Die sieben beliebtesten Instrumente an deutschen Musikschulen sind Klavier, Gitarre, Violine, Blockflöte, Querflöte und Keyboard. Vor einem Jahr verdrängte das Schlagzeug erstmals das Akkordeon in der Gunst der Schüler und rückte damit auf Platz sieben der Beliebtheitsskala vor. Während der Trend bei Klavier, ganz stark bei Blockflöte und auch etwas bei Gitarre rückläufig ist, sind die Zahlen beim Schlagzeug rapide ansteigend – in den letzten zehn Jahren haben sich die Schülerzahlen im Schlagzeugunterricht an den Musikschulen beinahe verdoppelt. Der französische Perkussionist und Komponist Michel Cerutti bezeichnete das Schlagzeug als „das Instrument des 21. Jahrhunderts“. Ein Grund für den Trend zu Rhythmusinstrumenten mag auch darin liegen, dass sie das ideale Bindeglied zwischen populärer und ernster Musik zu sein scheinen. Auf der Musikmesse Frankfurt hatte Andreas Kolb, Chefredakteur der nmz, die beiden Schlagzeuger Richard Filz und Gerwin Eisenhauer zu einem Gespräch am Stand.
Andreas Kolb: An was liegt eurer Meinung nach die neu erwachte Popularität eines der ältesten Instrumente der Menschheit?
Richard Filz: Das Schlagzeug ist ein attraktives Instrument. Es gibt was her, optisch und auch akustisch. Man hat im Unterricht relativ schnell ein Erfolgserlebnis. Mit einem einfachen Beat kann man rasch viele Songs begleiten, kann sofort in einer Band mitspielen und ist mitten drinnen.
Drei Fallbeispiele zum Thema Schlagzeugunterricht. Ich kenne Familien, da ist der Vater Musikjournalist und Geiger, die Mutter Sängerin. Oder die Mutter Opernsängerin und der Vater Studienrat, oder die Mutter Klavierlehrerin und der Vater Kommissar. In allen Fällen haben sich die Söhne ausnahmslos fürs Schlagzeug entschieden. Wie passiert so was?
Gerwin Eisenhauer: Die Akzeptanz vom Schlagzeug als Musikinstrument ist in den vergangenen 20 Jahren enorm gewachsen. In den 50er-, 60er-Jahren wurde es nicht als Instrument anerkannt. Als ich an der Musikschule Schlagzeug gelernt habe, wurde das Fach gerade eingeführt. Es ist heute eine Generation Eltern da, die mit Rock, Pop, Jazz aufgewachsen sind, und eine ganz andere Akzeptanz gegenüber dieser Musik haben. Ein weiterer Grund ist die zunehmende Rhythmisierung von Musik. Bei Popmusik beruht alles auf einer Rhythmusbasis, viel stärker als auf einer harmonischen oder melodischen Basis.
Popularmusik hat in der allgemeinbildenden Schule Einzug ins Curriculum gehalten. Richard Filz hat sich Gedanken darüber gemacht, wie man Schlagzeug im Musikunterricht unterrichten kann, nämlich als Vokal Percussions. Wie ist das entstanden?
Vokal Percussions bezeichnet eine ganz einfache Sache: das Imitieren von Schlagzeug mit der Stimme. Dafür habe ich ein Konzept entwickelt. Es gibt mehrere Möglichkeiten, eine davon ist eine einfache Silbensprache. Das heißt, die Base-Drum imitiere ich mit der Silbe „dun“. Als nächstes die Hi Hat mit der Silbe „z“. Dann gibt’s noch Snare-Drum in ihrer einfachsten Version: „k“. Dun – z – k. Das ist eine Möglichkeit der Klangerzeugung, das geht schon mit kleinen Kindern. Wenn ich einen Workshop mache, dann verbinde ich die Silben mit einer Lufttrommelbewegung. Das heißt, ich sage, rechte Hand auf der Hi Hat durchgehend spielen. Koordinative Fähigkeiten noch mehr fordern, linke Hand auf zwei und vier. Wenn man jetzt die Base-Drum noch dazu macht gleichzeitig mit der Silbe, dann hat man eine Klangvorstellung durch das Vokalisieren. Durch das Lufttrommeln hat man das koordinativ gelernt, dann können das etwa 50 Prozent der Schüler sofort am Schlagzeug spielen. Das ist einfach eine Methode, Schlagzeug spielen zu lernen.
Es gibt den Einzelunterricht, es gibt den Musiker, den man ausbildet, es gibt auch die Klasse.
Gruppenunterricht ist beim Schlagzeug eigentlich nicht möglich. Außer man stellt 10, 20 Drum-Sets in einem Kreis auf, was bei Kinder und Jugendlichen zu einem Chaos führen könnte. Wenn man aber so einen Groove mal vokalisiert, das Lufttrommeln dazu, dann kann das die ganze Gruppe lernen und dann kann ich einen raus nehmen aus der Gruppe und ans Drum-Set setzen. So kann ich das in einer Schulklasse unterrichten.
Wir haben hier zwei unterschiedliche Schlagzeugkonzepte vorliegen. Das eine ist „Rap, Rhytm and Rhyme – Vocal Percussion in der Klasse“ (UE) von Richard Filz. Bei der Edition Dux hat Gerwin Eisenhauer ein Lehrwerk unter dem Titel „Welcome to the Jungle“ herausgebracht. Gerwin, du versuchst tatsächlich, Drum´n´Base Musik zu unterrichten. Das ist computererzeugte Musik, moderne junge Tanzmusik. Kann man das am Schlagzeug spielen?
Eisenhauer: Das Buch ist aus der Idee entstanden, dass am Computer Grooves gebastelt wurden, die nicht spielbar sind. Für mich war die Idee die: Ist es möglich, den Klang oder die Ästhetik, die am Computer entstanden ist, am Schlagzeug umzusetzen? Eine Ästhetik, die auch dadurch entstanden ist, dass man Grooves aus den 60-ern gesampelt und höher gepitcht hat – dadurch wurden sie schneller als sie ursprünglich gespielt wurden. Wie spielt man das auf dem Schlagzeug, welche Trommeln muss man sich dazu besorgen, auf welche Art spielt und schlägt man?
Eigentlich eine Marktlücke. War das eigentlich so, dass es da eine große Nachfrage gab?
Eisenhauer: Das Problem bei Drum´n´ Base ist, dass es Undergroundmusik ist. In den Charts ist es kaum vertreten. Aber es gibt eine junge Generation von Schlagzeugern, die sich dafür interessieren, für die wurde das Buch geschrieben. Entstanden ist das Buch auch aus meiner Motivation, es selber zu spielen. Es war bestimmt ein Prozess von vier, fünf Jahren und ich habe mir einige Konzepte überlegt, wie man die Grooves vom Rechner auf´s Schlagzeug wieder zurückbringt und wie man es schafft, einen Beat wieder so klingen zu lassen, als ob er eigentlich programmiert wäre.
Das vollständige Gespräch ist abrufbar unter: nmzmedia.de