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Alles abgehakt?!

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Der Mensch ist ein historisches Wesen, sagt man. Laufend muß er sich seiner Geschichte vergewissern, damit er darüber nachdenken kann, was er behalten soll und was er vergessen darf. Es würde solche Sendungen nicht geben, wenn es nicht diesen Wunsch nach Organisation der Vergangenheit gäbe. Es handelt sich um verschiedene Formen der Geschichtsschreibung, also Organisationsformen von Chaos. Da gibt es den positivistisch orientierten Chronisten Martin Demmler mit seiner „Personengeschichte": Er startete in Berlin beim SFB mit „Das war das 20. Jahrhundert!" in 100 Komponistenporträts. Nach der Sendereihe kann man sich also beruhigt dem 21. Jahrhundert zuwenden, denn Demmler hat „es" abgehakt. Das also war es. Das Ganze ist ein Lottospiel: 100 aus 27.583. Demmler und dem SFB steht das „ideengeschichtliche" Systematiker-Team des SWR mit einer Art „Funkkolleg der Musik des 20. Jahrhunderts" gegenüber. Es ist nicht chronologisch konzipiert, sondern substantiell und erfasst somit auch sogenannte Randbereiche wie Popkultur und Jazz. Am anspruchsvollsten ist die „historisch-materialistische" Konzeption von Reinhard Schulz. Er und der Bayerische Rundfunk haben gleich ein ganzes Jahrtausend im Visier und kommen mit zwölf Folgen aus – merkwürdig. Dabei sucht Schulz historische Knotenpunkte auf und verhandelt musikalische Themen in der Form des Hörspiels. Er allein wagt sich auch in die Zukunft, ins Jahr 9901, den Beginn des hundertsten Jahrhunderts. Auf seine Idee scheint Walter Benjamins These zu passen: „Vergangenes historisch zu artikulieren heißt nicht, es erkennen ‚wie es eigentlich gewesen ist‘. Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt." Die Gestaltung von Schulz erinnert an die Methoden und Lösungen französischer Geschichtsschreiber wie Febvre, Braudel, Aymard oder Duby – bilderreich und literarisch. Alle Sendeideen werden Aspekte ans Tageslicht führen, die man „so" noch nicht wahrgenommen hat, und darum mögen sie zusammen hoffentlich ein Rezeptionschaos verursachen. Denn so gern man die Vergangenheit nutzt, um die Gegenwart zu verschleiern, so sehr kann der Historiker dazu beitragen, eine Beunruhigung herbeizuführen. Jede Antwort sollte mindestens zwei Fragen aufreißen.

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