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Nach beinahe zwei Jahrzehnten räumlicher Improvisation fand die Gustav Mahler Woche 1999 mit ihrer gewohnten Mischung aus Musik und Vorträgen im ehemaligen Toblacher Grand Hotel, das erst vor kurzem mit Mitteln der Südtiroler Landesregierung zum Kulturzentrum für das Pustertal umfunktioniert worden ist, ein neues Zuhause. Das großzügige Anwesen gegenüber dem alten Ortskern verströmt alte K.u.K.-Aura. Doch während sich Gustav Mahler seinen Flügel noch aus Wien über Osttirol nach Toblach ins Komponierhäuschen bringen ließ, kam das Instrument 1999 aus dem italienischen Padua. Die Ausstrahlung der Mahler Woche in Richtung Italien ist ungebrochen: Das Publikum sprach etwa zur Hälfte italienisch und zur Hälfte deutsch.
Mark Ledford mit Schumanns Dichterliebe (Foto: nmz)
Mahler und die Bilder – das erste Wochenende der Toblacher Musikwoche stand stark unter dem Eindruck filmischer Mahler-Visionen. Adrian Marthaler war eingeladen, um sich nach einer Vorführung seines Films „Mahlers Sechste – das Lied von der Vergänglichkeit“ der Diskussion mit den Literaten und Journalisten Iso Camartin, Attila Csampai, Andrea Meuli und Reinmar Wagner zu stellen.
Da Marthaler aufgrund seiner Berufung zum Programmdirektor des Schweizer Fernsehens verhindert war, sprang Camartin in die Bresche und versuchte, aus der Sicht des Regisseurs und Filmemachers zu argumentieren. Doch es fiel ihm schwer, Marthalers Film, der – übervoll mit antiken und christlichen Metaphern – die Tradition des Totentanzes aufgreift, gegen die Mitdiskutanten zu verteidigen, die Marthaler Subjektivität und Losgelöstheit von den musikalischen Strukturen vorwarfen. Letztlich gestand auch Camartin ein, daß „Mahlers Musik Marthalers Bilder nicht brauche“.
Einen anderen Zugang zu Gustav Mahler suchte Franz Winter, der Originaldokumente und Fotografien aus Mahlers Hinterlassenschaft abfilmte, und diese Schwarzweißbilder um farbige Landschaftsaufnahmen aus dem Pustertal, aus Wien, New York und anderen Wirkungsstätten Gustav Mahlers ergänzte. Winters Film bildete die Kulisse für eines der spannendsten Projekte der diesjährigen Mahler Woche. Jazzpianist Uri Caine, bereits vergangenes Jahr für seine Interpretationen von Mahler-Liedern von der Jury des Internationalen Schallplattenpreises „Toblacher Komponierhäuschens“ mit einem Sonderpreis bedacht, war erneut zu Gast. An seiner Seite waren Mark Feldman, Violine, sowie ein DJ namens Olive. In dieser Besetzung präsentierte Caine instrumentale Paraphrasen von Mahler-Liedern, kombiniert mit Motiven aus der ersten, der fünften und der neunten Sinfonie. Am nächsten kommt man dem Verständnis von Caines Herangehensweise, wenn man an Franz Liszt und seine Bearbeitungen von Opernthemen oder Paraphrasen von Paganini-Etüden denkt – oder auch an Beethovens Diabelli-Variationen, die ebenfalls aus der Lust an der Variation und der Nacherzählung entstanden. So war es kein programmatischer Zufall, daß Nikolai Demidenko sich diesen Werken am darauffolgenden Tag mit russischer Kraftentfaltung annahm.
Das Toblacher Publikum kannte Uri Caines „Methode“ bereits vom vergangenen Jahr – spektakulärer war deshalb die europäische Uraufführung seiner Bearbeitung von Robert Schumanns Liederzyklus „Dichterliebe“ nach Gedichten von Heinrich Heine. Das Publikum feierte die jazzigen Interpretationen der Schumann-Lieder durch Mark Ledford, einem Sänger aus dem „Circle“ von Bobby McFerrin. Ledford traf weniger den empfindsamen Tonfall Schumanns als den Esprit und die feine Ironie der Heine-Texte. Währenddessen beschränkte sich Uri Caine nicht nur auf die Rolle des Begleiters. Er leitete vom Flügel aus die Aktionen des Sängers und des „klang-genialen“ E-Gitarristen David Gilmore, ganz im Schumannschen Sinne: mal zart wie Eusebius, mal wuchtig wie Florestan. Eine Bemerkung aus dem Publikum traf den Nagel auf den Kopf: „Besser als zum tausendsten Male Fischer-Dieskau.“
Die CD gilt der Jury des Schallplattenpreises „Toblacher Komponierhäuschen“ als Seismograph für die Entwicklung der Mahler Interpretation und Rezeption. 1999 prämierte die Jury folgende Produktionen: die Symphonie Nr. 8 Es-Dur mit den Wiener Philharmonikern unter Dimitri Mitropoulos (Salzburg, 28. August 1960, ORFEO), die Symphonie Nr. 3 d-Moll, mit dem Halle Orchestra unter Sir John Barbirolli (Manchester, 23. Mai 1969, BBC MUSIC), die Symphonie Nr. 9 mit dem Cleveland Orchestra unter Christoph von Dohnány (Cleveland, Mai 1997, DECCA). Den Sonderpreis erhielt das New York Philharmonic Orchestra für seine CD-Dokumentation „The Mahler Broadcasts 1948–1982“.