erfolgreiche Konzertreihen würden von kreativen, charismatischen Persönlichkeiten gestaltet und gehorchten nicht nur der Ökonomie, das sei das Geheimnis. Und niemand musste zweimal raten, wen er dabei im Haupt hatte.

Von fünf Referenten sprach wahrhaftig einer zur Sache. Stefan Piendl, Geschäftsführer der BMG Classics, erläuterte die Gesetze des CD-Marktes. Da kann eine begonnene Reihe noch so durchdacht und verdienstvoll sein, wenn sie sich nicht verkauft (oder der Musikrat nicht mitfinanziert) wird sie eingestellt. Mit den Experten, die ihr Herzblut ins Programm hängen, kann die Branche nichts mehr anfangen. Sie braucht Abwickler, die auf den Euro schauen. Deshalb werden die Klassik-Abteilungen aufgelöst, gerade ist Teldec dabei. So klar sagte Piendl das nicht, aus seinen Worten war es aber leicht zu schließen. Da wird einem klar, warum neue Interpreten sich bei körperlicher Eignung in Modelposen und scharfen Klamotten auf den Covers räkeln. Klassik goes Pop, oder sie fährt zur Hölle. So einfach ist das, zumindest bei den jungen Käufern, denn Stars gibt es außer Anne-Sophie Mutter und Cecilia Bartoli nicht, zumindest nicht zählbar.

Natürlich hatten auch die Weichspüler ein bisschen Recht: Dramatisch ist die Lage der Klassik allgemein gesehen nicht. Immer noch gibt es viele Veranstaltungen, die mehrfach verkauft werden können. Trotzdem ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Trend zum Event geht. Aus Gewohnheit ins Konzert gehen wirklich nur noch die Senioren, Jüngeren müssen die Veranstalter Anreize bieten, die Gewissheit eines den Preis lohnenden Erlebnisses. Über das Umfeld wurde viel zu wenig gesprochen. Das Essener Aalto-Musiktheater ist nicht nur aufgrund der großen Leis-tungen des GMD und Intendanten Stefan Soltesz voll, sondern auch wegen des wunderbaren Baus. Hier fühlt man sich wohl und angeregt, verkommene Stadttheater, vor denen man misstrauisch nach oben schaut, ob da gerade kein Ziegelstein runter kommt, bieten das nicht. Sitzkomfort ist enorm wichtig, eine anständige Bewirtung und die Abschaffung des elitären Habitus. Doch da versucht man zurzeit noch die Quadratur des Kreises, da viele Klassik-Afficionados sich gerade durch die Abgrenzung definieren und Abendgarderobe und Diskussion über Vergleichserlebnisse eben die Identität ausmachen, die viele im Konzert suchen.

Dieses Dilemma – meiner Ansicht nach zentral für die Entwicklung des klassischen Musiklebens – kam in Essen nicht zur Sprache, weil den meis-ten Beteiligten die Parade der Eitelkeiten wichtiger war. Und damit vergrault man noch den letzten Jugendlichen aus dem Konzertsaal.

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