Er hatte Visionen und einen langen Atem, jener Friedrich Simon Archenhold, der 1893 das weltweit größte Fernrohr plante. Mit Hilfe von Sponsoren konnte er diesen Traum auf der Berliner Gewerbeausstellung 1896 realisieren. Unter Archenholds Leitung entstand rund um das 21 Meter lange Riesenfernrohr, verbunden mit einer Ausstellung und hochrangigen wissenschaftlichen Vorträgen, die bis heute größte Volkssternwarte Deutschlands. Die schon von Alexander von Humboldt verfochtene Idee einer „Astronomie für Jedermann“ wurde so Wirklichkeit.
Auch der Deutsche Kulturrat, der Spitzenverband der Bundeskulturverbände, braucht Visionen. Er verlegte deshalb seine Tagung „Kulturelle Bildung in der Bildungsreformdiskussion – Konzeption Kulturelle Bildung“ in eben jene Berliner Archenhold-Sternwarte. In dem Saal, in dem Albert Einstein seine Relativitätstheorie 1915 zum ersten Mal öffentlich in Berlin vorgestellt hatte, warnte Edelgard Bulmahn, die Bundesministerin für Bildung und Forschung, vor einer Zweiklassengesellschaft in Bezug auf kulturelle Bildung. Als Mittel gegen jene zweite Klasse der Hauptschul-Absolventen, die kulturelle Angebote kaum nutzen, seien nach außen geöffnete Ganztagesschulen nötig, die auch interkulturelle Bildung ermöglichten. Doris Ahnen, die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, knüpfte daran an, wenn sie kulturelle und interkulturelle Kompetenz gleichsetzte. Immerhin sei erwiesen, dass das Ästhetische den Erwerb von Schlüsselfähigkeiten erleichtere. Ihre Bemerkung, die Schüler sollten gefördert und herausgefordert werden, führte in der Diskussion zu der Frage, welche Kultur denn vermittelt werden solle: die der Erwachsenen oder die der Jugendlichen? Der Deutsche Kulturrat geht, wie Dieter Wunder zustimmend feststellte, von einem eher engen Kulturbegriff aus und widersetze sich damit den Auflösungstendenzen der Unterhaltungsindustrie. Wunder warnte allerdings vor zu großen Hoffnungen auf den Staat. Kulturelle Bildung müsse vielmehr in der Zivilgesellschaft verankert sein, in Basis-Initiativen der Städte und Gemeinden. Kulturelle Bildung geht nach der Schulzeit weiter, etwa in den Institutionen der Erwachsenenbildung, über die Richard Stang referierte. Die Erwachsenenbildung begegnet zahlreichen Herausforderungen, dem demographischen Wandel und den kulturellen Veränderungen durch Migration. Neue Bedingungen ergäben sich auch durch die Globalisierung der Wirtschaft und durch Veränderungen von Erwerbsbiographien. Insgesamt drohe eine feindliche Übernahme der Erwachsenenbildung durch die Ökonomie, womit Bildung dann zum Luxusartikel wird.
Max Fuchs, der Vorsitzende des Deutschen Kulturrates, hatte einleitend drei Ziele für die Schulreform genannt. Die Schule solle nicht nur die Fähigkeiten entwickeln, die die alarmierende PISA-Studie in den Vordergrund gestellt hatte, sondern im Sinne des zu wenig beachteten Berichts des „Forum Bildung“ zu fachlicher Qualifikation, politischer Partizipation und zu Persönlichkeitsentwicklung hinführen. Am ersten Tag wurden diese einleuchtenden Forderungen kaum aufgegriffen und gab es mehr Fragen als Antworten, zumal ein verbindlicher Kulturbegriff und eine verlässliche Theorie der ästhetischen Bildung zu fehlen scheinen. Umstritten war das Verhältnis von Zwang und Freiwilligkeit: Wie können Schüler motiviert und zur Eigeninitiative angeregt werden? Lösungen deuteten sich bei den projektorientierten Formen des Lernens und Lehrens an, die von der außerschulischen Bildung in die Schule übertragen werden sollten. Die Schule der Zukunft muss sich mit anderen Bildungs- und Kultureinrichtungen vor Ort vernetzen. Bei einer von Theo Geißler geleiteten Diskussion bekannten sich der bayerische Staatsminister Thomas Goppel, Bundestagsvizepräsident Norbert Lammert und Kulturratsgeschäftsführer Olaf Zimmermann zum Zusammenwirken von Bund und Ländern bei der Förderung der kulturellen Bildung. Obwohl zum Tagungsende resümiert wurde, selbstbewusst kulturelle Bildung zu vertreten und einzufordern, fehlten die großen Visionen, wie sie dem genius loci entsprochen hätten. Nur Dieter Herrmann, der Direktor der Archenhold-Sternwarte, hatte auf Alexander von Humboldt und Albert Einstein hingewiesen, deren Kulturbegriff gleichermaßen Geistes- und Naturwissenschaften umfasste, weil die Suche nach Wahrheit beide verbindet. Vielleicht sollte sich der Kulturrat auch an diesen Geistesgrößen orientieren, ähnlich wie Hans Magnus Enzensberger in seinem Humboldt-Projekt, um aus dem Blick in die Vergangenheit Maßstäbe für die Zukunft zu gewinnen.