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Neue Musik und Globalisierung

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„Ist die Neue Musik auf ihrem außereuropäischen Auge blind?“
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Die Welt wächst zusammen. Und das natürlich nicht erst mit dem Begriff Globalisierung, der seit Anfang der neunziger Jahre fröhlich Konjunktur feiert, wenngleich die damit geschaffenen Tatsachen nicht jede und jeden so froh stimmen, wie Wirtschaft und Politik es sich erträumen. Die anvisierte Grenzenlosigkeit für alles, was Profit bringt, kennt keine Grenzen, weder humane noch ökologische noch ...

Auch die Kunst, vornehmlich die Musik und insbesondere ihre Sparten Pop, Jazz sowie die des zeitgenössischen E-Sektors, ist an diesem Globalisierungsprozess beteiligt. Allerdings nicht nur aus Profitgründen, wobei auch diese oft kaum zu leugnen sind, als vielmehr, um andere Kulturen kennen zu lernen, um die eigene zu hinterfragen, um ästhetische Fragen oder gesellschaftliche Probleme vor Ort zu studieren, um sich vom Fremden faszinieren und inspirieren zu lassen. Aber auch und eben nicht selten, um sich via Exotik aus einer künstlerischen Krise zu befreien, um sich am anderen zu bereichern oder um mit geklauten Garnierungen den mangelnden Pep der eigenen Fantasie wettzumachen. Über die Aneignungsresultate besagen die Motivationen jedoch noch nichts: Sie können – wie die Gründe selbst – naiv oder billig sein, kolonial und euroman, aber auch raffiniert, von neuer, zuvor nicht gekannter ästhetischer Substanz.

Das Problemfeld der musikalischen Akkulturation zwischen den nummerischen Welten und Kulturen ist riesig, vielschichtig, kaum überschaubar und weitaus älter als die Globalisierungsvokabel oder der Begriff und die Sache Neue Musik. Das Verhältnis zwischen Neuer Musik, die sich vor einigen Jahrzehnten anschickte, auch andere als nur ihre eigenen Welten (produktiv) zu erkunden und diese mithin brachial zu erobern, und den nicht (mittel)europäischen wie nordamerikanischen Musikkulturen evoziert immer noch viele Fragezeichen. Denn die Idee von so manchem Neue Musik-Protagonisten, Musik – wie auch immer sie beschaffen ist – sei eine universelle Sprache oder jedweder Klang der Welt könnte überall und gleichermaßen verstanden werden wie die letztlich erfolglos gebliebenen Kunstsprachen Volapük und Esperanto, hat sich ebenso wenig bewahrheitet wiewohl dieser Glaube immer noch grassiert – im übrigen weltweit und oft unter Preisgabe der eigenen kulturellen Provenienz oder Authentizität, um jetzt ein zentrales Reizwort zu nennen. Ein weiteres wäre das der Ignoranz gegenüber den fremden Musikkulturen, weil man die eigene als die bedeutsamste begreift.

Um Reizwörter, provokante Statements, weiterführende Thesen und klärende Positionen zur Beziehung von außereuropäischer Musik und Neuer Musik soll es in den folgenden Wochen gehen und hoffentlich auch darüber hinaus. Der konkrete Anlass für die aktuelle Diskussion über dieses brisante Thema ist das „transonic“-Festival, das das Berliner Haus der Kulturen der Welt zwischen dem 20. und 28. Januar 2004 zum zweiten Mal veranstaltet. Flankiert wird diese Veranstaltungsreihe (mit Konzerten und international besetztem Symposium) durch ein moderiertes Internet-Forum. Es öffnet sein Portal Anfang Dezember und steht allen offen, die das Sujet für ebenso aktuell und diskutabel erachten wie das Haus der Kulturen der Welt und die Gesellschaft für Neue Musik, die als Kooperationspartner dieses Projekt unterstützt und ihre Mitglieder zur regen Mitarbeit einlädt. Zumal die GNM als die Deutsche Sektion der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik die Weltmusiktage 2006 in Stuttgart ausrichtet, federführend projektiert und realisiert vom Team der „Musik der Jahrhunderte“. Das Stuttgarter Thema der WMT 2006: „Grenzenlos. Über Chancen und Gefahren im Zeitalter der Globalisierung“. So sind die GNM-Mitglieder und natürlich auch andere Interessierte eingeladen, ihre Positionen über Fragen und Auswirkungen der Globalisierung auf die aktuelle Musik sowie über die Beziehung zwischen Neuer Musik und außereuropäischer Musik auf der Internet-Plattform zu platzieren und mit den anderen Teilnehmern zu diskutieren. Das Haus der Kulturen der Welt und die GNM erwarten ein spannendes Forum, deren Ergebnisse über die eigenen Tellerränder hinausführen und neue (musikalische) Denkansätze mit sich bringen. Die bewusst provokant formulierte Initialfrage lautet: „Neue Musik will grenzenlos und global sein. Aber ist sie nicht auch auf ihrem außereuropäischen Auge blind oder eurozentristisch?“

Dieter Mack (Lübeck), Sandeep Bhagwati (Berlin) und Guillermo Gregorio (Chicago), drei Komponisten, die sich seit Jahren intensiv mit diesem Problem auseinander setzen, haben bereits zwei grundlegende Statements formuliert. Sie eröffnen die Diskussion im Internet-Forum, das bis Mitte Februar geöffnet ist und deren Ergebnisse anschließend publiziert werden.

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