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Theater sind das kulturelle Herz der Städte

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Offener Brief an den thüringischen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel
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Im Streit um die Zukunft der Thüringer Theater- und Orchesterlandschaft haben sich bisher vorwiegend Politiker und Experten aus Weimar und Erfurt zu Wort gemeldet. Die Künstler und die kleineren Theater des Landes sind mit ihren Überlegungen bisher nicht gehört worden. Der Chefdirigent der Thüringer Symphoniker Saalfeld/Rudolfstadt und Musikalischer Oberleiter des Thüringer Landestheaters Eise-nach-Rudolfstadt-Saalfeld, Oliver Weder, hat sich daher entschlossen, sich in einem offenen Brief direkt an den Ministerpräsidenten zu wenden. Die neue musikzeitung druckt diesen in voller Länge ab.

Im Streit um die Zukunft der Thüringer Theater- und Orchesterlandschaft haben sich bisher vorwiegend Politiker und Experten aus Weimar und Erfurt zu Wort gemeldet. Die Künstler und die kleineren Theater des Landes sind mit ihren Überlegungen bisher nicht gehört worden. Der Chefdirigent der Thüringer Symphoniker Saalfeld/Rudolfstadt und Musikalischer Oberleiter des Thüringer Landestheaters Eise-nach-Rudolfstadt-Saalfeld, Oliver Weder, hat sich daher entschlossen, sich in einem offenen Brief direkt an den Ministerpräsidenten zu wenden. Die neue musikzeitung druckt diesen in voller Länge ab.Thüringen blüht und gedeiht – die Menschen verschönern ihre Häuser, wir fahren auf den besten Autobahnen der Welt, unsere Stadt hat ein neues Kino, wir bauen ein Spaßbad, und es gibt herrliche Einkaufszentren, Baumärkte und Videotheken. Aber die Kultur, der diese Region ihre Bedeutung verdankt, wird in diesen Tagen amputiert. Folgt man den Plänen Ihrer Ministerin für Wissenschaft und Kunst, so steht uns ein radikaler Abbau der in Jahrhunderten gewachsenen Theater- und Orchesterlandschaft Thüringens bevor.

Ich wende mich an Sie als ein Wahl-Thüringer und als Chefdirigent der Thüringer Sinfoniker Saalfeld-Rudolfstadt und des hiesigen Landestheaters angesichts unserer bevorstehenden Liquidation. Wir haben bisher nicht durch spektakuläre Events bundesweit auf uns aufmerksam gemacht, wir bieten keine Skandale und werden nicht in der „FAZ“ rezensiert. Aber wir haben jeden Abend ein volles Haus und widerlegen damit fast täglich die von der Ministerin gebetsmühlenhaft wiederholte Behauptung, es gebe in Thüringen ein ungenutztes Überangebot an Musik und Theater.

Wir sind gern gesehener Botschafter unserer Region in den neuen und alten Bundesländern, wir können glänzende Auslastung und Besucherzahlen vorweisen und bieten für unsere Bürger ein unverzichtbares Angebot an Unterhaltung, Sinnstiftung, Volks- und Jugendbildung, ästhetischer Erziehung und Identifikationsmöglichkeit in einer an Orientierung armen Zeit.

Ein patriotischer Zeitgenosse hat einmal gesagt, Thüringen sei das kulturelle Herz Deutschlands – wir sind das kulturelle Herz unserer Städte, das man nicht ungestraft herausreißen darf. Die Überzeugung Ihrer Ministerin, das elementare Bedürfnis der Menschen nach Musik und Theaterkunst in Zukunft mit tingelnden Reisetheatern und -orchestern befriedigen zu können, entbehrt der Realität. Unsere Besucher kommen nicht zu uns, weil wir ebenso gut „spielen und singen können wie die Künstler aus der Nachbarstadt“ – unsere Nachbarn sind immerhin Weimar und Jena –, sie kommen in „ihr“ Theater, um „ihre“ Künstler zu hören und zu sehen, ein speziell für diesen Ort und für sie erarbeitetes ästhetisches, inhaltliches und personelles Angebot.

Warum sollten unsere Städte, die gewaltige Summen einzusetzen bereit sind, um ihren Bürgern diese Teilhabe an der so genannten Hochkultur zu ermöglichen und eigene Orchestermusiker, Sänger und Schauspieler in ihren Mauern zu beherbergen, in Zukunft anonyme Bespieltruppen finanzieren?

Warum sollte Saalfeld in Zukunft das Orchester aus Gotha einladen und nicht aus Bamberg oder Brunn, warum Eisenach die Oper aus Nordhausen und nicht aus Prag oder Danzig? Ist es der Gang der Geschichte, dass die Provinz ihre Kultur verliert?

Folgt auf die Ent-Industrialisierung des Ostens jetzt unweigerlich die Ent-Kultivierung? Und wollen Sie Ihre erfolgreiche Amtszeit mit einem Kahlschlag historischer Dimension abschließen?

Es ist der Kunstministerin nicht vorzuwerfen, dass sie brutale Sparzwänge umsetzen muss, wohl aber, dass sie in technokratischer Manier versucht, am grünen Tisch neu zu ordnen, was von kluger Hand gegründet und in Jahrhunderten gewachsen ist, und als Strukturveränderung zu verkaufen, was da Abwicklung, Spartenschließung, Kapitulation heißen muss. Etwa drei Millionen jährlich fehlen, um das erfolgreiche und politisch gewollte Fusionsmodell Eisenach-Rudolfstadt-Saalfeld mit seinen zwei Orchestern, Musiktheater, Ballett und Schauspiel über das Jahr 2003 hinaus zu erhalten, und die lokalen Träger sind bereit, ihren Teil zu erbringen. Das Land aber sammelt schon jetzt hohe zweistellige Millionenbeträge, die fällig werden, wenn ein Großteil unserer Künstler auf die Straße gesetzt werden soll. Ja, Thüringen zahlt pro Kopf der Bevölkerung mehr für Theater als andere Bundesländer, darauf können wir stolz sein. Aber sind wir als Flächenstaat mit der höchsten Theaterdichte Europas nicht dafür in die Pflicht genommen?

Das von der Großmutter ererbte Tafelsilber wirft man nicht aus dem Fenster. Auch wenn man nichts damit anfangen kann, hat man es zu bewahren, zu pflegen und an die nächste Generation weiterzureichen. Seit 1635 hat Rudolfstadt ein Orchester, und das Rudolfstädter Theater hat kürzlich seinen 200. Geburtstag gefeiert. Darf der Staat dieses aus feudalen Zeiten auf ihn überkommene Mäzenatentum einfach ausschlagen? Darf eine für eine Legislaturperiode gewählte Ministerin Hand an ein solches Erbe legen? Können wir von Jung und Alt Bildung, Gemeinsinn und bürgerliche Tugenden einfordern, wenn wir gleichzeitig deren geistige Grundlagen preis geben? Liegt nicht das Besondere der deutschen Kultur in ihrer Regionalität, einem Erbe der Kleinstaaterei, einem in die Moderne herübergeretteten Reichtum, um den uns die ganze Welt beneidet?

Ich appelliere an Sie als Landesvater und Konservativen im besten Sinne des Wortes: Greifen Sie in diese unheilvolle und unumkehrbare Entwicklung ein und räumen Sie der Kunst den Platz ein, der ihr in diesem Land gebührt! Lassen Sie nicht zu, dass im Kampf um knappe Mittel die Kleinstadttheater dem Geldbedarf der Großen geopfert werden, das Repräsentationsbedürfnis der Landeshauptstadt die Provinz veröden lässt! Bewahren Sie für uns und die nach uns Folgenden Thüringens unwiederbringliche und vielgestaltige Orches-ter und Theaterlandschaft, die Bürger werden es Ihnen nicht vergessen.

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