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Streit auf MV-Kulturkonferenz über Geld und Strukturwandel

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Schwerin - Der Etat für die Kultur in Mecklenburg-Vorpommern soll erstmals deutlich aufgestockt werden - und zwar um 22 Prozent oder zwei Millionen auf 11,5 Millionen Euro pro Jahr. Kulturminister Mathias Brodkorb (SPD) plant, eine halbe Million davon zur besseren Grundfinanzierung von Einrichtungen und Projekten zu nutzen. Eine weitere halbe Million solle als Ko-Finanzierung für Investitionen ausgereicht werden, sagte er am Freitag auf der Kulturkonferenz des Landes in Schwerin. Die zweite Million will er in ein Innovationsprogramm stecken. Dazu erwartet Brodkorb Vorschläge vom Landeskulturrat und den derzeit sechs Kreiskulturräten.

Die Ausgangsfragen müssten lauten: «Wo wollen wir kulturpolitisch hin? Und was machen wir Neues?», sagte der Minister. Die Entscheidung über die Verwendung der zusätzlichen Millionen müsse bis zum Dezember fallen. Denn dann werde der Landtag aller Voraussicht nach den Doppeletat für 2016/2017 beschließen, in dem auch die Kulturausgaben des Landes verankert sind. Der Vorsitzende des Landeskulturrates, Michael Körner, kündigte eine Debatte darüber auf der Sitzung am 23. November an.

Zündstoff für die nun beginnende Diskussion lieferte bereits der Kultursoziologe Dieter Haselbach. Die öffentlich geförderten Kulturangebote erreichen nach seiner Einschätzung gerade einmal fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung. Trotz des alten bundesdeutschen Mottos «Kultur für alle» seien nie alle erreicht worden, «sondern immer nur wenige und immer die dieselben». Die Forderung nach mehr Geld für Kultur sei geprägt von Interessenpolitik. Der Mitautor des Buches «Der Kulturinfarkt» (2012) lieferte sich auf der Kulturkonferenz ein Wortgefecht mit dem CDU-Kulturpolitiker Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, der mehr Geld für Kultur forderte.

«Die Kulturförderung läuft in eine Falle», sagte Haselbach. 90 bis 95 Prozent der Mittel würden durch Institutionen verbraucht, nur der Rest sei frei für innovative Formen und Inhalte. Durch steigende Kosten und Tarife werde der Verteilungsspielraum immer geringer. Haselbach machte Vorschläge für Prinzipien einer neuen Kulturpolitik. Die Bürger sollten als «mündige und selbstständige Subjekte» nicht mehr an Kultur «herangeführt» werden. Eine Entscheidung, keine Kulturangebote wahrzunehmen, sollte akzeptiert werden. Attribute wie kultur- und bildungsfern hätten zu verschwinden. Allerdings müssten die Schulen wesentliche Träger und Steuerer kultureller Bildung sein - jedoch ohne die Schüler auf einen bestimmten Kanon einzuschwören.

Außer bei der Rolle der Schulen widersprach Grosse-Brockhoff in allen Punkten. Er lobte die neue Theater- und Orchesterstruktur in Mecklenburg-Vorpommern, die jedem Standort eine abgespeckte, aber sichere Perspektive gebe. «Mit wenig mehr Geld wird es zu einer Stärkung kommen», sagte er. Das nicht von Industrie geprägte Land habe in der neuen Informationsgesellschaft eine riesige Chance, meinte er und regte die Bildung einer Hochschule für Kunst und Medien an. Über Studenten und Migranten könnten mehr Menschen ins Land geholt und dank eines attraktiven Umfelds mit Kultur und Natur auch gehalten werden.

 

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