„Noch immer hege ich den Gedanken, doch noch nach London zu kommen, wenn es nur meine Gesundheit leidet“, schrieb Beethoven 1822 aus Wien an seinen ehemaligen Schüler Ferdi-nand Ries nach London. Der Wunsch des Komponisten erfüllte sich nicht, nie betrat er britischen Boden. Den Beweis, dass das Thema „Beethoven und England“ trotzdem zu einem veritablen Musikfest taugt, möchte in diesem Jahr das Bonner Beethovenfest erbringen. Unter der Überschrift „Joy“ bietet es zwischen dem 24. August und dem 23. September an 27 Spielstätten in der Bundesstadt und der näheren Umgebung mehr als 60 Konzerte.
Das Motto erinnert zunächst vielleicht an einen Gospel-Workshop, spielt jedoch darauf an, dass sich die Neunte Sinfonie (mit dem „Song of Joy“ Schillers als Finaltext) einem Impuls von jenseits des Ärmelkanals verdankt. Denn eben jener Ferdinand Ries, 1822 seit neun Jahren Direktor der Londoner Philharmonic Society, gab Beethoven den Auftrag.
Da es offenkundige Bezüge zur britischen Insel in Beethovens Werken nicht allzu viele gibt (etwa die Klavier-Variationen über „God save the king“, die Bearbeitungen schottischer, irischer und walisischer Volkslieder für Singstimme und Klaviertrio oder das Schlachtengemälde „Wellingtons Sieg“), manifestiert sich der England-Bezug des Beethovenfestes vorwiegend in der Riege der Musiker, Ensembles und Komponisten.
Zum Eröffnungskonzert am 24. August reist das Philharmonia Orchestra London unter Sir Andrew Davis an, die Bamberger Symphoniker unter Jonathan Nott beenden das Beethovenfest am 23. September. Dazwischen gastieren die Academy of St. Martin in the Fields unter Sir Neville Marriner, das BBC Philharmonic Orchestra unter Martyn Brabbins, der Pianist Alfred Brendel (mit Wohnsitz in London) und sein junger britischer Kollege Paul Lewis. In der „Nacht der Stimmen“ erfüllen der Choir of King’s College Cam-bridge und das Hilliard Ensemble zusammen mit Singer pur und dem Arditti-Quartett Bonner Kirchen mit Musik. Das Spektrum der britischen Komponisten reicht von Orlando Gibbons bis zu Brian Ferneyhough, von Gilles Farnaby bis Thomas Adès. Beethoven-Fans werden mit „Beethoven-Pur“-Programmen (etwa sämtliche Streichtrios oder fünf Klavierrecitals) bei Laune gehalten, während die „Visionen – Musik der Zukunft“ der zeitgenössischen Musik Raum geben. Den 75. Geburtstag Mauricio Kagels würdigt man mit 3 Konzerten. Darin werden dessen „Trio Nr. 3 für Violine, Violoncello und Klavier“ (eines von mehreren Auftragswerken des Beethovenfestes) und „Verborgene Reime“ für Stimmen und Schlagzeug uraufgeführt. Ihre Premiere erleben außerdem James Clarkes „Untitled No. 4“ für Streichquartett und Stimmenquartett, Nigel Charnocks Performance über den „Brief an die Unsterbliche Geliebte“, oder Till A. Körbers „Phönix und Taube – Fuge für Streichquartett und drei Schauspieler“.
Beachtenswert ist zudem die Uraufführung der Oper „Freax“ von Moritz Eggert, ein Auftragswerk von Theater Bonn und Beethovenfest. Rund um die bizarren Stars einer Show, etwa siamesische Zwillinge, Hermaphroditen oder Gummimenschen, entwickelt sich ein „berührendes Drama“, das zugleich „bissige Satire“ (so Librettistin Hannah Dübgen) ist. Die Inszenierung übernimmt Christoph Schlingensief. Realisiert wird das alles mit einem Etat von 3,65 Millionen Euro, von dem die Stadt Bonn 1,2 Millionen übernimmt. ? mn