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Das „Herz des Geigenbaus“ wird modernisiert: In Mittenwald wird die traditionsreiche Geigenbauschule erweitert und umgebaut

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Mittenwald (dapd-bay). Maresa Mayr steht in der Werkstatt der Geigenbauschule Mittenwald und trägt ein Schellack-Alkohol-Gemisch auf das dunkle Palisander-Holz auf, aus dem sie ihre zweite Gitarre gebaut hat. Die 18-Jährige lernt ihr Handwerk an einer der renommiertesten und traditionsreichsten Schulen der Republik, wenn nicht gar weltweit. Seit Kurzem haben die 120 Schüler noch mehr Platz und die modernste Ausstattung, um so gut zu werden, dass am Schwarzen Brett Stellenangebote aus der ganzen Welt hängen - die Geigenbauschule wurde umfassend erweitert und umgebaut.

"In Mittenwald schlägt das Herz des Geigenbaus", verkündete Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU), als er vor Kurzem den Erweiterungsbau für die Staatliche Berufsschule und die Staatliche Berufsfachschule, die an diesem Ort vereint sind, eröffnete. Rund fünf Millionen Euro wurden in die Bau- und in die Sanierungsmaßnahmen der alten Gebäude investiert. Eine "hochqualifizierte Ausbildung" werde seit mehr als 150 Jahren an der Schule geleistet, sagte Spaenle.Die Schule wurde 1858 unter König Maximilian II. gegründet, damals gab es in Mittenwald bereits eine bis ins 17. Jahrhundert zurückreichende Tradition des Geigenbaus. Dieser Tradition ist es auch geschuldet, dass die Einrichtung noch immer unter dem Namen "Geigenbauschule" firmiert, obwohl auch Zupfinstrumentenbauer wie Maresa, Holzblas-, Metallblasinstrumenten- und Bogenbauer sowie Musikfachhändler ausgebildet werden.

Musikalische Begabung gehört dazu

In ihrer mehr als 150-jährigen Geschichte hat sich die Mittenwalder Schule einen Ruf erarbeitet, der nicht nur für Stellenangebote sorgt, sondern auch Interessenten von weit her anzieht. Man habe jährlich Hunderte Bewerber, aus Japan, USA, Mexiko - aus der ganzen Welt, sagt Schulleiter Frederik Habel. Um hier angenommen zu werden, müssen sie ein mehrstufiges Auswahlverfahren überstehen und nicht nur ihr zeichnerisches und handwerkliches Geschick unter Beweis stellen, indem sie beispielsweise vor den Prüfern aus einem Holzwürfel einen Zylinder herausschnitzen.

"Eine rein handwerkliche Begabung ist Voraussetzung", sagt Habel. "Aber das reicht nicht aus, auch eine künstlerische und musikalische gehören dazu." Wenn jemand beispielsweise nicht das Gehör habe, um den Klang der verschiedenen Hölzer unterscheiden zu können, sei er nicht geeignet. Die Schüler müssen deswegen bei der Aufnahmeprüfung auch ein Instrument vorspielen. "Es ist die Mischung als all dem, was die Faszination ausmacht", sagt Maresa Mayr. Es sei ihr Traum gewesen, in Mittenwald zu lernen. "Ich habe alles dafür gegeben, genommen zu werden, und bin stolz darauf, hier zu sein."

Die Berufsschüler, die auch in Betrieben ausgebildet werden, kommen zum Blockunterricht an die Schule. Berufsfachschüler wie Maresa haben täglich von 7.30 Uhr bis 16.30 Uhr praktischen und theoretischen Unterricht. Der Großteil, 45 Schüler, lernt Geigenbau, 15 weitere sind auf die anderen Fachbereiche verteilt, bei den Berufsschülern ist es ähnlich. Die meiste Zeit verbringen sie in den Werkstätten, wo sie Schritt für Schritt lernen, Instrumente zu fertigen. Sie beschäftigen sich mit Lackzubereitung, Holzarten, Werkzeugen und Arbeitstechniken, erfahren, wie man Instrumente repariert und optimal einstellt. Außerdem haben sie einmal pro Woche Einzelunterricht, dazu Orchester- und Ensembleproben.

Ein Raum für Klanganalysen

Im neuen Gebäude sind Mensa, Labor und die Unterrichtsräume für die theoretischen Fächer wie Technisches Zeichnen, Fachrechnen oder Akustik untergebracht. Nötig wurde die Erweiterung nicht nur wegen neuer Fächer wie Computergestütztes Fachzeichnen, sondern auch weil neue Fachbereiche hinzugekommen sind. Die Metallblasinstrumentenbauer etwa sind erst seit einigen Jahren hier und die Berufsfachschüler im Holzblasinstrumentenbau fangen in diesem Herbst in Mittenwald an. Viel größer, heller und besser ausgestattet seien die neuen Räume, sagt Maresa Mayr.

Hier ist auch das "Herzstück", wie Habel stolz sagt, der sogenannte "schalltote Raum", der an Wänden, Boden und Decke mit 1,50 Meter dickem Dämmmaterial ausgekleidet ist. Akustisch völlig abgeschnitten von der Außenwelt können hier Klanganalysen durchgeführt und so neu gebaute Instrumente ohne störende Hintergrundgeräusche geprüft werden. Anhand der Frequenzkurven, die die Messinstrumente liefern und die man dann etwa mit denen einer Stradivari vergleichen kann, wisse ein guter Geigenbauer, was er am Instrument baulich verändern müsse, sagt Habel.

In den Bestandsgebäuden sollen nach Abschluss der Umbauarbeiten nur noch die Werkstätten untergebracht sein. Verwaltung und Bibliotheken werden in ein benachbartes altes Forstamtsgebäude ausgelagert. Bis zum Sommer soll der Umzug abgeschlossen sein, um dann in den neuen Räumen ins neue Schuljahr 2013/14 starten zu können. Mehr Schüler sollen in Mittenwald aber nicht aufgenommen werden. Man wolle "klein und fein" bleiben, eine Schule, an der jeder jeden kennt, sagt Habel. "Das ist uns wichtig."

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