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Hank Williams
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Der Shakespeare der kleinen Leute

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Hank Williams: Neues zum 50. Todestag der Country-Ikone
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1953: Samuel Becketts „Warten auf Godot“ hat Premiere, Josef Stalin stirbt – und Hank Williams bestätigt sehr früh, mit 29 Jahren, und sehr fatal die Wahrheit seines vielleicht existenziellsten Hits: Keiner kommt hier lebend raus, „I’ll never get out of this world alive“.

Was sich selbst in den Schwarzen-Ghettos immer seltener findet, was zur unentbehrlilichen Pose und zum frivolen Posing geworden ist, das war für Hank Williams noch Schicksal, eine Sackgasse mit einem ganz, ganz kleinen Auswegs-Mauseloch. Aus der sicheren Distanz nennt man das dann „street-credibility“: eine Authentizität des Schmerzes, auch des Verlangens, die es nur weit unten, in der Vor-Hölle der Armut, der Krankheit, der Verlassenheit gibt. Beides hat Hank Williams zur Ikone gemacht: seine Sehnsuchts-Vitalität und die Düsternis seiner Bekenntnisse. So mancher, der Anfang der 70er- Jahre Peter Bogdanovichs „Last Picture Show“ sah und Country für eine reaktionäre und konventionelle Gattung hielt, wurde durch die Begleitmusik aus nicht abreißenden Hank Williams-Songs bezaubert und bekehrt. Das war, als Seelenmusik wie als Soundtrack einer ländlich-verlorenen, „uneigentlichen“ Gesellschaft, das erbarmungslose Dokument einer Krise, das aber nicht frei von Transzendenz, einem „großen Leuchten“ war.

Pop-Historiker haben in Hank Williams einen Shakespeare der kleinen Leute gesehen. Das ist in mehrfacher Hinsicht richtig: Auch die Songs von Hank Williams wurzeln in der Tradition, in einer sozialen Praxis, auch seine Verse enthalten eine ganze Welt; und ihre Stärke liegt gerade nicht in ihrer Besonderheit, sondern in der Tatsache, dass sie Geschichten weiter erzählen, die immer schon im Umlauf waren, dass die Melodien und „rhymes“ kollektiv sind, nicht der Besitz eines Einzelnen. Trotzdem wirken Plagiatsvorwürfe bei Hank Williams so absurd wie bei Shakespeare. Nicht nur sind seine Songs bei aller Volkstümlichkeit ganz und gar „eigen“; er hat überhaupt erst das Genre des Outcast-Country geschaffen. Vorher gab es nur Hillbilly. „Hosenträger-Musik“, deren hilfloser Trost auf Lüge beruhte. Hank Williams schreibt die dichtesten Short-Stories der amerikanischen Literatur und die Tatsache, dass viele dieser Erzählungen von Erleuchtung und Verdammnis, von trügerischen Frauenherzen und Männern, die schon als Herumtreiber geboren sind, sofort zu Mythen und Klischees wurden, spricht nicht gegen sie; sie kündet eher von ihrer Suggestion und von der Bereitschaft vieler, sich in ihnen zu erkennen.

Zum 50. Todestag hat jetzt Trikont einen verdienstvollen Hank Williams-Sampler („no more darkness“) herausgebracht, der wirklich ein „best of“ ist: 27 legendäre Songs, etwa ein Drittel des gesamten Oeuvres, fast immer die besten Aufnahmen. Man spürt, so en suite gehört, viele „Nähen“, die zum Blues und Gospel, aber auch die zu Tanz und Fest. Hank Williams war nie bigott, aber fast immer auf der Suche nach Bekehrung. Er war nicht im engeren Sinn politisch, aber rebellisch, ja revoltierend. Und vielleicht gerade weil sein Körper so von Beginn an schwach, kränklich, so gar nicht für den Überlebenskampf der Depressions-Ära ausgestattet war, findet man bei Hank Williams eine Bereitschaft zu explosiver Freude und Verausgabung, zu Ekstase und Exzess.

Die Bereitschaft zum Glück wie die Erfahrung der Trauer und Verlorenheit verkörpern sich in seinen Liedern: „I’m so lonesome I could cry“, das ist so etwas wie die Hank Williams-Hymne par excellence, das, was immer wiederkehrt. In jeden Aufschwung ist der Fall schon vernäht. Zu jedem Begehren gehört immer schon der Bruch. Die existenzielle Gefährdung zeichnet sich in seiner Stimme ab, die stets vom Kippen bedroht ist. Der typische Hank-Jodler ist beides: Überschwang – und Absturz.

Bei Tacheles (Vertrieb: Indigo und Eichborn) ist die vielleicht beste Hank Williams-Biografie, Colin Escotts „Das Leben einer Country-Legende“ jetzt als Hörbuch herausgekommen, der „Tatort“-Komissar Ritter alias Dominic Raacke liest; vielleicht zu sehr als Cowboy. Denn Escott demontiert zwar nicht Hank Williams, wohl aber diverse Mythen, die postumen Geschäftemachern mehr dienten als der Wahrheit. Der Text ist Recherche, Spurensuche, Sozial-Dokument. Sichtbar wird eine Passion, auch ein Kreuzweg.

Denn Hank Williams war ein Säufer, einer, dem auf dieser Welt wohl nicht zu helfen war. Die Schönheiten seiner Songs waren dem Schrecken abgerungen. Viele der Hits entstanden in Hotelzimmern oder auf dem Rücksitz von Autos, unterwegs. Aber dieses „on the road“ hatte wenig mit Kerouacs Befreiungs-Trip, mit der Selbstverwirklichungssuche nach einem anderen Amerika zu tun; es war gehetzt, halb Geschäft, halb Flucht vor den eigenen Gespenstern.

Zu diesem Hörbuch gehört als vierte CD ebenfalls ein Hank Williams-Sampler, ein merkwürdiger, aber aufschlussreicher Zwitter, weil manche der Lieder von anderen gesungen werden, von dem country-„man in black“ Johnny Cash oder dem seelenverwandten „pale rider“ Townes van Zandt, aber auch von der Soul-Lady Dinah Washington oder den Dekon-
struktions-Experten „The Residents“.

Oft machen erst Cover-Versionen das Potenzial und die Wahrheit eines Songs erfahrbar. Vor einiger Zeit schon ist bei Trikont der bemerkenswerte Hank-Cover-Sampler „I‘ll never get out of this world alive“ erschienen, mit zwei Dutzend zum Teil wunderbaren Interpretationen: Jeder Song wartet darauf, in einer anderen Welt wieder geboren zu werden. Ein großes, aufschlussreiches Hörvergnügen, das von Franz Dobler kenntnisreich kommentiert wird. Franz Dobler hat übrigens auch im Booklet zum aktuellen Hank Williams-Sampler ein längeres Prosagedicht mit dem Titel „Abgerechnet wird zum Schluss“ beigesteuert, das so etwas wie eine konzentrierte Autobiografie darstellt, die ganz Eiligen das Hören oder die Lektüre von Colin Escotts kritischer Lebensbeschreibung erspart.

Helmut Hein

Hank Williams: no more darkness
Trikont
Hank Williams revisited. I’ll never
get out of this world alive
Trikont
Dominic Raacke liest Hank Williams. Das Leben einer Country-Legende von Colin Escott, Tacheles/Roof Music (Vertrieb Indigo und Eichborn)

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