Berlin - Vertreter der klassischen Musik fordern in der Corona-Krise Vorgaben für eine schrittweise Wiederaufnahme des Opern- und Konzertbetriebs. «Nicht nur Baumärkte, Möbelhäuser und die Fußball-Bundesliga haben eine klare Perspektive und klare Regeln für einen Neuanfang verdient», heißt es in einem Brief der Konferenz von Generalmusikdirektoren und Chefdirigenten an Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU).
Bei weiterer Ausdehnung der Schließungen ohne zeitliche Perspektive einer Lockerung würden «das deutsche Musikleben und die weltweit einzigartige Stadttheaterlandschaft einen irreparablen Schaden nehmen».
Auch die Deutsche Konzerthauskonferenz warnt in einem Brief an Grütters davor, dass die Konzertbranche in ihrer wirtschaftlichen Existenz «nachhaltig und unwiederbringlich» gefährdet sei. Musikerinnen und Musikern müsse bald wieder eine Bühne geboten werden. Die Häuser müssten in die Lage versetzt werden, «einen eingeschränkten Betrieb unter Maßgabe des Infektionsschutzes» zu ermöglichen. Der Konzerthauskonferenz gehören große Einrichtungen wie die Hamburger Elbphilharmonie, die Kölner Philharmonie, das Konzerthaus Berlin, das Festspielhaus Baden-Baden oder das Leipziger Gewandhaus an.
Offener Brief der Generalmusikdirektoren- und Chefdirigentenkonferenz e.V. zur aktuellen Situation der Opernhäuser und der Orchester in der Corona-Krise
Sehr geehrte Frau Staatsministerin für Kultur und Medien Professor Monika Grütters,
sehr geehrte Ministerpräsident*innen,
sehr geehrte Vorsitzende des Kulturausschusses des Bundestages!Die GMD- und Chefdirigentenkonferenz e.V. fordert klare Vorgaben für eine schritt- weise Wiederaufnahme des Opern- und Konzertbetriebes in Übereinstimmung mit den derzeitigen gesetzlichen Bestimmungen und den Empfehlungen des Robert Koch-Instituts.
Nicht nur Baumärkte, Möbelhäuser und die Fussball-Bundesliga haben eine klare Perspektive und klare Regeln für einen Neuanfang verdient.
Wir sind uns der Risiken eines zeitigen Starts sehr bewusst - glauben jedoch, dass bei weiterer Ausdehnung der Schließungen ohne zeitliche Perspektive einer Locke- rung der Spiel- und Probeverbote, das deutsche Musikleben und die weltweit einzigartige Stadttheaterlandschaft einen irreparablen Schaden nehmen wird.
Dieses einmalige Netzwerk aus öffentlich getragenen Musikinstitutionen und freiberuflichen oder privat organisierten Musiker*innen ist nicht nur ein wirtschaftlich be- deutender Zweig der Kreativwirtschaft, sondern auch ein unverzichtbares Kulturgut der bundesdeutschen Gesellschaft und somit systemrelevant. In diesem Zusammenhang unterstützen wir mit Nachdruck die Forderung der freischaffenden Musiker nach angemessener Hilfe.
In der jetzigen Situation sehen wir auch das Bemühen seit 2018 der Bundesrepublik Deutschland um die Aufnahme unserer Orchester- und Theaterlandschaft in die Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO als gefährdet.
Die weltweite Beeinträchtigung des Lebens und die Beschädigung der Kunst- und Kulturszene ruft uns dazu auf, mit Fantasie, Kreativität und Energie den Menschen gerade in diesen schwierigen Zeiten kulturelle Angebote in Oper und Konzert zu machen. Es versteht sich von selbst, dass dies verantwortungsvoll und sensibel im Einklang mit dem Schutz der Gesundheit der Musiker*innen, Sänger*innen und un-
seres Publikums geschieht. Wir befinden uns dazu im Gespräch mit der Arbeits- gruppe Gesundheit der Deutschen Orchestervereinigung (DOV).
Wahrscheinlich ist an reguläre Opernaufführungen und Konzerte, wie wir Sie ge- wohnt sind, noch länger nicht zu denken. Aber es gibt sicher eine Vielzahl alternativer Möglichkeiten für Live-Aufführungen selbst unter Corona-Bedingungen, wie konzertante Opernaufführungen - Open Air - oder Formen in speziellen Regie- Konzepten, die die notwendigen Abstandsregeln einhalten. Klein besetzte Werke, zum Beispiel aus dem Barock und der Klassik, stellen einen riesigen Fundus dar, bei denen Streicher*innen und Dirigent*innen mit Mundschutz arbeiten könnten, ein kleiner Chor und wenige Bläser auf der Bühne im notwendigen Abstand, eventuell mit Plexiglas–Wänden geschützt, agieren können. Für das Publikum kann man Re- geln adaptieren, wie sie jetzt schon in anderen Lebensbereichen gelten und funk- tionieren.
Aber für solche und ähnliche Lösungsansätze braucht es jetzt dringend klare und belastbare Rahmenbedingungen und Vorgaben seitens der Politik bzw. der Gesundheitsämter. Die GMDs und Chefdirigent*innen und ihre Orchester stehen bereit sich einzubringen, um in engem Austausch mit Bühnenverein und der DOV auch neue kreative, überraschende und spannende Formate für unser Publikum, das uns vermisst, zu finden. Schon jetzt gibt es aus den Orchestern heraus unzählige Initiativen sichtbar zu bleiben, zu helfen und die Lebensnotwendigkeit zu Musizieren nach außen zu tragen und zu erhalten.
Wir sind der festen Überzeugung, dass unsere analoge Kunst, gerade in diesen Zeiten und in der wachsenden digitalen Welt einen steigenden Wert besitzt und ein wichtiger Bestandteil des Menschseins darstellt!
Mit freundlichen Grüßen,
der Vorstand der GMD- und Chefdirigentenkonferenz e.V.
Prof. Marcus Bosch (V.) Will Humburg
Mihkel Kütson
Marc Niemann Eckehard StierEhrenmitglieder
Prof. Dr. Peter Gülke
Prof. Dr. Hartmut Haenchen