Die Vorgeschichte ist rasch berichtet: Die Idee, im Jahre 2000 eine Tournee durch die geplagten Länder Südosteuropas zu machen, entstand unmittelbar nach dem Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen um das Kosovo. Sofort nach dem Warschauer Konzert des Weltorchesters im September 1999, das aus Anlass des 60. Jahrestages des Überfalls auf Polen durch Nazi-Deutschland in Anwesenheit von Bundeskanzler Schröder und seinem polnischen Amtskollegen gegeben wurde, begannen die Gespräche mit dem Auswärtigen Amt in Berlin, die auch dank des Engagements von Staatssekretär Wolfgang Ischinger in wenigen Tagen die Zusage erbrachten, den wesentlichen Anteil der Finanzierungskosten in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Musikrat zu übernehmen. Die nationalen Verbände der Jeunesses Musicales in Südosteuropa griffen die Pläne begeistert auf. Insbesondere in Bosnien-Herzegowina, Jugoslawien und Mazedonien herrschte geradezu eine euphorische Stimmung über die beabsichtigte Tournee. Yakov Kreizberg, der künstlerische Leiter des Orchesters, und seine Frau Amy Andersson mussten von der Bedeutung dieser Reise nicht eigens überzeugt werden. Spontan sagten sie zu, die Dirigate zu übernehmen.
Eine kulturpolitische Herausforderung ersten Ranges war es allemal, der sich das Jeunesses Musicales Weltorchester auf seiner diesjährigen Sommertournee stellte. Und ein Lehrstück in politischer Weltkunde wurde es zudem. Nur wenige Jahre nach dem Menschen und Lebenswelten zerstörenden Bürgerkrieg und ein Jahr nach dem Kosovo-Konflikt alle Länder des ehemaligen Jugoslawien zu besuchen und dort zu konzertieren, kann wohl nur ein Orchester leisten, dem von der Unesco der Titel „Künstler für den Frieden“ verliehen worden ist. Und deswegen konnte es dies nicht nur leisten, sondern musste es geradezu. Denn wer könnte ein besserer Botschafter des guten Willens sein, als junge Musikerinnen und Musiker aus aller Welt, welche die universale Sprache der Musik verstehen und sich mit ihr in höchster künstlerischer Qualität und Leidenschaft verständlich machen können – weltweit, trotz aller Grenzen und über sie hinweg, auf einem Weg, der durch ausgesuchte Schikanen führte. Die Vorgeschichte ist rasch berichtet: Die Idee, im Jahre 2000 eine Tournee durch die geplagten Länder Südosteuropas zu machen, entstand unmittelbar nach dem Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen um das Kosovo. Sofort nach dem Warschauer Konzert des Weltorchesters im September 1999, das aus Anlass des 60. Jahrestages des Überfalls auf Polen durch Nazi-Deutschland in Anwesenheit von Bundeskanzler Schröder und seinem polnischen Amtskollegen gegeben wurde, begannen die Gespräche mit dem Auswärtigen Amt in Berlin, die auch dank des Engagements von Staatssekretär Wolfgang Ischinger in wenigen Tagen die Zusage erbrachten, den wesentlichen Anteil der Finanzierungskosten in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Musikrat zu übernehmen. Die nationalen Verbände der Jeunesses Musicales in Südosteuropa griffen die Pläne begeistert auf. Insbesondere in Bosnien-Herzegowina, Jugoslawien und Mazedonien herrschte geradezu eine euphorische Stimmung über die beabsichtigte Tournee. Yakov Kreizberg, der künstlerische Leiter des Orchesters, und seine Frau Amy Andersson mussten von der Bedeutung dieser Reise nicht eigens überzeugt werden. Spontan sagten sie zu, die Dirigate zu übernehmen.Dass die künstlerische Leistung des Orchesters nach einer 14-tägigen Arbeitsphase hervorragend wie stets war, bedarf keiner ausführlichen Darstellung. Auf dem Programm standen Mendelssohn Bartholdys Ouvertüre zum Sommernachtstraum, Schumanns Konzertstück für vier Hörner, die jeweils zweite Sinfonie von Johannes Brahms und Sergej Rachmaninow.Während die Konzerte in Zagreb, Zadar und Ljubljana eher im Zeichen der Normalität standen – Spuren der Auseinandersetzungen nach dem Zerfall Jugoslawiens waren dort nicht erkennbar –, begannen die emotionalen Erfahrungen mit dem Augenblick, in dem das Orchester die Grenze zu Bosnien-Herzegowina überschritt. Die Fernsehbilder über Zerstörungen hatten alle irgendwie in Erinnerung, aber sie waren fern und verschwommen. Durch zerstörte Städte und Dörfer aber zu fahren, Menschen in Notunterkünften zu sehen, wie etwa im moslemischen Teil von Mostar, brachte Schweigen und Nachdenklichkeit. In Sarajewo wurde die Situation auf den Punkt gebracht. Die Unterkunft: ein zerstörtes, wieder aufgebautes Studentenwohnheim. Der Blick aus dem Frühstücksraum: rechts das Hauptquartier der Blauhelme der Vereinten Nationen, links die Ruine des Gebäudes der größten bosnischen Tageszeitung. Gegenüber ein Wohnhochhaus, in dem mitten drin eine halbe Etage von einem Granateneinschlag völlig zerstört war – die Wohnungen ringsum waren bewohnt –, der Konzertsaal im Haus der Armee, das Konzert entsprechend bewacht. Das Publikum begeistert.
Die Fahrt von Sarajewo zur jugoslawischen Grenze verstärkte die Eindrücke. Menschenleere Dörfer, zerstörte, unbewohnte Häuser, frisch angelegte Friedhöfe, hier und da Hoffnung auf neues Leben, rege Bautätigkeit, Schilder mit Hinweisen auf Projektförderungen durch die Europäische Gemeinschaft.
Dann die Grenze und die Einreise nach Jugoslawien. Jeder hatte ein ordnungsgemäßes Visum. Vertreter von Jeunesses Musicales erwarteten das Orchester. Trotzdem eine Wartezeit von sechseinhalb Stunden. Das Konzert in Kragujevac soll um 20 Uhr beginnen. Der letzte der drei Busse erreicht den ausverkauften Konzertsaal gut drei Stunden später. Eine halbe Stunde vor Mitternacht beginnt das Konzert. Das Publikum harrt aus, die Musiker haben eine 14-stündige Busfahrt hinter sich. Aber wer kann die Menschen enttäuschen, die in einem Land leben, dessen Regierung es in die außenpolitische Isolation getrieben hat. Auf der Pressekonferenz am nächsten Morgen berichten wir über die Schikanen der Grenzpolizei. Am Abend in Belgrad erscheint der jugoslawische Jugendminister zum Empfang, der ebenfalls unfreundliche Worte zu hören bekommt. Aber das Konzertpublikum auch in der jugoslawischen Hauptstadt: ein ausverkaufter Saal.
Die Nationenvorstellung des Orchesters, jedes Land wird begeistert begrüßt. Der Bosnier ebenso wie die Kroatin, die Deutschen wie die Kanadier, die US-Amerikaner ebenso wie die Brasilianer, allen voran natürlich der jugoslawische Trompeter.
Wir erfahren, dass seit zehn Jahren kein internationales Ensemble mehr in Belgrad gastiert hat. Das Orchester erspürt feinfühlig die Spannung im Saal: Es wird das beste Konzert der Südosteuropa-Tournee, umjubelt von einem kulturell ausgehungerten Publikum. Die Botschaft ist angekommen. Musik kennt keine Grenzen, sie wird verstanden als Sprache der Humanität. Nationalismus hat in ihr keinen Platz.
So wird aus einem künstlerischen Ereignis unmittelbar ein politisches, aus einer künstlerischen Erfahrung eine politische. Und eine vielfach vorgetragene Bitte: Kommt bald wieder.