Die horrendenden Kosten für die Sanierung der maroden Stuttgarter Staatsoper sind schon lange umstritten. Doch mit Krieg, Gaskrise, Inflation und neuen Verzichtsdebatten wächst der Rechtfertigungsdruck des Projekts. Stehen die Kultur-Pläne auf der Kippe?
Die geplante milliardenschwere Sanierung der Staatsoper in Stuttgart wackelt. Innerhalb der grün-schwarzen Landesregierung wird das Projekt angesichts der Inflation und der drohenden Energiekrise teilweise deutlich infrage gestellt. Wie die Deutsche Presse-Agentur aus Regierungskreisen erfuhr, hält insbesondere die CDU die aufwändige Sanierung angesichts der erwarteten finanziellen Folgen der Krise für das Land und die Menschen für kaum noch vermittelbar. Auch in der CDU-Fraktion gibt es mittlerweile geballten Widerstand gegen das teure Projekt. Aber selbst im grün-geführten Finanzministerium wird dem Vernehmen nach zumindest die Frage gestellt, ob die Sanierung nicht abgespeckt werden müsse.
Die Finanzierung des Projekts wollen sich das Land und die Stadt Stuttgart eigentlich teilen. Ob der bisherige Kostenrahmen von über einer Milliarde Euro zu halten ist, wird ebenfalls stark infrage gestellt. Eine Verdopplung der Kosten sei nicht auszuschließen, heißt es in Regierungskreisen. Zuerst hatte die „Stuttgarter Zeitung“ berichtet, dass die Sanierung wegen der Krise nochmal auf den Prüfstand kommt.
„Die aktuelle Lage macht es erforderlich, jedwede finanzielle Aufgabe auf ihre Leistbarkeit zu überprüfen“, teilte ein Sprecher des Gemeindetags mit. „Dies soll nun auch im Hinblick auf die Opernsanierung erfolgen.“ Ob und wie sich diese Prüfung auf die Umsetzung auswirke, könne man nicht abschätzen.
Auch die oppositionelle FDP ruft zur Sparsamkeit auf. „Wir begrüßen, dass es nun auch in der Koalition Stimmen gibt, die die Pläne für die Opernsanierung in Stuttgart für aus der Zeit gefallen halten“, sagte der finanz- und kulturpolitische Sprecher der Fraktion, Stephen Brauer. „Wir fordern weiter eine realistischere Herangehensweise an das Projekt.“ Die Kosten seien im Moment nahezu unkalkulierbar. „Und das in einer Zeit, in der Vertreter der Regierungsparteien mit Verzichtsappellen die Medien fluten. Das passt nicht zusammen.“
Ist die Milliardensumme noch zu vermitteln, wenn anderswo Schwimmbäder geschlossen werden – in Zeiten, in denen Politiker die Bürger aufrufen, die Heizung runterzudrehen? Offiziell halten die Beteiligten an den Plänen fest. „Die Zeiten sind kompliziert, aber kein Grund, die Segel zu streichen“, sagte Baden-Württembergs Kunstministerin Theresia Bauer am Dienstag der dpa am Rande der auswärtigen Kabinettssitzung in Brüssel. „Die Generalsanierung ist nötig und überfällig“, betonte die Grünen-Politikerin.
Ohne Zweifel muss das gut 100 Jahre alte Opernhaus generalsaniert werden, es platzt zudem aus allen Nähten. Unter anderem soll eine moderne sogenannte Kreuzbühne schnellere und einfachere Bühnenbildwechsel möglich machen, außerdem wird mehr Platz zum Beispiel für Proberäume benötigt, das Dach aus dem Jahr 1911 ist marode und die Gastronomie nicht mehr zeitgemäß. Die Intendanz hat zudem eine größere Nutzfläche angemeldet.
Bauer hält auch ein Abspecken der Pläne für extrem schwierig. „Das sehe ich nicht.“ Die Arbeitsbedingungen seien für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Moment kaum noch erträglich. Der Betrieb könne trotz widriger Umstände in Sachen Arbeits- und Brandschutz nur weiterlaufen, weil in der Oper derzeit noch Bestandsschutz gelte. „Mit der Sanierung sind die gesetzlichen Bestimmungen einzuhalten“, erklärte die Ministerin.
Auch die Stadt steht weiter hinter den Plänen. „Seitens der Stadt gibt es keinerlei Zweifel an dem Projekt“, sagte eine Sprecherin von Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) am Dienstag. Sie räumte aber ein, dass das Projekt nun möglicherweise herausfordernder werde als bislang gedacht. Aber: „Die Notwendigkeit der Sanierung ist unstrittig.“ Die Sanierung sei überfällig, ohne ein Gebäude gebe es keine entsprechenden Aufführungen. Die Sprecherin verwies mit Blick auf schwer abschätzbare Kosten auch auf einen umfangreichen Risikopuffer in der aktuellen Kostenschätzung. Nächster Schritt sei nun die Gründung einer gemeinsamen Projektgesellschaft mit dem Land.