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Das Internet als Kulturtransportmittel

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Die Barbarei einer vermeintlichen Demokratie
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Insgesamt zwei Veranstaltungen auf dem Medienkongress in Regensburg widmeten sich dieser Frage. Dabei stellte sich an vielen Stellen heraus, dass man unter diversen Definitionsproblemen unbedingt zu leiden gedachte. Wann immer einem Diskussionsthema eine einigermaßen komplexe Struktur anhaftet, besteht ein gerne beschrittener Lösungsweg im Durchsuchen der Definitionsmaschinen. Was ist das Internet? Was ist Kultur? Was ist ein Transportmittel? Ein anderer Lösungsweg besteht in der Relativierung der Fragestellung an sich. „Das Internet ist einfach: das ist nun einmal ein Faktum, es transportiert, aus und vorbei.“

Insgesamt zwei Veranstaltungen auf dem Medienkongress in Regensburg widmeten sich dieser Frage. Dabei stellte sich an vielen Stellen heraus, dass man unter diversen Definitionsproblemen unbedingt zu leiden gedachte. Wann immer einem Diskussionsthema eine einigermaßen komplexe Struktur anhaftet, besteht ein gerne beschrittener Lösungsweg im Durchsuchen der Definitionsmaschinen. Was ist das Internet? Was ist Kultur? Was ist ein Transportmittel? Ein anderer Lösungsweg besteht in der Relativierung der Fragestellung an sich. „Das Internet ist einfach: das ist nun einmal ein Faktum, es transportiert, aus und vorbei.“Dabei hat die Frage ihre Berechtigung und die eben gegebenen Antworten bestätigen die Unsicherheit im Umgang mit diesem Medium, das, um es vorwegzunehmen, einen sehr komplexen Medienverbund darstellt. „Das“ Internet gibt es nicht. Eine Suchmaschinenbefragung zum Thema „Internet und Kultur“ offenbart erstaunlich wenige Ergebnisse, die auch noch ein gewisses theoretisches Niveau aufweisen. Man könnte annehmen: Im Web ist das Thema Kultur nicht eines, was diskutiert wird, sondern eines, das praktiziert wird. Diese Annahme unterstützt die Tatsache, dass über den kulturellen Wandel durch die Präsenz der neuen Medien viel geschrieben wird, aber mit den „alten Waffen“ des Buchdrucks. In deren Mittelpunkt stehen gesellschaftstheoretische Überlegungen. Doch schon einer Suchmaschinenbefragung eine derart große Bedeutung zuzusprechen, ist irreführend.

Gerade mal fünf bis zehn Prozent des Internets sollen durch Suchmaschinen erschlossen sein. Wenn dann immer häufiger, gerade unter Schülern, sich die Überzeugung durchsetzt, dass, was nicht im Internet zu finden ist, schlichtweg nicht vorhanden zu sein scheint, dann wird diese neue Kultur zur historischen Barbarei.

Kultur ist ein Transportmittel gesellschaftlicher Kommunikation. Wenn die Kommunikationsformen von einem Medium in ein anderes übergehen, dann verändern sich nicht nur die Wege sondern auch die Inhalte. Das zeigt sich nicht nur an sprachlichen Veränderungen, sondern auch am Telos der Kommunikation. Diese scheint sehr viel praktischer orientiert, das heißt sie funktioniert nach Fragesituationen in konkreten Lebenslagen und -fragen der Kommunikationsgemeinschaften im Netz: „Wie bekomme ich ein billiges und gutes Klavier? – Welche Aufnahme der fünften Sinfonie von Mahler/Beethoven/Bruckner ist die Beste? – Wie bringe ich es den Kindern bei? – Wer hat Material für irgendwas?“ Gleichzeitig entwickelt sich dabei nicht selten eine Forderungshaltung: Man erwartet in der Netzkommunikation, sei es per E-Mail, im Usenet, in webbasierten Diskussionsrunden häufig unbedingte und schnelle Antworten, die selbstverständlich nichts kosten dürfen. In den Netzen kommen Menschen miteinander in Berührung, die den Weg über Telefon, Brief oder persönliches Gespräch nicht führen müssen. Das ermöglicht eine freiere Kommunikation, aber auch eine hemmungslosere und unverbindlichere.

Eine wichtige Beobachtung: Kontroverse Diskussionen, die man im Zusammenhang alter Kommunikationsverfahren wie bei Meetings, Panels, Kongressen und so weiter beobachten kann, übertragen sich im Bereich der Kultur so gut wie gar nicht ins Netz. Ein Blick auf diverse Internetdiskussionsforen oder Mailinglisten macht dies schnell deutlich.

Was sich dort äußert ist oft flach oder wird langsam zerstört durch persönliche Aversionsleistungen zwischen einzelnen Beteiligten. Irgendwie scheinen die Diskussionen, das merkt man deutlich, nicht effizient. Gerade im Bereich der Musikkultur ist dieses Problem deutlich präsent. Die vielbeschworene Demokratisierung durch das Internet scheint nur eine rhetorische Luftblase zu sein. Es gibt in den Medien des Netzes sehr viel Kommunikation, aber es wird zugleich immer weniger Inhaltliches kommuniziert, nicht zuletzt, weil die Experten lieber unter sich bleiben und nicht auch noch auf einen Haufen von Trollen sich einlassen möchten.

Kommunikationskulturen brauchen Traditionen. Während im bunten World Wide Web kein Jahr mehr vergeht, in dem nicht eine Weiterentwicklung der Netzsoftware (Browser, E-Mail-Clients) stattfindet, die zudem untereinander nur leidlich kompatibel sind, gibt es das alte trockene Usenet (vgl. auch Andreas Hecks Artikel zu den Newsgroups . Dessen technische Einfachheit und Nachhaltigkeit ist die eigentliche Stärke.

Ein Blick auf übliche Forensysteme im Internet zeigt schnell, wie müde es dort in gehobenen Themenkreisen abgeht (siehe den Screenshot des Forums zum diesjährigen Symposium des Dachverbandes der Studierenden der Musikwissenschaft).

Und langsam beschleicht einen das Gefühl, dass an dem Bonmot der Comicfigur Homer Simpson, der auf den Hinweis seiner neunmalklugen Tochter, dass in Springfield ein Internetcafé aufgemacht habe, trocken nachfragt: „Was, das Internet gibt es noch?“, etwas Wahres dran ist. Nun gut, das Internet gibt es zwar nicht, aber immerhin ist es schön bunt. Es mag einen blenden, locken und, von mir aus, auch verderben. Doch das tut es nicht zu sehr. Noch scheint die These des Kommunikationsforschers C. Wright Mills aus dem Jahr 1963 zuzutreffen: „Was letztlich Meinungsveränderungen wirklich verursacht, ist nicht das Lesen, Hören beziehungsweise Sehen der Massenmedien, sondern das Gespräch der Menschen miteinander.“

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