Was hat Carmen mit der Pariser Commune zu tun? Und was bleibt übrig, wenn man von Bizets Oper den andalusischen Folklore-Süßstoff subtrahiert und unter dem populistischen Puderzucker von Liebe, Leidenschaft und verschwiemelt glimmender Zigeunerromantik historische Wahrheiten heraus präpariert? Es bleibt eine Oper, die es geschafft hat, neben der „Zauberflöte“ zum populärsten Titel in abendländischen Repertoire zu werden, weil sie eine traurige Geschichte auf äußerst raffinierte Weise erzählt und diese Geschichte eben eine zutiefst abendländische ist.
Olivier Py reproduziert in seiner Inszenierung für die Oper in Lyon nicht die triviale Sage von wilden Schmugglern und einer zügellosen Frau, die einen braven Mann in der Hitze des Südens ins Verderben stürzt und darüber selbst zum Opfer wird. In Wirklichkeit spielt die Geschichte in Paris in den 1870er-Jahren, die Folklore ist nur ein Verfremdungseffekt. Das soziale Milieu ist keine archaische Schmuggler- und Tabakarbeiterinnen-Szene, sondern die Bohème.
Aber Bohème ist hier noch nicht dieses puccinihafte Arme-Künstler-Milieu. Das französische Wort bewahrt die Erinnerung an die aus Böhmen eingewanderten Roma, vulgo Zigeuner, und meint das unbehauste großstädtische Lumpenproletariat, eine Gesellschaft der Entwurzelten und Gierigen und manchmal Mutigen. Sie kommen aus der Provinz, einige von ihnen sind Soldaten oder Polizisten geworden, und alle sind sie auf der Suche nach Leben und Sex und – Metapher und Klammer für beides – Freiheit. Sie haben nur geringe Ressourcen zur Verfügung und gehen verschwenderisch mit ihnen um. Carmen ist eine von ihnen. Don José ist der ordentliche Bursche vom Lande, der sich der „liberté enivrante“, der trunken machenden Freiheit, von der Carmen singt, nicht entziehen kann. Seine Wurzeln in der Provinz werden von Micaela verkörpert, aber das Traurige an der Geschichte ist ja, dass alles zu spät ist, obwohl es so schön hätte werden können. Escamillo aber, der Torero, hat das abenteuerliche Leben der Bohème in eine Kunstform verwandelt und ist darum für Carmen so attraktiv.
Pierre-André Weitz hat einen drehbaren Kubus entworfen, Schauplatz des Bizet'schen Bohème-Lebens: Cabaret-Bühne und Hinterbühne, Kneipe und mehrstöckiges Bordell, in das die Soldaten/Polizisten nicht nur hineinschauen, um für Ordnung zu sorgen. Das urbane Milieu wird von den Gewerbeschildern „Hotel“ und „Polizei“ markiert, zwischen denen der Kubus sich dreht.
Ein Hauptakteur der Inszenierung sitzt im Orchestergraben. Es ist Stefano Montanari, der in Lyon schon einen Mozart-Zyklus auf historischen Instrumenten verantwortet hat. Für die speziellen Bizetschen Klangfarben sind bei ihm vor allem die Bläser und die Perkussionsinstrumente verantwortlich. Man hört voll tönende Ventilhörner, eng mensurierte, hell klingende Posaunen und eher samtige Tonbildungen bei den Trompeten. Becken, die sonst hochfrequent scheppern, sind vergleichsweise diskret und nehmen der Toréador-Zirkuskapelle ihre militaristische Grundierung.
Und so exaltiert Montanari auch im Graben agiert: Die Musik selbst gerät nicht ins Schwitzen, sie bleibt leicht, ihre Hitzigkeit lässt keine Schwüle entstehen, aber sie ist omnipräsent. In ihrer provozierenden, immer wieder anziehenden und alles Ordentliche über den Haufen werfenden Rhythmik klingen die Schreie der Pariser Commune von 1871 nach, die das Pariser Bürgertum im Uraufführungsjahr 1875 noch nicht vergessen haben konnte und die die Erinnerung an die lebensgierigen Gesetzlosen als Antithese des Bürgertums wach halten.
So muss Olivier Pys „Carmen“ auch nicht vor den Sentimentalitäten der Geschichte zurückschrecken, sondern kann sich in tiefe Gefühlsstrecken hineinsteigern. Josè Maria Lo Monaco als Carmen und Yonghoon Lee als Don José erreichen darstellerisch und stimmlich Intensitätsgrade, die man sich in einer nordischeren „Carmen“ womöglich nicht gestatten würde. Es ist die Geschichte dieser Gefühle, um die es geht.
Weitere Aufführungen: 29. Juni, 1., 3., 5., 7., 9., 11. Juli