Otto Schilys viel zitierten Satz „Wer Musikschulen schließt, gefährdet die innere Sicherheit“ hatte der VdM zum Anlass genommen, den Bundesinnenminister zum Musikschulkongress einzuladen, und unter diesem Motto stand auch sein Vortrag mit anschließender Diskussion, dem die 1.100 Teilnehmer und zahreiche Pressevertreter im Kongresszentrum Leipzig gespannt folgten. In seiner Rede betonte Schily nicht nur die Bedeutung der Musikschulen und anderer Einrichtungen, sondern vertiefte seine These mit dem Verweis auf die Bedeutung ästhetischer und kultureller Bildung: „Wir brauchen eine ästhetische Erziehung und dazu gehört sehr wesentlich auch die musikalische Bildung. Wer musiziert, fördert den Sinn für Rhythmus und Melodie und das Gespür auch für den anderen. Wer musiziert, lernt, gegenseitig Rücksicht zu nehmen. Und wir müssen den Kindern auf diese Weise die Möglichkeit verschaffen, selbst Gehör und Resonanz zu finden. (...) Musikerziehung hat einen wesentlichen Anteil an der Ausbildung eines ausgeglichenen, kreativen, intelligenten und zu Sozialverhalten fähigen Menschen. (...) Intelligenter Musikunterricht kann helfen, dem Anpassungsdruck an gewaltbereite Gruppierungen zu entgehen, da musizierende Kinder die eigenen Talente entdecken und ihren individuellen Wert im gemeinsamen schöpferischen Prozess wahrnehmen.“ Seine Forderung, Musik dürfe „nicht nur als Sättigungsbeilage dienen“, sondern gehöre „in das Zentrum der Erziehung“, griff VdM-Vorsitzender Gerd Eicker zu Beginn der Diskussion auf, die wir in Auszügen dokumentieren. Mit auf dem Podium saßen neben Schily und Eicker der Vizepräsident des Ver.di-Gewerkschaftsrates Eckhard Kussinger, der Leiter der Musikschule Tirschenreuth Maximilian Schnurrer sowie nmz-Herausgeber und Chefredakteur Theo Geißler.
Otto Schilys viel zitierten Satz „Wer Musikschulen schließt, gefährdet die innere Sicherheit“ hatte der VdM zum Anlass genommen, den Bundesinnenminister zum Musikschulkongress einzuladen, und unter diesem Motto stand auch sein Vortrag mit anschließender Diskussion, dem die 1.100 Teilnehmer und zahreiche Pressevertreter im Kongresszentrum Leipzig gespannt folgten. In seiner Rede betonte Schily nicht nur die Bedeutung der Musikschulen und anderer Einrichtungen, sondern vertiefte seine These mit dem Verweis auf die Bedeutung ästhetischer und kultureller Bildung: „Wir brauchen eine ästhetische Erziehung und dazu gehört sehr wesentlich auch die musikalische Bildung. Wer musiziert, fördert den Sinn für Rhythmus und Melodie und das Gespür auch für den anderen. Wer musiziert, lernt, gegenseitig Rücksicht zu nehmen. Und wir müssen den Kindern auf diese Weise die Möglichkeit verschaffen, selbst Gehör und Resonanz zu finden. (...) Musikerziehung hat einen wesentlichen Anteil an der Ausbildung eines ausgeglichenen, kreativen, intelligenten und zu Sozialverhalten fähigen Menschen. (...) Intelligenter Musikunterricht kann helfen, dem Anpassungsdruck an gewaltbereite Gruppierungen zu entgehen, da musizierende Kinder die eigenen Talente entdecken und ihren individuellen Wert im gemeinsamen schöpferischen Prozess wahrnehmen.“ Seine Forderung, Musik dürfe „nicht nur als Sättigungsbeilage dienen“, sondern gehöre „in das Zentrum der Erziehung“, griff VdM-Vorsitzender Gerd Eicker zu Beginn der Diskussion auf, die wir in Auszügen dokumentieren. Mit auf dem Podium saßen neben Schily und Eicker der Vizepräsident des Ver.di-Gewerkschaftsrates Eckhard Kussinger, der Leiter der Musikschule Tirschenreuth Maximilian Schnurrer sowie nmz-Herausgeber und Chefredakteur Theo Geißler.Die Diskussion und die Rede Otto Schilys gibt es auch als Hördokument (Real-Audio) unter: http://www.nmz.de/nmz/tondokument/vdm-schily.shtmlGerd Eicker: Was können wir tun, damit Musik in das Zentrum der Erziehung rückt?
Otto Schily: Ich bin ja hier zu Gast als Innenminister, dem die Kulturabteilung abhanden gekommen ist, und kann also nur insofern dazu beisteuern, dass ich versuche, in meiner Verantwortung auf die Bedeutung der Musik hinzuweisen. Das ist, wenn Sie so wollen, ein informeller Beitrag zur Kulturdebatte und es liegt in der Verantwortung derjenigen, die in den Ländern, in den Kommunen zuständig sind für die Musikerziehung und die Erziehung im Allgemeinen, der Musikerziehung im Unterrichtsprogramm den Rang einzuräumen, den sie braucht. Wir müssen eben sehen, dass wir viele gesellschaftliche Kräfte hinter die Forderung bringen, dass die Musikerziehung einen größeren Stellenwert erhält in dem Erziehungsprogramm an den Grundschulen und an den weiterführenden Schulen, das ist die schlichte Antwort.
Theo Geißler: Wenn man sich unsere Bildungslandschaft ansieht und ein bisschen vergleicht mit dem europäischen Ausland, dann wird man feststellen: Deutschland ist entweder schon wieder oder noch ein Entwicklungsland. Wir wollen, was das Geld betrifft, gar nicht anfangen zu jammern, aber es ist doch eine Frage der Verteilungen, der Schwerpunktsetzungen. Und ich glaube, da gäbe es einiges zu tun – politisch.
: Ich glaube, dass wir ein völlig falsches Verständnis haben, was Inves-titionen und was Kosten sind. Erziehung ist die beste Investition, die wir überhaupt machen können, und Musikerziehung gehört auch dazu und deshalb müssen wir mit den Begriffen anders umgehen, als das bisher der Fall war. Wenn wir etwa über Krimi- nalprävention sprechen, dann muss auch von der vierten Dimension der Prävention die Rede sein, das ist die kulturelle Prävention. Und die ist vielleicht die allerwichtigste.
Eckhard Kussinger: Die Frage ist, ob man denn bei der Kultur nicht auch so einen Schritt gehen muss, wie man den im Schulwesen gemacht hat, nämlich weg von der Freiwilligkeit. Es gibt Schulpflicht. Muss es denn nicht auch eine Kulturpflicht geben im Staat?
: Da würde ich widersprechen, die Kultur ist nun mal ein Kind der Freiheit. Und die Kultur wird sich nur in Freiheit entfalten. Ich wüsste auch gar nicht, wie eine solche Kulturpflicht aussehen sollte? Soll ich da irgendwelche Sanktionen verhängen? Das ist ja manchmal selbst mit der Schulpflicht ein bisschen schwierig. Also, wenn ich eine Kulturpflicht einführe – wie viele Bußgelder muss ich da in Deutschland verhängen?: Ich glaube, es ging weniger um eine Kulturpflicht für die Bürger als um eine Kulturverpflichtung für Politiker und darum, dass der Wert der geistigen, der emotionalen Leis-tung nicht richtig anerkannt wird.
: Das ist genau der Punkt. Wie sieht es denn eigentlich aus mit der Struktur unseres individuellen und gesellschaftlichen Bewusstseins? Die Wirtschaft erhebt einen deutlichen Herrschaftsanspruch und sagt dann, der Wert der Kultur liegt in ihrem ökonomischen Wert. Aber wenn die Musik oder die Kultur nur kommerzialisiert und in gewissem Umfang auch trivialisiert wird, dann ist das auch nicht in Ordnung. Die Frage ist: Was ist die Essenz menschlichen Lebens? Da sage ich immer noch: Staat und Wirtschaft haben eher dienende Funktionen gegenüber der Kultur. Aber das muss man erst einmal lernen. Und ob wir das lernen, das hängt auch stark von Ihnen ab und sicherlich auch von der Politik, in einem Wechselverhältnis. Und dass wir heute so ein Gespräch führen, das ist ja ein ganz guter Anfang.
Maximilian Schnurrer: Sie sagten, es gebe viele Leute im Bundesparlament, in den Länderparlamenten, die musikverbunden sind. Aber das ist nicht so in den Kreistagen und in den Stadtparlamenten. Was Sie für uns tun könnten, das wäre, ein Klima der Inves- titionen in diesen Kreis- und Stadtparlamenten zu schaffen, ein Fürsprecher für die Musikschulen zu sein, und zwar auch in die kleinen Parlamente hinein. Das ist meine Bitte.
: Das nehme ich sehr ernst. Es gibt ja eine Funktion, die manchmal übersehen wird in meinem Ressort. Ich bin der Kommunalminister. Das heißt, ich muss mich für die Interessen der Kommunen verwenden. Es gibt natürlich unter den Kommunalvertretern die Haltung, dass ein Schwimmbad mehr her macht als die Musikschule, bei der man nicht so richtig weiß, wie sie zu vermarkten ist. Vielleicht müssen wir versuchen, einen Weg zu finden, wie wir das Marketing für Musikschulen noch verbessern. Daran will ich mich gerne beteiligen.: Wir haben heute bestätigt bekommen, innere Sicherheit entsteht in einem Gemeinwesen, in einem Staat über die innere Sicherheit des Individuums. Und innere Sicherheit entwickelt ein Individuum dann, wenn es gut, umfassend und eben gerade auch kulturell gebildet ist. Ich denke, die Institution Musikschule ist ein vorzügliches Bildungsinstrument, das sehr viel dazu beitragen kann, innere Sicherheit, Selbstsicherheit beim Individuum zu erzeugen. Und ich bitte Sie in der Tat, diese Institution nicht nur via Marketing, sondern vielleicht auch via Veränderung der politischen Gesamtparameter, der Wertigkeiten, zu unterstützen.
: Ja, also das sage ich Ihnen ohne weiteres zu. Wir müssen uns über eine Sache im Klaren sein. Dass unsere Rechtsordnung und unsere Gesellschaft funktioniert, hängt im Wesentlichen davon ab, dass sich die übergroße Mehrheit der Menschen rechtstreu und ordentlich verhält. Das heißt, es muss von den Menschen selbst kommen.: Herzlichen Dank, Herr Minister Schily!
Und wenn es von den Menschen selbst kommen soll, dann müssen sie einen, wenn Sie das so nennen wollen, einen ethischen Individualismus entwickeln. Und die Musikerziehung – so seltsam das vielleicht dem einen oder anderen in den Ohren klingen mag – ist dabei ein ganz entscheidender Beitrag. Und das hängt eben mit der Tiefendimension von Musik zusammen. Das ist nicht nur eine oberflächliche Betrachtungsweise. Das hängt mit der Tiefendimension der menschlichen Existenz zusammen.
Deshalb haben Sie eine große Verantwortung, aber, wie ich finde, auch einen der schönsten Berufe, die man haben kann. Dazu beglückwünsche ich Sie und bedanke mich nochmals ganz herzlich für Ihre Arbeit und bedanke mich auch für den schönen Samstagnachmittag bei Ihnen.