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Experte sieht Nachholbedarf für Leipzig als Musikstadt [update]

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Leipzig schöpft aus Expertensicht sein Potenzial als Musikstadt nicht aus. Anlässlich der Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) hofft der Direktor des Leipziger Mendelssohn-Hauses, Jürgen Ernst, auf einen neuen Umgang mit dem Komponisten und einstigen Gewandhauskapellmeister. Dessen Name müsse künftig «wie selbstverständlich mit Leipzig verbunden» werden.

Am Abend sollte der Mendelssohn-Preis an Altbundeskanzler Helmut Schmidt (SPD), den Schauspieler Armin Mueller-Stahl und Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly übergeben werden.

Die Gala am Vorabend des 200. Geburtstags gilt als einer der Höhepunkte der Feierlichkeiten zur Erinnerung an Mendelssohn Bartholdy, der am 3. Februar 1809 in Hamburg geboren wurde und später zwölf Jahre als Gewandhauskapellmeister wirkte. Das Jubiläum sei eine einmalige Möglichkeit für Leipzig, sagte Ernst. Damit könne man «den historischen und gegenwärtigen Wert, den Leipzig als Musikstadt hat, dokumentieren». So wie Leipzig mit Bach ein Alleinstellungsmerkmal besitze, sei auch Mendelssohns Wirken von besonderem Rang: «Mendelssohn war der einzige Komponist von Weltruhm, der gleichzeitig Gewandhauskapellmeister war.»

Aus Sicht von Ernst, der auch Geschäftsführer der Internationalen Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Stiftung ist, hat Leipzig immer noch einen «Nachholbedarf, nicht nur, was das Gedenken an Mendelssohn Bartholdy betrifft, sondern auch, was Leipzig als Musikstadt angeht». Nun komme es darauf an, Leipzigs Rolle für die klassische Musik stärker in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu rücken. «Ich kenne neben Leipzig keinen anderen Ort außer Wien, an dem solch eine Dichte an musikalischer Geschichte anzutreffen ist», betonte Ernst.

Der Leipziger Musikhistoriker und Gewandhausarchivar Claudius Böhm nannte es «frappierend, wie selbstverständlich Mendelssohn gefeiert wird». Den Eindruck eines bisherigen Gedenkdefizits Leipzigs in Bezug auf Mendelssohn habe er nicht. Böhm wies darauf hin, dass Mendelssohns Stellenwert als Komponist zwar noch in den 1990er Jahren wissenschaftlich diskutiert wurde, er aber spätestens seit seinem 150. Todestag 1997 zu den entscheidenden Musikern des 19. Jahrhunderts gezählt werde. «Da ging viel von Leipzig aus», sagte Böhm.

Vordringliche Aufgabe sei es nun, die Beschäftigung mit dem Komponisten «nicht mehr nur als einen Akt der Wiedergutmachung in Bezug auf seine Verfemung im Dritten Reich zu begreifen». Böhm fügte hinzu: «Wir müssen Mendelssohn von dem Klischee befreien, dass wir ihn spielen, weil die Nazis ihn nicht gemocht haben.» Mendelssohn habe die längste Zeit seines Berufslebens in Leipzig verbracht: «Leipzig war sein Lebensmittelpunkt, das kann man gar nicht oft genug sagen. Deshalb ist Leipzig in der Pflicht, ihn zu ehren.»

Im Oktober 2008 war die Nachbildung eines 1936 von den Nazis abgerissenen Mendelssohn-Denkmals auf dem Leipziger Thomaskirchhof aufgestellt worden. Bereits 1997 war das Mendelssohn-Haus eingeweiht worden. Im selben Jahr rief der damalige Gewandhauskapellmeister Kurt Masur die Mendelssohn-Festtage ins Leben.

Masur war 2007 auch erster Träger des Mendelssohn-Preises. Diese Auszeichnung wird an Personen verliehen, die sich im Sinne Mendelssohns besonders um schöpferische Vielfalt, aufgeschlossenes Denken und kosmopolitisches Handeln verdient gemacht haben. Die drei Kategorien Musik, bildende Kunst und gesellschaftliches Engagement sollen an Mendelssohns schöpferische Vielfalt, seine unterschiedlichen Talente und sein Wirken auch für gesellschaftlichen Fortschritt erinnern.

 

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