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Nerven-Autobahnen, Transfer-Trug und lebendige Musik

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Argumente für die musikalische Bildung auf dem Prüfstand · Von Eckart Altenmüller
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Natürlich würde die Welt nicht untergehen, wenn der Musikunterricht an den Schulen ganz abgeschafft würde. Und auch ohne öffentlich geförderte Musikschulen wird es Eltern geben, die finanzkräftig genug sind, um ihren Kindern das Erlernen eines Instrumentes zu ermöglichen. Aber dieses Szenario hat für mich etwas Beklemmendes. Es gab Zeiten, in denen Musik Hauptfach war. Man muss nicht unbedingt zurückgehen bis zu Aristoteles, der in seinen Vorschlägen zur Pädagogik die Bedeutung der Musik für die Charakterbildung, aber auch für Erholung und edlen Zeitvertreib, gewissermaßen für die Erhöhung der Genussfähigkeit betonte. Vielleicht genügt ein zugegebenermaßen weiter Blick in andere Gegenden, zum Beispiel nach Bali. Als Student wanderte ich mit einem Freund über die Insel. Jeden Abend hörten wir in den Dörfern den Kindern zu, die in den Gamelanschulen diese hoch differenzierte Musik einstudierten – übrigens rein nach Gehör durch Imitation, gewissermaßen ein „Leistungskurs“ Gamelan.

Natürlich würde die Welt nicht untergehen, wenn der Musikunterricht an den Schulen ganz abgeschafft würde. Und auch ohne öffentlich geförderte Musikschulen wird es Eltern geben, die finanzkräftig genug sind, um ihren Kindern das Erlernen eines Instrumentes zu ermöglichen. Aber dieses Szenario hat für mich etwas Beklemmendes. Es gab Zeiten, in denen Musik Hauptfach war. Man muss nicht unbedingt zurückgehen bis zu Aristoteles, der in seinen Vorschlägen zur Pädagogik die Bedeutung der Musik für die Charakterbildung, aber auch für Erholung und edlen Zeitvertreib, gewissermaßen für die Erhöhung der Genussfähigkeit betonte. Vielleicht genügt ein zugegebenermaßen weiter Blick in andere Gegenden, zum Beispiel nach Bali. Als Student wanderte ich mit einem Freund über die Insel. Jeden Abend hörten wir in den Dörfern den Kindern zu, die in den Gamelanschulen diese hoch differenzierte Musik einstudierten – übrigens rein nach Gehör durch Imitation, gewissermaßen ein „Leistungskurs“ Gamelan.Was bringt Menschen aller Kulturen dazu, Musik wichtig zu finden und Musik zu machen? Wozu besitzt Homo sapiens neben der Sprache ein zweites Kommunikationssystem? Anthropologen vermuten, dass der evolutionäre Nutzen von Musik mit der Herstellung sozialer Bindung und mit der Organisation des Gemeinschaftslebens zu tun haben. Musik verbindet (Wiegenlieder, Tanz), Musik strukturiert Tätigkeiten (früher Spinner- und Erntelieder), Musik stärkt das Wir-Gefühl (Marschmusik, Nationalhymnen), Musik kanalisiert Aggressionen und Musik erzeugt – manchmal – Rausch ohne Reue. Also nicht nur mit Sport, auch mit Musik gegen Gewalt und Drogen! Interessant ist, dass Menschen, denen Musik „nichts sagt“ – es handelt sich um immerhin etwa fünf Prozent der Bevölkerung von Industrienationen – nach neuen Befunden auch in anderen sozialen Bereichen auffallen sollen. Sie seien misstrauisch, eigenbrötlerisch und unkommunikativ... Grund genug, das Verständnis zur Musik frühzeitig zu fördern. Sammeln wir weitere Argumente für Musik in der Schule.

Häufig verwendet, aber meiner Meinung nach wenig stichhaltig ist das „neurobiologische Argument“, nämlich dass sich Musik positiv auf die Hirnentwicklung auswirke. In unserem Labor konnten wir zeigen, dass durch Klavierunterricht Nervenzellverbindungen zwischen den Hörzentren und den sensomotorischen Zentren der Großhirnrinde gebildet oder zumindest aktiviert werden, ein hirnphysiologisch hoch interessanter Befund. Jedoch ist der Nutzen solcher „Nervenautobahnen“ für andere Fertigkeiten schwer zu belegen. Ja, es stimmt, Berufsmusiker haben eine besondere Gehirnorganisation verglichen mit ihren nicht musizierenden Mitmenschen. Die Verbindung zwischen beiden Hirnhälften, – der Balken, – ist ausgeprägter, die für die Hände zuständigen senso-motorischen Hirnregionen sind erweitert und das an der Feinkoordination von raschen Bewegungen wesentlich beteiligte Kleinhirn ist größer, ebenso wie bestimmte Abschnitte der Hörrinde. Das beweist aber letztlich nur, dass sich unser Gehirn an lang dauernde, intensive Spezialanforderungen anpassen kann, ein Phänomen, das in den Neurowissenschaften als „funktionsgesteuerte neuronale Plastizität“ bezeichnet wird. Genauso wäre die senso-motorische Repräsentation der Beinregion bei den Mitgliedern des Balletts unserer Staatsoper vergrößert, wenn dies denn jemand untersuchen würde. Vergleicht man die Intelligenzquotienten von Musikern und Nichtmusikern, so findet man jedenfalls keine deutlichen Unterschiede.

Damit sind wir schon beim zweiten Argument: Musik mache intelligent. Dabei geht es um die Annahme, dass sich musikalische Ausbildung auf andere Intelligenzbereiche auswirke, dass also ein „Transfer“ bestehe. Vorab: leider existiert bis heute keine Studie, die eindeutig einen langfristigen Einfluss von Musikerziehung auf einen irgendwie gearteten Intelligenzquotienten nachweist. Es ist richtig, dass das Hören von rhythmisch abwechslungsreich strukturierter Musik kurzzeitig die visuell-räumliche Vorstellungsfähigkeit leicht verbessert und dass die kinästhetische Intelligenz sich durch Erlernen eines Musikinstrumentes entwickeln lässt. Es gibt Hinweise, dass Musizieren positive Auswirkungen auf die sozialen Intelligenzen hat, vor allem auf die Fähigkeit, Gefühle anderer Menschen wahrzunehmen und zu antizipieren. Derartige Transfer-Effekte sind aber schwer in einem kontrollierten Experiment zu testen und daher auch aus methodischen Gründen bis heute noch nicht eindeutig belegbar. Wie will man Gefühle messen? Aber warum muss denn Musikunterricht mit einem Transfer auf andere Fächer begründet werden? Wer käme denn auf die absurde Idee, vom Mathematikunterricht zu erwarten, dass er die Leistungen im Englischen verbessern würde?

Ich komme also zu dem wirklich stichhaltigen Argument: Musik ist eine menschliche Notwendigkeit und ein Teil unseres Lebens. Der Umgang mit Musik gehört in die Schule, weil Musik eine der wenigen Möglichkeiten darstellt, Zugang zu den Dimensionen des Unaussprechlichen zu finden. In einer Welt der alles überflutenden medialen Geschwätzigkeit von Talkshows, Big Brothers und Reality-TV brauchen wir in den Schulen Reservate des Nicht-mit-Worten sagbaren und Schutzzonen der Emotionen. Musikunterricht, wie ich ihn mir wünschen würde, erschließt Innenwelten und öffnet die Ohren für ungewohnte Töne, für Zwischentöne, Untertöne. Er schult den Sinn für Ästhetik und hilft Abwehrkräfte gegen die Allgegenwart von Gebrauchsmusik zu entwickeln. Und ein Musikunterricht, wie ich ihn mir wünschen würde, macht Lust auf mehr, auf Musizieren, auf Singen, auf Jazz-Combo und Schul-Band, auf Komponieren am Klavier oder am PC, auf Mitteilung dieser Innenwelten. Stellen wir uns doch eine Gesellschaft ohne Live-Musik vor – die Weihnachtsfeier mit der CD der Regensburger Domspatzen, das Schützenfest mit Musik aus Ghettoblastern, die EXPO ohne die singenden und tanzenden Jemeniten. Ein Gefühl der Trostlosigkeit kommt mich an – wie an jenem Sonntagmorgen in einer amerikanischen Vorstadt bei Glockengeläut vom Tonband über Lautsprecher...

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