Die Sonderausstellung „Hakenkreuz und Notenschlüssel. Die Musikstadt Leipzig im Nationalsozialismus“ des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig widmet sich bis zum 20. August 2023 zum ersten Mal in Leipzig in angemessenem Umfang dem Musikleben der Stadt von 1933 bis 1945. Ein erster, durch Thomas Schinköths Publikation „Musikstadt Leipzig im NS-Staat“ angeregter Vorstoß wurde Ende der 1990-Jahre nicht realisiert. Die Idee einer vertiefenden Ergänzung zur Ausstellung „Das ‚Dritte Reich‘ und die Musik“ im Schloss Neuhardenberg (2006), in der Leipzig nur marginal thematisiert worden war, zerschlug sich ebenfalls.
Die Kulturverantwortlichen der Stadt Leipzig setzten 2019 das Attribut „Musikstadt“ als Dachmarke zur touristischen Promotion ihrer Großereignisse Bachfest, Mendelssohn-Festtage, Wagner22 und Mahler-Festival. Den gleichen Titel gab man sich bereits 1938, als das Museum der Bildenden Künste eine Ausstellung über „Die Musikstadt Leipzig“ gezeigt hatte. Gewürdigt wurden in diesem nationalsozialistischen Imageprojekt ein Jahr vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs natürlich der Thomanerchor und das Gewandhausorchester sowie die Komponisten-Koryphäen Johann Sebastian Bach, Richard Wagner und Robert Schumann. Verschwiegen hatte man damals aufgrund ihrer jüdischen Herkunft allerdings Felix Mendelssohn Bartholdy und Gustav Mahler.
Die Idee zur Sonderausstellung „Hakenkreuz und Notenschlüssel. Die Musikstadt Leipzig im Nationalsozialismus“ begleitete die Kuratorin Kerstin Sieblist bereits seit ihrem Amtsantritt 1997. Umso erstaunlicher ist es, dass eine Ausstellung zu diesem Thema erst jetzt stattfindet. Co-Kurator Sebastian Krötzsch nennt als thematischen Hauptstrang: „wie sich Nationalsozialismus und Musikleben immer weiter ineinander verzahnten“. Holger Koppe, dessen Stiftung das Projekt unterstützt, akzentuiert: Diese Ausstellung ist „zugleich ein Blick in den Spiegel, in dem wir unsere eigene Verletzlichkeit und Verführbarkeit erkennen.“ Die Themen, die Exponate und die Präsentation von neun exemplarischen Biographien geben einen intensiven Einblick in die mit rasanter Beschleunigung eingesetzten Veränderungen.
Die Ausstellung zeigt anhand von Dokumenten und Einzelschicksalen die ideologische Vereinnahmung und Neupositionierung auch der Leipziger Jazz-Szene, der Hochschule für Musik, des Reichsrundfunks und des ideologisch umgepolten Musiktheaters. Thomas Schinköth thematisiert in der Begleitbroschüre die schnell eskalierende Situation „jüdischer Musiker zwischen Ausgrenzung und Selbstbehauptung“. Neben Exponaten aus den museumseigenen Beständen zeigt die Ausstellung Leihgaben zum Beispiel der Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig, des Leipziger Synagogalchors e.V. und des Landeskirchenarchivs Eisenach. Aus Plakaten, Fotografien und privaten Memorabilien werden institutionelle, personelle und künstlerische Bezüge zwischen der Politik und der Neuausrichtung des Musiklebens deutlich.
Einige NS-Projekte haben Auswirkungen bis ins 21. Jahrhundert: Zum Beispiel wurde erst 2013 das Richard-Wagner-Denkmal anlässlich dessen 200. Geburtstags enthüllt. Der Bildhauer Stephan Balkenhol verwendete dafür den von Max Klinger entworfenen Sockel. Damit fanden Bemühungen ihren Abschluss, die schon 1913 begonnen hatten. Adolf Hitler hatte für den 6. März 1934 die monumental inszenierte Grundsteinlegungsfeier für ein Richard-Wagner-Denkmal angeordnet, das um eine 430 Meter lange und drei Meter hohe Umfassungsmauer erweitert werden sollte. Wegen des Krieges konnten die im Marmorwerk der oberbayerischen Gemeinde Kiefersfelden hergestellten Reliefs aber nicht geliefert werden. Die Stadt Leipzig weigerte sich nach Kriegsende, die Lagerkosten für diese zu bezahlen. „Das Marmorwerk verkaufte die Einzelteile schließlich an private Abnehmer“, schreibt Marie-Louise Monrad Møller. Die Ausstellung beinhaltet Konsequenzen und Kriegsverluste nach 1945. Und sie gibt einen Ausblick auf Karrierekontinuitäten nach Kriegsende wie jener von Gewandhauskapellmeister Hermann Abendroth. Dieser war 1934 in Köln wegen seiner Affinität zu jüdischen Werken und Künstlern entlassen worden. Abendroth übernahm sein Leipziger Amt im gleichen Jahr, trat 1937 in die NSDAP ein und verfasste regimetreue Texte in einschlägigen Fachmedien. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt er sofort eine Stelle bei der Staatskapelle Weimar und übernahm 1949 die Leitung des Rundfunksinfonieorchesters in Leipzig. Als Anfang der 1990er-Jahre Aufnahmen Abendroths mit dem Gewandhausorchester wiederentdeckt und vom MDR gesendet wurden, war die Freude über deren hohen künstlerischen Rang groß. An einem solchen Beispiel wird deutlich, wie wichtig die von einem umfangreichen Rahmenprogramm begleitete Ausstellung für das Gedächtnis der Musikstadt Leipzig ist. Der lesenswerte Begleitband wurde vom Verlag Klaus-Jürgen Kamprad publiziert.