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Rückblende 2020/06

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Vor 50 und vor 100 Jahren
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Vor 100 Jahren: „Hugo Riemanns Musiklexikon liegt in 7. Auflage vor" *** Vor 50 Jahren: Bernd Alois Zimmermann entwickelt anlässlich der Uraufführung seiner Oper „Die Soldaten“ nach dem gleichnamigen Drama von Jakob Michael Lenz „Neue Aspekte der Oper“ und erläutert seine kompositorische Methode

Vor 100 Jahren

„Hugo Riemanns Musiklexikon liegt in 7. Auflage vor und sie hat die Vorgängerin räumlich wieder überholt. Gerade diese Bedeutung lässt es durchaus notwendig erscheinen, nicht bloß beim Dank stehen zu bleiben, sondern dem Inhalt in kritischer Nachprüfung zu folgen, vor allem wachsam zu sein, wo Riemann nicht nur mitteilender Lexikograph ist, sondern das Amt eines kritischen Richters ausübt ... Es wird sich herausstellen, dass es Zeit ist, gegen den Pessimismus Front zu machen, insofern als unsere gesamte zeitgenössische Produktion in Betracht kommt.

In medias res: Richard Strauss! Riemanns Urteil in der Neuauflage 1909:
‚...nur allzu deutlich tritt sein der ernsten Kunst feindliches Streben nach Sensation um jeden Preis unverhüllt hervor. Mehr und mehr erscheint sein Ruhm als ein Koloss mit tödlichen Füßen...‘ Wie, ein Hugo Riemann sollte sich in Richard Strauss so geirrt haben, dass er sich in einem Zeitraum von nur ein paar Jahren in dieser Weise so desavouieren müsste? Er, der 1905 noch von einem ‚hochbegabten Komponisten‘ spricht, dessen Können ‚ein imponierendes‘ ist, der ‚mit seltener Meisterschaft das Kolorit und die Instrumentation beherrscht‘, weiß heute nichts anderes Gutes mehr zu sagen über die die ganze Welt am stärks­ten interessierende musikalische Persönlichkeit. Wenn solche überraschenden Aburteilungen eines Komponisten, dessen Entwicklung die Welt seit zwei Dezennien mit steigendem Interesse folgt, sich in einem Musiklexikon finden, das ein berühmter Gelehrter herausgibt und mit seinem Namen deckt, so sagen wir: Hier ist etwas nicht in Ordnung. Und nicht ohne schmerzliches Gefühl müssen wir bekennen, dass wir anfangen, an der Objektivität und strengen Sachlichkeit seines Urteils zu zweifeln, welche Eigenschaften einem Lexikographen vor allem eigen sein sollten!“

Neue Musik-Zeitung, Jahrgang 1910 Heft 17, Seite 347f.

Vor 50 Jahren

Bernd Alois Zimmermann entwickelt anlässlich der Uraufführung seiner Oper „Die Soldaten“ nach dem gleichnamigen Drama von Jakob Michael Lenz „Neue Aspekte der Oper“ und erläutert seine kompositorische Methode: „Wir nennen sie ‚seriell‘. Es zeigt sich, dass der Aspekt des Seriellen Möglichkeiten eröffnet, die gerade dazu geschaffen zu sein scheinen, dem vielschichtigen Gefüge, dem monströsen der Oper, gerecht zu werden ... Das was mich vor allem zu den ‚Soldaten‘ geführt hat, ist nicht so sehr das Zeitstück, auch nicht etwa das ‚Klassendrama‘, der soziale Aspekt oder die soziale Kritik, die unüberhörbar und auf ihre Weise großartig in dem Werk enthalten sind, sondern die Tatsache, wie hier in einer exemplarischen Situation Menschen, wie wir ihnen zu allen Zeiten begegnen können, einem Geschehen unterworfen werden, dem sie nicht entfliehen können ... Für die Bearbeitung des Stoffes als Libretto war der dargelegte Gesichtspunkt des dramaturgischen Pendelschlags zwischen Sukzessiv und Simultan ebenso maßgeblich wie die Unantastbarkeit der dichterischen Sprache ... Alles agiert gemäß dem Rhythmus der sich überlagernden Zeit- und Erlebnisschichten und erzeugt jene gleichsam raum-zeitliche, szenische Rotation, aus der Wortfetzen, Handlungssplitter, Einzel- und Teile von Gesamtaktion wie aus einem Strudel emporgeschleudert werden. Vom geflüsterten Wort bis zum sich überschlagenden Schreien sind alle Stadien menschlicher Stimmäußerung enthalten. Gesprochenes und gesungenes Wort gehen ineinander über, werden in Geräuschaktionen hineingetragen, die sich rhythmisch in Klopfen, Schlagen, Stoßen und Stampfen, ja bis in die tänzerische Bewegung hinein transformieren, wobei Überlagerungen von gleichzeitigem Sprechen, Deklarieren, Schreien, Singen und rhythmischen Geräuschaktionen mit Phasen einzelner musikalischer und szenischer Aktionen abwechseln ... Das gesamte musikalische Material für die Oper wird aus einer symmetrischen Allintervalltonreihe gewonnen, aus der dann die konstituierenden Verhältnisse für das Gesamtwerk entwickelt werden.“

IX. Jahrgang, Nr. 3, Juni/Juli 1960, Seite 1f.

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