Sie ist jung, sie ist hoch qualifiziert und erst mal abzuwarten, entspricht nach eigener Aussage nicht ihrer Mentalität. Marleen Mützlaff ist seit sieben Monaten Generalsekretärin beim „Arbeitskreis Musik in der Jugend“. Die 34-Jährige vertieft sich in Turbogeschwindigkeit in die 65-jährige Geschichte des Verbandes. Über ihre Entdeckungen, Besitzstandswahrung und Kurskorrekturen sprach sie mit Susanne Fließ.
neue musikzeitung: Frau Mützlaff, Sie haben Musikwissenschaft, Germanistik und Journalismus studiert. Seit März 2012 sind Sie Generalsekretärin des „Arbeitskreises Musik in der Jugend“. Welche Erfahrungen haben Sie zuvor mit Musik und Musikvermittlung gesammelt?
Marleen Mützlaff: Während des Studiums war ich zunächst studentische Hilfskraft beim PopCamp, einem Projekt des Deutschen Musikrates, bevor ich dort 2007 als Projektmitarbeiterin eingestellt wurde. Die Zeit bei PopCamp habe ich in bester Erinnerung, ich halte es für eine gute Sache, schon junge Leute zu fördern, nicht erst die Profis. Von dort bin ich schweren Herzens weggegangen, aber ich wollte mich in der Welt noch ein bisschen umschauen und bewarb mich 2010 bei der Bundesgartenschau in Koblenz. Die erste, die einen solchen Schwerpunkt auf Kultur legte. Neun Mitarbeiter kümmerten sich um das Kulturprogramm, jeder war zuständig für einen spezifischen Bereich. Ich war verantwortlich für das Musikprogramm im Jazz-, Rock- und Pop-Bereich, nebenbei hatte ich auch noch diverse Stadtteil-Projekte. Es passte gut, dass ich zuvor mit Pop zu tun gehabt hatte, auch mit dem Jazz war ich beim Musikrat in Berührung gekommen. Bei der BUGA hatte ich fünf bis sechs Veranstaltungen pro Durchführungstag zu planen, vorzubereiten und zum Teil auch nachzubereiten. Interessant und abwechslungsreich, allerdings war mein Vertrag bei der BUGA von vorneherein befristet.
nmz: Spielte Musik in Ihrer Kindheit eine Rolle?
Mützlaff: Mein Elternhaus ist nicht sehr musikaffin, ich schlage eher aus der Art. Aber meine Eltern ermöglichten mir, als Schülerin im Gewandhauskinderchor mitzusingen und später ein musisches Gymnasium zu besuchen. Ich bin ja in Leipzig geboren. 1989 sind wir geflüchtet und zunächst in Stuttgart angekommen. Relativ bald habe ich dann in der Jungen Kantorei der Dreieinigkeitskirche Ludwigsburg zu singen begonnen.
nmz: Wie haben Sie und der AMJ sich gefunden?
Mützlaff: Ein Begriff war mir der Verband aus dem Studium, auch wenn mir das detaillierte Programm nicht geläufig war. Und auch in der ersten Zeit meiner Berufstätigkeit waren die Berührungspunkte begrenzt, weil ich stark im Pop-Bereich verankert war. Idealerweise war mein Vertrag bei der Bundesgartenschau genau zu dem Zeitpunkt abgelaufen, als die Stelle beim AMJ vakant wurde. Dass die Zusage so schnell kam, hat mich unglaublich gefreut. Die Stelle war ja zwei Monate unbesetzt gewesen. Zwischen dem Zuschlag für die Stelle und meinem ersten Arbeitstag lagen dann genau zwei Wochen.
nmz: Für welche Inhalte steht der AMJ?
Mützlaff: Einerseits sind wir ein Chorverband mit vielen Mitgliedern, für die wir eine Servicestelle sein wollen, indem wir sie beraten und fortbilden. Unseren Schwerpunkt sehe ich in der Kursarbeit und natürlich auch in den internationalen Festivals. AMJ-Mitglieds-Chöre nutzen den Notenverleih-Service intensiv. Einzelne Interessenten nehmen an Kursen oder an internationalen Musikferien teil. Wir sind stark im Bereich zeitgenössischer Chormusik, ein echtes Steckenpferd des AMJ, und auch bei Musikwochen für Familien.
nmz: Was hat Sie am AMJ am meisten überrascht?
Mützlaff: Für mich war natürlich vieles neu, aber überrascht hat mich die Bandbreite des Verbandes. Zwar hatte ich viele Publikationen über den AMJ gelesen und kannte die internationalen Festivals. Aber welchen Umfang sie hatten und welche enorme Reichweite, das hat mich wirklich erstaunt. Andererseits finde ich, dass der AMJ in der Öffentlichkeit noch zu wenig präsent ist. Wie viele Kurse der AMJ in welcher Bandbreite anbietet, ist unseren Stammkunden und in der Branche bekannt, doch für eine breite Öffentlichkeit sind noch viele Entdeckungen möglich.
nmz: War die Tatsache, dass es eine Lücke zwischen dem alten und neuen Generalsekretär gab, eine Schwierigkeit beim Einstieg?
Mützlaff: Ich hatte hervorragende Unterstützung durch das Team der Geschäftsstelle und die Mitglieder des AMJ-Vorstands.
nmz: Ein viertel Jahr später gab es dort allerdings auch einen beinahe kompletten Austausch der Personen.
Marleen Mützlaff: Das stimmt. Das lag aber nicht an mir (lacht). Den Wunsch, den AMJ-Vorstand zu verlassen und sich anderen Aufgaben intensiver zu widmen, hatten die Mitglieder lange vor meinem Eintritt gefasst. Da also der personelle Wechsel auf Vorstandebene schon feststand, plante man auch bei seiner Neubesetzung mit Weitsicht. So dass nun eine Gruppe hervorragender, sehr qualifizierter und zum Teil ziemlich junger Persönlichkeiten die Geschicke des AMJ lenkt. In Wolfenbüttel arbeiten der Vorsitzende, Karl Ermert, und ich gut und vertrauensvoll zusammen. Die Vorstandsarbeit erreicht eine Effizienz, die ich aus anderen Verbänden so nicht kenne. Ich ziehe mit Begeisterung am selben Strang, weil ich sehe, dass es einen starken Willen gibt, etwas zu bewegen.
nmz: Über 100 Kurse bietet der AMJ nach eigener Aussage: Für Opas und Enkel, zu Renaissancemusik und Gregorianik, für Kammerchöre, Familien, Dirigenten. Welche Kurse sind besonders populär?
Mützlaff: Was bereits jetzt für kommendes Jahr stark nachgefragt ist, das sind der Jazzchor-Kurs und das Leipziger Symposium zur Kinder- und Jugendstimme im Februar kommenden Jahres. Es besteht offenbar noch immer ungeheurer Informationsbedarf über die Verbindung zwischen Musik, Musikpädagogik, Stimmbildung und Medizin, obwohl es dieses Symposium schon seit 2002 gibt.
nmz: Sind Sie als Generalsekretärin an der Kursplanung beteiligt?
Mützlaff: Ich bin daran genauso beteiligt wie der Vorstand. Ideen werden in den Planungsrunden von allen Seiten zusammengetragen, und gemeinsam überlegen wir, wie die Umsetzung aussehen könnte. Die Analyse des Kursprogramms haben wir für kommendes Jahr auf die Agenda gesetzt. Gerade weil wir alle neu sind, ist es notwendig, alles gut kennen zu lernen und auch mal genau hinzuschauen. Nur dort, wo das Angebot für die Breite stimmt, kann sich die Spitze entwickeln. Das Ergebnis wird im Kursprogramm 2014 dann zu sehen sein. Auch für 2013 haben wir bereits an einigen Stellen Neuerungen eingeführt. So wird als neuer Schwerpunkt bei den Deutsch-Französischen Musikferien „Musiktheater“ angeboten werden.
nmz: Können Sie persönliche Vorlieben einfließen zu lassen?
Mützlaff: Ich versuche in meinen Gesprächen mit den AMJ-Landesverbänden und auch auf unserer jährlichen Beiratssitzung herauszufinden, welchen Bedarf es gibt. Gerade das Thema „Kinder und Jugendliche“ liegt mir sehr am Herzen. Womit identifizieren sich diese Gruppen? Was wünschen sie sich? Derzeit bietet der AMJ einen Kurs unter anderem mit dem Element „Beat-Boxing“ an. Ich war allerdings überrascht, dass sich fast keine Jugendlichen, sondern vor allem ein Personenkreis mittleren Alters, nämlich Chorleiter, angemeldet hatten. Darüber freuen wir uns natürlich sehr. Nur stellt sich die Frage, wie wir Jugendliche für das Thema interessieren. Hier müssen wir vielleicht künftig ein bisschen nachjustieren.
nmz: Wie wird denn evaluiert, ob ein Kurs den Nerv getroffen hat?
Mützlaff: Der stärkste Gradmesser sind die Anmeldezahlen. Dann die Fragen: Gibt es eine Warteliste oder müssen wir nachbewerben, um den Kurs vollzubekommen. Sind die Instrumente, mit deren Hilfe wir die Angebote bewerben, auch diejenigen, die die Zielgruppe nutzt? Nicht zuletzt sind auch die Kursberichte wichtige Informationen. Sie erreichen uns sowohl von den Kursdozenten, als auch von den Teilnehmern. Aber die Sache hat zwei Seiten, denn natürlich wollen wir nicht nur Kurse anbieten, die den Nerv treffen, sondern auch Kurse, die uns inhaltlich wichtig sind. Hier bieten die Landes- und Regionalverbände des AMJ beste Voraussetzungen, um neue Trends und Bedürfnisse zu erspüren.
nmz: Vor einigen Jahren formulierte Ihr Vorgänger im Amt den dringenden Bedarf an Kursen für Menschen mit Migrationshintergrund. Haben sich die Pläne inzwischen konkretisiert?
Mützlaff: Es besteht noch immer ein großer Bedarf. Für die nächste Vorstandssitzung haben wir das erneut auf die Tagesordnung gesetzt. Nun muss man sehen, dass das ja kein wirklich neues Thema ist. Viele andere Verbände haben sich des Themas längst angenommen. So dass der AMJ hier vielleicht eher im Rahmen einer Tagung unterstützend wirkt. Derzeit findet das seinen maximalen Niederschlag, wenn an Familienmusikwochen auch Menschen teilnehmen, die einen anderen kulturellen Background haben. Ich bin überzeugt davon, dass wir uns zunächst ein neues Netzwerk erarbeiten müssen, um den gewünschten Personenkreis zu erreichen. Und dann ist die Frage, wie glaubwürdig Dozenten für die Kursteilnehmer sind. Im Übrigen dauert solch eine Akzeptanz auch eine Weile.
nmz: Im Angebot finden sich auch reine Instrumentalkurse. Fischt der AMJ hier in fremden Gewässern, wo es doch Verbände wie die Jeunesses Musicales gibt, die diesen Bereich abdecken?
Mützlaff: Die Jeunesses Musicales, der IAM und der AMJ stehen in gutem Kontakt miteinander und sprechen sich in bestimmten Fällen auch zu Inhalten ab. So bieten wir keine Kurse mit denselben Referenten an. Keiner möchte dem anderen das Wasser abgraben. Jeder hat seine Schwerpunkte und wichtige Existenzberechtigung – auch den Ministerien gegenüber. Und AMJ heißt ja Arbeitskreis Musik in der Jugend, nicht für Chor-Musik, insofern haben Instrumentalkurse hier auch ihre Berechtigung, zumal wir bei der Zielgruppe in die Breite gehen und nicht in die Spitze.
nmz: Musikpädagoginnen und -pädagogen haben theoretisch die Möglichkeit, den Besuch eines AMJ-Kurses als Fortbildung anerkennen zu lassen. Praktisch scheint diese Anerkennung aber kompliziert zu sein. Ist hier Besserung in Sicht?
Mützlaff: Leider nicht wirklich. Wir wünschen uns sehr, dass die Anerkennung vereinfacht wird.
nmz: Worin sehen Sie die größte Herausforderung für den AMJ?
Mützlaff: Der AMJ sollte seine Stärken ausbauen, sein Profil schärfen, wie man so schön sagt. Das Kursprogramm ist einzigartig, der AMJ ist überall in Deutschland präsent. Das deutlicher in der breiten Öffentlichkeit sichtbar zu machen und es inhaltlich weiter zu entwickeln, ist die eine Aufgabe. Weitere große Herausforderung ist einerseits die Neue Musik (früher gab es das AMJ-Projekt „Komponisten komponieren für Kinder- und Jugendchöre“), andererseits das Thema Inklusion, das wir bereits beim nächsten Eurotreff 2013 berücksichtigen. Grundsätzlich bleibt die Frage: Welche Angebote können wir Kinder- und Jugendchören machen?
nmz: Welche Rolle spielt die internationale Musikszene?
Mützlaff: In wenigen Stunden werde ich zusammen mit Bine Becker-Beck, einem unserer Vorstandsmitglieder, nach Toulouse reisen. Dort findet die Generalversammlung des Verbandes „Europa Cantat“ statt. Der AMJ ist in diesem Verband Mitglied und wurde eingeladen, sich selbst und das eingangs erwähnte Leipziger Symposium zur Kinder- und Jugendstimme vorzustellen. Ich bin sehr gespannt, was mich in Toulouse erwartet und werde von diesem Wochenende sicherlich mit neuen Ideen zurückkehren.
nmz: In welche Länder streckt der AMJ seine Fühler aus?
Mützlaff: Traditionell sind wir durch unsere Deutsch-Französischen Musikferien eng mit Frankreich verbunden, die in Kooperation mit FNACEM und a cœur joie stattfinden. Auch durch unsere Zentralstellenarbeit für die beiden Jugendwerke DFJW und DPJW gibt es eine intensivere Verbindung in die Länder Frankreich und Polen. Aufgrund unserer internationalen Festivals EUROTREFF und der Jugendkammerchor-Begegnung Usedom entstehen immer neue Beziehungen zu Chören und Chorinstitutionen in ganz Europa beziehungsweise werden vorhandene gestärkt. Was uns sehr am Herzen liegt, ist ein deutsch-israelisches Projekt. Einen deutsch-israelischen Austausch hatte es vor Jahren bereits gegeben, wie aber das zukünftige Vorhaben aussieht, steht noch nicht fest.
nmz: Haben Sie eigentlich noch Zeit, in einem Chor zu singen?
Mützlaff: Da ich eine Braunschweiger Neu-Bürgerin bin, habe ich noch keine Gelegenheit gehabt, mich auf die Suche zu machen. Aber bei der vielfältigen Szene in der Stadt ist das nur eine Frage der Zeit.