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Seit 1974 gibt es mit der Jungen Deutschen Philharmonie ein Orchester, das auf vielfältige Art und Weise das Kulturleben bereichert, mitgestaltet und belebt und bisher ohne öffentliche Subventionen auskommt (auskommen mußte). Auch die in Bochum ansässige genossenschaftliche GSL Gemeinschaftsbank gibt es seit 1974 und hat seitdem unzählige fortschrittliche Initiativen unterstützt.
Fast könnte man sich darüber wundern, daß beide Institutionen - die eine demokratisch selbstverwaltet jenseits der konventionellen Orchestertradition, die andere sich als Bürgerinitiative zum verantwortlichen Umgang mit Geld und Zinsen verstehend - nicht schon früher zueinander gefunden haben. Was sie neuerdings verbindet ist der gemeinsam entwickelte „Philharmonie Fördersparbrief“, mit dem Geldanleger konkret und gezielt die Junge Deutsche Philharmonie unterstützen können. Das Modell ist einfach, aber wirkungsvoll: Wer den „Philharmonie Fördersparbrief“ zeichnet, wird zum Orchester-Förderer. Sein Geld ist, von der laufenden inflationsbedingten Geldentwertung abgesehen, bei einer Bank sicher angelegt. Die - bei heutigem Zinsniveau - akzeptablen Zinsen kommen unmittelbar dem Orchester zugute. Für die nmz sprach Felix Maria Roehl mit Vorstandsmitglied Julian Kühn, Pressesprecher Stephan Rotthaus und Berater Hans-Peter Wirth.
nmz: Im Zusammenhang mit der Arbeit der GLS Gemeinschaftsbank ist von sogenanntem ethischem Investment die Rede, wenn man sein Geld bei Ihnen anlegt und Sie es entsprechend ökologisch und sozial orientiert einsetzen. Kann aus so verstandener „ethisch wertvoller“ Geldanlage auch förderndes „kulturelles“ Investment werden?
Julian Kühn: Wir sind im Darlehensbereich der Bank im Kulturbereich noch nicht so sehr tätig gewesen, wobei wir jedoch einzelne Finanzierungen von Instrumenten oder von Künstlern schon immer gemacht haben. Das Neue ist, daß wir nun unsere Bankkunden ansprechen, ihr Geld bei uns anzulegen, damit wir es für den kulturellen Bereich einsetzen können.
nmz: Die Liste der geförderten Einrichtungen liest sich bisher klar anthroposophisch ausgerichtet. Wie offen ist die Bank für potentielle Kunden, Initiativen und Einrichtungen, die eher aus anderen kulturellen Zusammenhängen stammen?
Stephan Rotthaus: Die Bank arbeitet auf anthroposophischer Grundlage und hat traditionell sehr intensive Beziehungen in diesem Bereich. Aber gerade in den letzten fünf Jahren sind auf Kreditnehmer-Seite viele Initiativen hinzugekommen, die weit über den anthroposophischen Bereich hinausgehen. Unsere letzte große Aktion zum Beispiel war die große Spendenkampagne für die Netzkauf-Initiative in Schönau. Die Bank und die Treuhandstelle sind also offen für Initiativen jeglicher Art, die sich vorgenommen haben, aus Bürgerinitiative hinaus die Gesellschaft zu gestalten.
nmz: In diesem Bereich wird ja vieles auf der Grundlage von Idealismus bewegt, das eint soziale und ökologische Initiativen mit vielen kulturellen Engagements. Bevor wir auf das bereits konkrete Modell des „Philharmonie Fördersparbrief“ eingehen noch eine grundsätzliche Frage. Wäre nicht auch das Instrument der sogenannten „Leih- und Schenkgemeinschaft“ für bestimmte kulturelle Initiativen ein gangbarer Weg?
Rotthaus: Ja, das kann man sich grundsätzlich sehr gut vorstellen. “Leih- und Schenkgemeinschaften“ sind ja ein Instrument, mit dem Bürger, wenn sie ein gemeinsames Vorhaben verwirklichen wollen, sich in doch relativ großer Dimension Eigenkapital für ihre Vereinigung oder Projekte beschaffen können. Die „Leih- und Schenkgemeinschaft“, die von der Gemeinschaftsbank entwickelt wurde und die es bisher nur bei der Gemeinschaftsbank gibt, ist ein hervorragendes Instrument zur Finanzierung von Bürgerengagement.
Kühn: Hinzuzufügen ist, daß das Instrument der „Leih- und Schenkgemeinschaft“ zur Finanzierung von Investitionen dient, wobei es im konkreten Fall der Jungen Deutschen Philharmonie jedoch um die Finanzierung des laufenden Etats geht.
nmz: Wir dachten zum Beispiel an Festivalneugründungen, Musikschulen, kulturelle Einrichtungen aller Art, die bei stagnierenden und zurückgehenden Zuschüssen der öffentlichen Hand neue Wege suchen müssen, um nicht dem kulturellen Kahlschlag zum Opfer zu fallen oder - im Falle neuer Ideen - von vornherein jeder Realisierungschance beraubt sind. Da zum Beispiel der Bereich der musisch-kulturellen Bildung mittlerweile fachlich und strukturell recht gut organisiert ist, stellt sich daher die Frage, ob Sie bereits den Kontakt zu den einschlägigen Verbänden gesucht haben, um eventuell mit ihren Instrumenten eine konstruktive Zusammenarbeit anzubieten.
Kühn: Bisher arbeiten wir im Kulturbereich noch nicht mit Verbänden zusammen. Wenn wir das Geld, das bei uns zum Beispiel durch den „Philharmonie Fördersparbrief“, dessen Zinsen unmittelbar der Jungen Deutschen Philharmonie als Spende des Anlegers zugute kommen, eingelegt wird, an Kreditnehmer im kulturellen Bereich ausgeliehen werden soll, bietet sich eine Zusammenarbeit mit Verbänden jedoch an. Die Vergabe von Krediten bedarf der fachlich fundierten Urteilsbildung und der Besicherung, denn die Anleger und die kreditgesetzlichen Bestimmungen setzen voraus, daß das angelegte Geld auch sicher verwendet wird. Wenn man ein entsprechendes Kreditprogramm entwickelt, könnte eine Kooperation mit einem Verband sowohl bezüglich der Urteilsbildung als auch bei der eventuellen Einrichtung eines Sicherungsfonds erfolgen, wie das zum Beispiel unsere holländische Partnerbank mit großem Erfolg durchgeführt hat.
nmz: Wie sieht nun das Modell des „Philharmonie Fördersparbrief“ aus, der ja mit und für die Junge Deutsche Philharmonie entwickelt wurde und in diesen Tagen erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wird?
Rotthaus: Wir bieten unseren Kunden an, einen Sparbrief zu zeichnen, dessen Zinserträge in voller Höhe als Spende der Jungen Deutschen Philharmonie zur Verfügung gestellt werden. Über die gespendeten Zinsen erhält der Kunde eine steuerabzugsfähige Spendenbescheinigung. Der Kunde erhält also zum einen Gewißheit, daß die Zinsen aus seiner Einlage in voller Höhe einer förderungswürdigen kulturellen Einrichtung zugute kommen und er hat darüber hinaus die Gewißheit, daß sein bei uns eingelegtes Kapital für das ganze Spektrum an Initiativen eingesetzt wird, die die Gemeinschaftsbank unterstützt.
nmz: Das heißt also nicht, daß neben den Zinsen zugunsten der Jungen Deutschen Philharmonie auch das eingelegte Kapital ebenfalls komplett kulturellen Zwecken zugute kommt. Wird der Kunde eines Tages bestimmen können, daß mit seiner Einlage Kultur gefördert wird, so wie das in anderen Bereichen der Bank seit langem möglich ist?
Rotthaus: Wir hatten im Vorfeld mit der Jungen Deutschen Philharmonie ausführlich darüber gesprochen, wie wir das Kapital einsetzen können. Noch verfügen wir nicht über das Instrumentarium, das Kapital systematisch im Kulturbereich einzusetzen. Wir sind uns jedoch darüber einig, daß für uns der nächste Schritt auch in Zusammenarbeit mit Organisationen und Verbänden sein muß, diesen Bereich zu entwickeln.
nmz: Mit dem Wort „Philharmonie“ assoziieren viele Menschen zunächst das Wahre, Schöne, Gute. Bei den Wiener oder Berliner Philharmonikern denkt man kaum ans Sparen, ehrwürdige Konzertsäle werden Philharmonie genannt. Glauben Sie, mit der Bezeichnung „Philharmonie Fördersparbrief“, das von Ihnen ins Auge gefaßte altruistisch gestimmte, spenden- bereite Klientel erreichen zu können?
Wirth: Wir wollen zuerst den eindeutigen Bezug zur Jungen Deutschen Philharmonie herstellen. Wir denken, daß die Zusammenarbeit zwischen diesem Orchester und der Gemeinschaftsbank modellhaft ist. Denn die Junge Deutsche Philharmonie steht für eine Einrichtung, die sich über traditionelle Orchestergepflogenheiten hinaus einen Namen gemacht hat. Insofern ist „Philharmonie“ ein alter Name, der jedoch mit diesem speziellen Orchester in die Zukunft weist.
nmz: Wenn nun jemand bei Ihnen fünf-, zehn- oder auch hunderttausend Mark aus seinem Vermögen anlegt, erhält die Junge Deutsche Philharmonie also die gespendeten, jährlich anfallenden Zinsen in Höhe von zum Beispiel 3.750 Mark bei hunderttausend Mark Einlage. Wäre es nicht naheliegend, 3.750 Mark direkt zu spenden?
Rotthaus: Nein, denn wir sprechen nicht nur über die Möglichkeit der Spende, um die sich die Junge Deutsche Philharmonie ja schon jetzt vielfältig bemüht, zum Beispiel über die Mitgliedschaft in ihrem Förderverein. Unser Modell unterscheidet sich von dem Weg, irgendwo mit seinem Geld die Zinsen zu erwirtschaften und dann zu spenden, dadurch, daß bei uns nicht nur die Verwendung der Zinsen, sondern auch der Einsatz des angelegten Geldes im Mittelpunkt steht. Wir sprechen also nicht nur über die 3,75 Prozent Zinsertrag, sondern wir sprechen auch über die 100 Prozent eingelegtes Kapital. Die Frage ist doch, ob nicht nur die Zinsen, sondern grundsätzlich der sinnvolle Einsatz meines Kapitals positive Veränderungen in der Gesellschaft mitbewirken können.
Kühn: Wenn Sie als kulturelle Einrichtung Spenden erbitten, geht es meistens um Mittel aus dem laufenden Einkommen der Spender. Man kann aber auch die Ebene des Vermögens des Spenders ansprechen. Dafür gibt es Einrichtungen zur Vermögensübertragung oder auch Stiftungen. In diesem Bereich war die Junge Deutsche Philharmonie bisher nicht aktiv, das ist auch sehr schwer für Einrichtungen des Kulturlebens. Aber Einrichtungen wie die Gemeinnützige Treuhandstelle, die sich mit Vermögensübertragungen und Nachlässen beschäftigt, können hier auch für den Kulturbereich wirken. Denn Kultur wird sich in Zukunft in vielen Fällen nur finanzieren lassen, wenn man auch über diese Themen mit Menschen ins Gespräch kommt.
nmz: In Form von Stiftungen gab es dies bisher auch.
Rotthaus: Ja, aber was die Gemeinnützige Treuhandstelle vom klassischen Stiftungsmodell unterscheidet, ist, daß sie nicht nur für größere, sondern auch für kleinere Vermögens-übertragungen zur Verfügung steht. Man könnte sagen, daß die Treuhandstelle die erste „Bürgerstiftung“ auf deutschem Boden ist.
nmz: Wenn der „Philharmonie Fördersparbrief“ gut läuft, planen Sie dann die Entwicklung weiterer mit Kultur verknüpfte Anlagemöglichkeiten?
Rotthaus: Zur Zeit ist es noch zu früh, das zu entscheiden. Doch wir werden uns mit den Anfragen und Kontakten, die aus diesem Bereich bei einem erfolgreichen Beginn mit dem „Philharmonie Fördersparbrief“ auf uns zukommen, intensiv auseinandersetzen.
Kühn: Geplant ist zum Beispiel im Sinne der „community foundations“ in den USA ein Stiftungsfond, den wir verwalten wollen für Menschen, die Kapital und Erträge für die Junge Deutsche Philharmonie einsetzen wollen. Auch liegt bereits im Entwurf ein Konzept für eine „StiftungKulturDialog“ vor, die das Modell allgemein auf kulturelle Einrichtungen erweitert.
nmz: Warum wird die Gemeinschaftsbank im Kulturbereich tätig? Befürchten Sie, daß in Ihren bisher angestammten Betätigungsfeldern mit Rückgängen zu rechnen ist?
Rotthaus: Nein, denn die Arbeitsweise der Gemeinschaftsbank ist weit davon entfernt, „Produkte“ zur Verfolgung einer „Unternehmensstrategie“ zu entwickeln, zum Beispiel weil es gerade „in“ ist, ökologische Geldanlagen anzubieten. Wir machen uns vielmehr darüber Gedanken, wie wir auf einen bestimmten Handlungsbedarf, der an uns herangetragen wird, reagieren können, wie wir auf individuelle Finanzierungsprobleme maßgeschneiderte Lösungen finden können. So ist es auch bisher schon in konkreten Einzelfällen im kulturellen Bereichen gewesen. Der „Philharmonie Fördersparbrief“ fügt sich hier nahtlos an.