In der ersten Pause kursierte das Bonmot, wenn der eben verstorbene Festspielleiter Wolfgang Wagner noch zehn Jahre länger inszeniert hätte, so hätte sein letzter „Parsifal“ sicher auch so ausgesehen. In der Tat hatte sich das angereiste Wagner-Publikum aufgrund hochtrabender Vorberichte über die Intentionen Calixto Bieitos eine deutlichere, zumindest echt innovative Lesart erwartet.
Wahrlich nicht neu ist die Verlegung von Wagners „einst“ in die Zukunft, in Form einer futuristischen Endzeitversion, die obendrein deutlich mit der Rezeption vorhergehender Inszenierungen des „Parsifal“ spielt. Angesiedelt ist das Geschehen im Einheitsraum einer eingestürzten Autobahnbrücke, – wie sie Patrice Chéreau für Koltès’ „Kampf des Negers und der Hunde“ und Götz Friedrich für „Porgy and Bess“ in Bregenz brillant eingesetzt hatten, und wie sie domestiziert auch im Mittelakt von Tankred Dorsts Bayreuther „Siegfried“-Version zu sehen ist. Im umgebenden, abgestorbenen Wald streichelt eine nackte Schwangere ihren Bauch und prügeln sich exaltierte Rüpel mit Axt und Schutzmasken als Knappen und Ritter des Grals. Gurnemanz bedroht Kundry mit der Pistole und betreibt Missbrauch mit „seligen Boten“, Kindern in Messgewändern und mit Flügeln (siehe Herheims Bayreuther „Parsifal“-Inszenierung!).
Der von Gurnemanz totgeprügelte Knabe wird zunächst dem Fremdling Parsifal als Schwan-Ersatz untergeschoben und anschließend von den Gralsrittern verspeist. Offenbar herrscht echte Nahrungsnot; ein grünes Blatt, das Parsifal als Metapher für „zum Raum wird hier die Zeit“ gereicht wird, hat für ihn die Wirkung einer Ecstasy-Droge. Dramaturg Xavier Zuber hatte verlautbart, es gäbe in dieser Inszenierung keinen Gral, aber dann kommen – wie in Spielbergs „Indiana Jones“ – doch ganz viele potenzielle Gralskelche ins Spiel: von oben senkt sich ein großer Sack mit Schalen, Bechern, Leuchtern und anderen überkommenen Heilsrequisiten, die von der inhomogenen Endzeitgruppe individuell verehrt werden. Mit leicht veränderten Verkehrsschildern und Transparenten demonstrieren die Gralsritter ihre Gottsuche, und Parsifal wird das Wort „Erlösung“ auf die Brust gebrannt.
Klingsor agiert mit echtem Flammenwerfer und falschem Benzin, und die korpulente Kundry wechselt auf offener Szene Jeans und T-Shirt gegen ein buntes Kleidchen. Wie schon in Syberbergs „Parsifal-Film entblößt sie die Brust und lässt Parsifal während der Herzeleide-Erzählung ausgiebig nuckeln, verdrischt ihn aber, als er auch noch die zweite Brust haben will. Dass die sich anschließende Liebesszene – im Gegensatz zu Parsifals ablehnenden Worten – tatsächlich so körperlich intensiv gemeint ist, wie sie hier wirkt, enthüllt der dritte Akt: Kundry ist hochschwanger, und Parsifal richtet seine Taufworte an das Ungeborene. (Auch hier die Assoziation zu Herheims Bayreuther Inszenierung, wo anstelle des Grals ein Neugeborenes verehrt wird). Zuvor aber metzelt Parsifal mit einem Messer nicht nur eines der von Klingsor beschnittenen, trotz vorherrschender Nacktheit betont entsinnlichten Blumenmädchen, sondern auch Klingsor selbst – mit einem als Speer-Ersatz aus dem geborstenen Beton der Brücke gebrochenen Rohr.
Noch nicht genug des Blutvergießens, schneidet sich Kundry am Ende des zweiten Aktes die Zunge ab. Im dritten Akt lallt sie dann nur noch das ihr einzig zu singen verbliebene, doppelte „Dienen“. Gemeinsam mit Parsifal sucht sie den blind gewordenen, sich blutig kasteienden Gurnemanz auf. Ihr Stöhnen rührt von frühen Wehen her. Auf einem Einkaufswagen drapiert sie Parsifal als künftigen Gralskönig, mit römischer Rüstung, Heiligengewand und mit allerlei angehängten Heilsobjekten, darunter auch einer Statuette Richard Wagners. Die hier wirklich ausgiebig gewaschenen Füße des künftigen Gralskönigs trocknet Kundry mit ihrer mitgeführten roten Verführungsperücke.
Beim Karfreitagszauber öffnen sich die Türen des Parketts für kerzentragende Kinder, während Gurnemanz Weihrauch schwenkt. Offensichtlich irre geworden, verteilt der nackte Titurel Blumen und wird von den eigenen Leuten brutal erschlagen, in jener Zinkbadewanne, mit der Amfortas im ersten Akt aufgetreten war. Die Stuttgarter Dramaturgie verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass Wagner aus dem „König der Fischer“, mit Bezug auf die Orestie und auf Ludwig Bechstein, einen „König im Bade“ gemacht habe. Am Ende legt Parsifal sein Heilsgewand ab und steigt nackt in jene Wanne, in der er, wie weiland Rienzi auf dem Schild, von seinen Mannen davongetragen wird. Einsam zurück bleibt die immer noch hochschwangere Kundry und futtert Eier aus einer Konservendose.
Diese Bildwelten einer stark religionsbetonten, ungewissen Heilssuche erhalten Tiefgang durch eine überragende musikalische Deutung. Manfred Honneck nimmt dem Weihfestspiel nicht die Weihe, lässt es aber nicht festfahren in Konventionen und betont das spielerische Element dieser Partitur. Dabei nutzt der Dirigent den Strukturreichtum als lebendiges, sich ständig wandelndes Material (analog Boulez) und deckt bei aller Dominanz des Staatsorchesters Stuttgart die Sänger nicht zu. Höhepunkte seiner Deutung sind die beiden Verwandlungsmusiken: aggressive Unerbittlichkeit im ersten und geradezu obszöne Brutalität im dritten Aufzug.
Auch der von Michael Alber einstudierte Chor ist großartig: in deutlichem Gegensatz zur optischen Statik und körperlichen Deformation. singen die Blumenmädchen betörend schön, und die blutig metzelnden Krieger verfügen stimmlich über Schlagkraft und einen verblüffend weichen Kern. Leider jedoch wird auf die Wirkung des Doppelchors im dritten Aufzug verzichtet, denn allen gemeinsam sind Fragen und Antworten.
Solistisch liegen die besten Leistungen bei dem farbigen Amerikaner Gregg Baker als stimmgewaltigem, dunkel timbriertem Amfortas und bei dem Dänen Stephen Milling, der Gurnemanz mit Differenzierungsreichtum gestaltet und dabei auch dankenswerte Piani einsetzt. Darauf muss man beim Parsifal des Andrew Richards, einem Amerikaner mit indianischen Wurzeln, leider verzichten, da er Dauergrinsen mit Dauerforte paart; die wenigen leisen Passagen, etwa in der weihrauchgeschwängerten Karfreitagsaue, klingen nicht gestützt und zu tief. Als Kundry bemüht sich die deutsche Sopranistin Christiane Iven um textliche Ausdeutung und differenzierte Klanggebung, aber die ehemalige Mezzosopranistin hat Probleme, diese auch in der Höhe zu gewährleisten. Trefflich hingehen Tina Hörholds Altstimme aus der Höhe des Zuschauerraums, die körperlich entstellten Gralsritter von Heinz Göhrig und Mark Munkittrik, wie auch die sehr weiblichen Knappen von Yuko Kakuta und Diana Haller und ihre männlichen Pendants Torsten Hofmann und Hans Kittelmann. In Claudio Otellis stimmlich kraftvoller Deutung des Klingsor obsiegt das Problem der Entmännlichung bei weiter existierendem Sexualbedürfnis als fehlgeleitetes Wollen.
Das Stuttgarter Opernpublikum, bereits seit der Ära Zehelein an ungewöhnliche Sichtweisen gewöhnt, goutierte den Abend und feierte am Ende den Dirigenten und die übrigen Mitwirkenden. In den beigeisterten Applaus mischten sich Buhrufe für den Regisseur und sein Team.
Weitere Aufführungen: 1. , 5. , 11. und 25. April