In Österreich geht ab sofort eine Kommission den Vorwürfen über sexuelle Übergriffe bei den Tiroler Festspielen Erl nach. Der Antrag der Festspiele bei der im Kanzleramt angesiedelten Gleichbehandlungskommission sei nun gestellt, sagte die Ombudsfrau der Festspiele, Christine Baur, am Montag. Vor diesem Gremium herrsche eine Umkehr der Beweislast: Nicht die Betroffenen müssten die Übergriffe beweisen, sondern der Intendant der Festspiele Gustav Kuhn müsse glaubwürdig machen, dass an den Vorwürfen gegen ihn nichts dran sei.
Fünf Musikerinnen hatten von „unerwünschten Küssen“, dem „Griff zwischen die Beine“, „ungehemmter Aggression“ sowie „Mobbing, öffentlicher Bloßstellung, Demütigung und Schikane“ berichtet. Der 72-jährige Kuhn bestreitet das, lässt aber bis zur Klärung des Falls seine Funktion als künstlerischer Leiter ruhen. „Wir hoffen, dass der Fall schnell geklärt wird“, sagte Baur, die vertraulich etwaige weitere Vorwürfe sammelt. Allerdings sei dennoch mit sechs bis zwölf Monaten zu rechnen. Auch die Staatsanwaltschaft Innsbruck ermittelt wegen des Verdachts der sexuellen Belästigung. Mit der interimistischen Leitung der Festspiele wurde Kuhns bisheriger Stellvertreter Andreas Leisner betraut.
Die 1997 gegründeten Tiroler Festspiele in Erl bei Kufstein am Inn gelten als Österreichs „grüner Hügel“. Karajan-Schüler Kuhn machte hier unter anderem Furore mit seinem „Ring“-Marathon. Innerhalb von nur 24 Stunden präsentierte er alle vier Teile von Richard Wagners gigantischem Musikepos „Der Ring des Nibelungen“.