Body
Der Chor des Mitteldeutschen Rundfunks ist mit 73 Mitgliedern der größte professionelle Konzertchor innerhalb der ARD. Ein Jahr nach seiner Gründung wurde der Chor 1946 vom Mitteldeutschen Rundfunk in Leipzig übernommen. Geprägt durch seinen Chefdirigenten Herbert Kegel entwickelte er in den 50er und 60er Jahren Klangkultur, die ihn in die Reihen europäischer Spitzenchöre aufrücken ließ, wo er sich bis heute behauptet. Dazu trugen später auch die Dirigenten Dietrich Knothe, Horst Neumann, Wolf-Dieter Hauschild und Jörg-Peter Weigle bei. 1988 übernahm Gert Frisch-muth den Chor und führte ihn durch die schwierige Zeit der politischen Wende in Ostdeutschland ohne Verlust an künstlerischer Qualität.
Seine Nachfolge übernahm im Mai 1998 Howard Arman. 1954 in London geboren, studierte er am Trinity College of Music. 1991 gab Howard Arman sein Debüt als Dirigent im Musikverein Wien, vier Jahre später leitete er die offizielle Eröffnung der Salzburger Festspiele. Für die Neuformierung des Händelfestspielorchesters anläßlich seiner Produktion von „Orlando“ wurde er 1996 mit dem Händelpreis geehrt. Winfried Stanislau, Redakteur für Chormusik beim Mitteldeutschen Rundfunk, sprach mit Howard Arman über dessen zukünftige Pläne als Chef des MDR-Chores.
Winfried Stanislau: Herr Professor Arman – Sie wollten den Chor, und nun haben Sie ihn. Was haben Sie übernommen? Was ist es, das den Chor immer wieder in die erste Reihe der europäischen Spitzenchöre stellt?
Howard Arman: Was man zunächst mit einem Rundfunkchor verbindet, ist eine breite Palette an Stilrichtungen. Es ist möglich, in allen Musikrichtungen zu singen und dabei eine für unsere Zeit gültige Weise zu finden, diese Musik zu vermitteln. Es ist auch nicht selbstverständlich, daß man bei einem so großen Chor beispielsweise barocke Musik singen kann, aber der Chor verbindet die Klangtransparenz mancher kleinerer Ensembles mit der Klangfülle eines großen Chores. Das ist sehr schön.
Stanislau: Sie sprachen einmal – vor Ihrem Amtsantritt – von dem „großen Chor mit den schlank geführten Stimmen“. Wie ist Ihr Klangideal?
Arman: Mein Klangideal richtet sich nach der jeweiligen Aufgabe, aber es ist zunächst mal wichtig, daß man einen Klang von unten aufbaut und daß jede Stimme ihre Fortsetzung in der nächsten findet. Dabei darf der Chor nicht in einzelne Stimmen zerfallen, sein Klang liegt in der Homogenität. Bei den Einzelstimmen favorisiere ich einen obertonreichen Klang, eine obertonreiche Stimmführung; dadurch wird es möglich, eine große Bandbreite an Vokalfarben ohne Fälschung zu singen.
Stanislau: Sie haben in dieser Saison zwei A-cappella-Konzerte im Leipziger Gewandhaus dirigiert, die im Hinblick auf Repertoire und Programmdramaturgie außergewöhnlich waren. Im ersten Konzert, am 31. Oktober 1998, hatten Sie im ersten Teil englische Komponisten des 20. Jahrhunderts vorgestellt, das zweite Konzert, am 23. Januar 1999, war dann Komponisten gewidmet, die ihren Ursprung in Osteuropa haben. Dürfen wir uns auch zukünftig freuen auf Werke von Meistern neben Schumann, Brahms und Reger?
Arman: Es ist unheimlich wichtig, daß man Anschluß findet von den vorhandenen Musikempfindungen in andere Stilrichtungen. Das erweitert unsere Gefühlspalette, das gibt uns ganz aufregende neue Perspektiven. Diese Stücke waren keineswegs unbekannt oder abwegig, es geht mehr um die Zusammenstellungen.
Stanislau: So hatte ich auch den zweiten Teil Ihres Konzertes vom Oktober des vergangenen Jahres verstanden. Es wurden unterschiedliche Vertonungen gleicher Texte aneinander gereiht und auch Werke einbezogen, deren inhaltliche Aussage das Thema abzurunden vermag. Ein Beispiel: „Tummel dich, guts Weinlein“ ist eigentlich ein Landsknechtstrinklied. Wir hörten zunächst eine Vertonung von Jacob Meiland aus dem 16. Jahrhundert, dann die Version Paul Hindemiths 400 Jahre später, und schließlich folgte „Landsknechte“ aus „Sechs Stücke
für Männerchor“ op. 35 von Arnold Schönberg. Das gleiche Prinzip wurde verfolgt bei den Themenkreisen „Der Mai“, „Reiselust“ und „Der Tod“. Wird diese intellektuelle Forderung des
Publikums ein zukünftiges Konzertprinzip?
Arman: In gewissen Situationen ist es eine Voraussetzung, auf die man bauen muß. Sie erwähnten ein sehr gutes Beispiel, wie ein Thema dreimal auch anders angeschaut werden kann.
Stanislau: Die ausgedehnte Konzerttätigkeit der MDR-Klangkörper brachte es mit sich, daß Studioproduktionen des Chores in den vergangenen Jahren weitgehend auf der Strecke blieben. Seit Ihrem Amtsantritt wird wieder produziert. Wo sehen Sie Ihre Schwerpunkte?
Arman: Es ist wichtig, Programme zu erstellen, die sowohl für den Konzertsaal als auch für den Rundfunk gut sind. Schönberg ist mir ein großes Anliegen, weil seine A-cappella-Musik zu einer Chorliteratur gehört, die immer noch unterbelichtet ist. Sie haben mit op. 35 bereits ein Werk erwähnt, an das die meisten Chöre überhaupt nicht rankommen, weil die Schwierigkeiten so groß sind. Mit dem MDR-Chor haben wir aber einen Klangkörper, der für derartige Musik geradezu prädestiniert ist. Und er kann auch zeigen, daß Schönbergs Musik keineswegs ohne Emotionalität ist, was dem Meister gelegentlich angelastet wird. Wir werden das „Große Morgen- und Abendlob“ von Rachmaninoff produzieren und auch Bachs „Matthäus-Passion“ in der Bearbeitung von Mendelssohn. Dieses letztere Vorhaben hat auch einen anderen Hintergrund. Bearbeitungen sind eine lebendige Auseinandersetzung mit Musik aus einer anderen Zeit oder einer anderen Gattung. Für Mendelssohn war es noch selbstverständlich, daß man Werke der eigenen Zeit gemäß einrichten kann ohne Verlust an Respekt vor dem Komponisten, ohne Verlust an Qualität des Originals. Der MDR-Chor wird in diesem Jahr weitere Bearbeitungen singen; wir haben gerade Händels „Alexanderfest“ in der Mozart-Bearbeitung aus gleichen Überlegungen gemacht. Es wird auch eine Einspielung geben von Grauns „Der Tod Jesu“. Das wiederum hängt ein wenig mit Bach und Mendelssohn zusammen, denn Sie wissen ja, daß, bevor Mendelssohn Bach geholfen hat, wieder in das gängige Repertoire der Karwoche zu kommen, war es eben die Komposition von Graun, die diesen Platz jahrelang innehatte. Weiter wird es auch eine CD geben zum Thema „Das Hohelied Salomons“ mit einigen Ersteinspielungen.
Stanislau: Es gibt weitere Meister des 20. Jahrhunderts, deren Werk heute nicht mehr die Rolle spielt, die ihm eigentlich angemessen wäre. Ich denke an das Spätwerk des alten, einsamen Strawinsky, an die „Lamentationes“ von Ernst Krenek. Ich spreche jetzt mit dem Berufsegoismus des Musikredakteurs: Solche Aufnahmen stünden unserem Archiv sehr gut zu Gesicht.
Arman: Krenek ist schon ein Thema für mich, die „Lamentationes“ habe ich momentan auf meinem Pult. Strawinsky gehört für mich – und das klingt sicher komisch, wenn man es auf einen Künstler bezieht, der in aller Munde ist – zu den am meisten unterschätzten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Dieses Schicksal teilt er in der klassischen Periode mit Joseph Haydn und in der späten Renaissance mit Gabrieli. Mit Strawinsky haben wir in unserem Konzert vom 23. Januar dieses Jahres einen Anfang gemacht, und seine „Vier russischen Volkslieder“ wurden für eine CD produziert.
Stanislau: Jeder Chor wird in erster Linie a cappella gefordert, und nicht nur durch seine Mitwirkung in chorsinfonischen Aufführungen. Beim MDR gibt es eine Konzertreihe mit dem Namen „A cappella exquisit“. Das waren bisher vier Konzerte im Jahr, von denen der MDR-Chor allerdings nur zwei bestritt; die beiden anderen waren Gastchören vorbehalten. Das scheint mir einfach zu wenig zu sein. Ein Chor von derartig exzellenter Qualität muß im europäischen Musikleben als A-cappella-Ensemble präsent sein, wie beispielsweise der Eric-Ericson-Kammerchor unter Leitung seines legendären Namenspatrons. Aber Gelegenheit, die eigene Visitenkarte abzugeben als eines der besten europä-ischen A-cappella-Ensembles, hat der Chor doch recht selten.
Arman: Das ist Gegenstand ständiger Gespräche. Ich habe die erste Gelegenheit genutzt, Produktionszeiten in Anspruch zu nehmen für Einspielungen und A-cappella-Konzerte, die dann freilich auch mehrfach stattfinden sollten. Im Februar 2000 beginnen wir eine sehr lange A-cappella-Strecke, sie umfaßt mehrere Konzerte und eine ganze Reihe von Einspielungen.
Stanislau: Welchen Forderungen, welchen Ansprüchen wird sich der Chor in Zukunft zu stellen haben?
Arman: Der Chor muß immer reflektieren, was in seiner Zeit geschieht, und er muß ein Medium sein, künftige Visionen zu vermitteln. Ich halte nicht sehr viel von dem gedankenlosen Wiedergeben vergangener Kulturgüter, ich halte dagegen sehr viel von einer neuen Wertschätzung des längst Verklungenen. Ich habe ein wenig Angst, daß Werte auf ihr klangliches Gewand reduziert werden. Man kann sich etwas neu ansehen in unserer Zeit, man kann sich aber auch einfach auf die Äußerlichkeiten beschränken. Und wenn jemand sagt, wir kombinieren Bach mit Jazz, dann muß ich erst mal fragen, vor welchem geistigen Hintergrund das gemacht wird. Denn allein das zu tun, hieße, es geht nur um das Klangliche, und bei Bach ist das fatal. Wir haben die Pflicht, gerade bei so universell anwendbaren Kulturgütern unsere Aufmerksamkeit zu schärfen. Wir haben einen kulturellen Auftrag, der kaum wichtiger sein könnte, und wenn wir ihm gerecht werden wollen, dann müssen wir im Umgang mit Kunst in jeder Hinsicht eine größere Selbstverständlichkeit entwickeln. Und was das musikalische Europa betrifft, so wünsche ich mir, daß wir fähig sind, Vielfalt in der Einheit zu sehen und Einheit in der Vielfalt.
Stanislau: Herr Professor Arman, ich danke Ihnen für das Gespräch