In Deutschland gibt es kaum noch eine Stadt, die nicht jammert. Das Geld wird knapp und knapper, die Steuereinnahmen sinken, oft gegen den Nullpunkt hin, die Kosten steigen und steigen. In Frankfurt am Main werden die Löhne und Gehälter der Stadtbediensteten sogar schon über kurzfristige Kreditaufnahmen finanziert. An anderen Orten sicher auch schon. Wer möchte da noch Bürgermeister sein? Oder gar Kulturdezernent? Denn bei der Kultur lässt es sich bekanntlich am einfachsten sparen, da kein Gesetz eine Kommune ausdrücklich zwingt, Kultur zu finanzieren: Alles freiwillig! So durchziehen denn immer häufiger Schmerzensschreie und Klagelaute der Kulturschaffenden die Lüfte über unseren Stadtlandschaften: Opernhäuser annoncieren Aufführungen ohne Bühnenbild, Orchester, wenn sie nicht ohnehin bereits liquidiert oder fusioniert wurden, schreiben immer mehr N.N. in ihre Besetzungslisten, weil amtlich verhängter Stellenstopp die Nachbesetzung pensionsreifer Mitglieder untersagt, Ballettensembles werden am besten gleich komplett aufgelöst (Frankfurts Verzicht auf William Forsyths Truppe darf man ruhig als kulturpolitische Bankrotterklärung bezeichnen) – das wären einige Beispiele nur aus dem Musikbereich, zu dem natürlich auch die Musikhochschulen und mehr noch die zumeist städtisch geführten Musikschulen zählen. Die Direktoren von Museen, Theatern, Bibliotheken und anderen Bildungseinrichtungen stimmen ähnliche Klagegesänge an: Vorwiegend jeder für sich – und damit wäre man bei einem Problem. Das Problem ließe sich unter dem Begriff „Zersplitterung“ subsumieren. Jeder protestiert, wenn’s ihn gerade trifft, und den geplagten Kulturdezernenten fällt es in der Regel nicht schwer, die Einzelattacken abzuwehren. Was man ihnen manchmal gar nicht verdenken darf: Stehen sie doch selbst unter ständigem Druck aus Bürgermeisterzimmern und um sich schlagenden Kämmerern, die nicht mehr ein noch aus wissen.
Ein kleines, gleichwohl hoffnungsfrohes Signal sendet in diesem Zusammenhang die Stadt Köln aus: Nein, nicht die Bürgermeisterei mit einem kulturabstinenten Betonkopf an der Spitze, auch nicht das Kulturdezernat, das von eben diesem Betonkopf kujoniert wird, sondern die Bürgerschaft selbst ergreift die Initiative. Organisiert vom Kölner Kulturrat und dem Verein „KunstSalon“ trafen sich in acht „workshops“ Experten und Vertreter zahlreicher Kölner Kulturinstitutionen zu Diskussionen über Gegenwart und Zukunft des Kölner Kulturlebens. Die einzelnen Arbeitsgruppen beschäftigten sich mit dem Tanz, dem Theater, der Musik, der Kulturpolitik, dem Film, der Kunst, der Zukunft ganz allgemein sowie dem Verhältnis zwischen der Stadt Köln und der Region.
Für die Musik sprachen unter anderem Albin Hänseroth (Kölner Philharmonie), Werner Wittersheim (WDR 3 Hörfunk), Maria Spering (Initiativkreis Freie Musik/Forum Alte Musik Köln), Renate Liesmann (frühere Musikreferentin der Stadt Köln), Josef Protschka (Rektor der Musikhochschule Köln), Reiner Michalke (Offenes Jazzhaus, Köln) sowie als auswärtige Teilnehmer Frank Schneider (Konzerthaus Berlin), Andeas Schulz (Gewandhaus Leipzig) und Peter Schulze (Berliner Jazzfest). Die Gesprächsrunde moderierte mit erfreulicher Sachlichkeit und Sachkenntnis der frühere Bundesminister Gerhart Baum, dem man überall auf den Festivals speziell der Neuen Musik begegnet. Er weiß also, worum es geht.
Worum geht es aber? Darum, dass die gegenwärtigen Schwierigkeiten der Kommunen bei allem Respekt vor deren finanziellen Nöten nicht dazu führen dürfen, die Strukturen eines städtischen Kulturlebens zu zerstören – zu denen besonders in Köln eine reich facettierte Freie Szene gehört, deren Existenz durch zunehmende Ignoranz von „oben” ernsthaft gefährdet scheint. Niemand versagt sich notwendigen Sparanstrengungen, verlangen aber muss man das ernsthafte Gespräch zwischen allen Beteiligten. Zarenerlasse, die sogenannten Ukasse, aus dem Oberbürgermeisterbüro und gehorsame Kulturdezernenten sind nur kontraproduktiv.
Köln bietet hier ein besonders klägliches Bild, doch mit der neuen Kulturratsoffensive zugleich das konstruktive Gegenbild. Der Bürger beginnt, sich gegen die Demontage „seiner“ Stadtkultur zu wehren, weil er weiß, dass sich eine Stadt erst durch die mannigfachsten Ausformungen einer in vielen Jahrhunderten gewachsenen Kultur definiert.