Der liebe, gute „Humpi“ ist nicht mehr. Hänsel und Gretel und die Knusperhexe […] oder wen sonst der gute Märchenonkel musikalisch betreut hat, sie alle trauern an seinem Grabe. […] Was ist uns Humperdinck, was wird er der Zukunft sein? Wollte man ihn mit einem Wort charakterisieren, ihn einer bestimmten Richtung eingruppieren, so könnte man zunächst in Verlegenheit kommen. Er war weder modern, noch unmodern.
Erscheinungen, die so wie er ihre ganze Kraft aus dem Boden des spezifisch Volkstümlichen ziehen, bilden eigentlich eine Sondergruppe für sich, sind gewissermaßen neutrales Gebiet, das von Partei und Gegenpartei gleich geachtet oder gar geliebt wird. Denn Humperdinck war ein Mann des Volkes, so sehr ein flüchtiger Blick auf das Bild seiner mit höchster Kunst gearbeiteten, oft kompliziert anmutenden Partituren zunächst das Gegenteil zu beweisen scheint.
Die Art seiner Themen- und Melodienbildung basiert durchaus auf dem Volkslied, der ganze Inhalt, das Lebensmark seiner Kunst ist, aus der technischen Struktur losgelöst, volkstümlich. […] Er fand den Ton, der noch uns Männer und Frauen mit jenem süßen Schauer erfüllt, wie einst als Kinder die Märchen aus der Mutter Munde. Wer vermöchte sich, wenn er ein Herz in der Brust hat, den geheimnisvollen Wundern der Waldszene des zweiten Aktes [von „Hänsel und Gretel“] zu entziehen? Hier haben wir zum ersten Male in der Musikgeschichte den musikdramatischen Ausdruck für das Märchen in Reinkultur. […] Gewiß, Humperdinck kommt von Wagner und führt uns zu Wagner. Aber er tut es in den Grenzen eines von Wagner seitab liegenden Gebietes und mit dem Kommentar einer eigenen starken Persönlichkeit. […]
Otto Besch, Neue Musik-Zeitung, 43. Jg., 3. November 1921