Als der französische Filmpionier Meliés seinen Film „Die Reise zum Mond“ anfangs des letzten Jahrhunderts in den USA verkaufen wollte, war ihm ein gewisser Edison mit seinen eigenen illegalen Kopien schon zuvorgekommen. Für Meliés‘ Filmproduktion war das der Ruin. Aus der rapide sich ausbreitenden mechanischen Reproduktion ergab sich also die Notwendigkeit, die Urheberrechtsgesetze im Bewusstsein der Gesellschaft zu verankern – erst seitdem gibt es den Begriff „geistiges Eigentum“.
Heute leben wir in einer Zeit des hochdifferenzierten, vielleicht zu differenzierten Urheberrechts. Jede Form von menschlicher Gedankenarbeit – auch Alltägliches und Banales – gilt als geistiges Eigentum und kann zu Geld gemacht werden, sollte man diese Arbeit in irgendeiner Form verwerten.
Wie komplex die Lage ist, mag folgendes Beispiel verdeutlichen: Gehe ich auf die Straße und singe ein selbst komponiertes Lied, so könnte ich als Textautor Mitglied der VG Wort sein, als Komponist Mitglied der GEMA und als Performer Mitglied der GVL. Wenn jemand mich nun mehrfach medial verwertet: zum Beispiel meinen Liedtext aufschreibt und veröffentlicht, mich filmt oder aufnimmt, besitze ich theoretisch durch alle drei Verwertungsgesellschaften die Rechte an meinem Vortrag, sogar wenn ich nicht Mitglied dieser Verwertungsgesellschaften bin. Wenn man mich aber nicht medial verwertet, schreie ich es quasi in den rechtsfreien Raum hinaus und bekomme höchstens mit der Ordnungspolizei Probleme. Die Straßenszene ist: Leben, Alltag. Niemand würde auf den Gedanken kommen, den Alltag zum Besitz zu erklären.
Wenn nun zum Beispiel jemand, der mich gefilmt hat, die Filmaufnahmen ans Fernsehen verkauft, so ist er plötzlich ebenfalls Autor, der sich der Arbeit eines anderen Autors bedient, im Auftrag eines dritten Rechteinhabers, nämlich des Fernsehsenders. Sieht nun ein Kritiker diesen Film im Fernsehen, wird er darüber schreiben – ohne mich, ohne den Filmemacher, ohne den Fernsehsender und dessen Sendung hätte es das nicht gegeben, was er darüber schreiben wird, aber das, was er schreiben wird, ist nun wiederum eine eigene „künstlerische“ Leistung, deren Rechte aber wiederum der Zeitung gehören, für die der Kritiker schreibt. Nun kann ich wieder hingehen und diese Kritik vertonen, und der ganze Kreislauf beginnt wieder von Neuem, bis jeder sich irgendwann der Rechte eines anderen unendlich oft bedient hat und es vollkommen unklar ist, wer eigentlich diesen Kreislauf in Bewegung gesetzt hat, ein Spiegel im Spiegel sozusagen, entstanden aus etwas, das eigentlich nur durch eine theoretische Notkonstruktion existiert: dem geistigen Eigentum. Letztlich habe ich aber – als Mann mit der Gitarre auf der Straße – nur Töne dem Wind geschenkt, und letztlich ist auch Besitz selber nur eine Notkonstruktion, ob physisches oder geistiges Eigentum. War es wirklich Kunst, was wir alle da gemacht haben? Oder war es Alltag?
Auf der Notkonstruktion des „Besitzes“ basiert unsere ganze Kultur seit Anbeginn, wir saugen sie quasi mit der Muttermilch auf. Nur deswegen funktioniert überhaupt die Vermittlung des Konzeptes „geistiges Eigentum“, weil wir es sofort im Geiste in die Vorstellung von einem konkreten Besitz umwandeln, und der muss spätestens seit der Steinzeit bis aufs Blut verteidigt werden.
Das ungelöste Rätsel, das uns das Internet als Medium stellt, ist, dass es gleichzeitig öffentlicher Raum, ja zunehmend „Alltag“ ist (und der Alltag gehört – wie der Name schon sagt – allen Menschen), wie aber auch das quasi endlose Archiv und Gedächtnis dieser Äußerungen, eine unendliche Bibliothek von Babel, die sich auch ein Jorge Luis Borges nicht unübersichtlicher hätte erträumen können.
Physischer Besitz gehört meistens nur einer oder wenigen Personen, geis-tiger Besitz aber kann von unendlich vielen Menschen „besessen“ werden, einfach, indem sie sich diese Idee auf die eine oder andere Weise aneignen. Erfinde ich eine Melodie, so können theoretisch unendlich viele Menschen diese Melodie auswendig lernen und nachpfeifen, erfunden habe sie zwar ich, aber dem geistigen Besitz dieser Melodie kann ich letztlich keine Grenzen setzen ab dem Moment, an dem ich sie der Öffentlichkeit preisgebe. Aber nach unserem Urheberrecht sind auch Zweit-, Dritt, und Viertverwertungen dieser Melodie plötzlich wieder eigene Entitäten und erzeugen einen ganzen Rattenschwanz an Rechten und Besitzansprüchen.
Das Merkwürdige am Urheberrecht: es funktioniert nur deswegen (leidlich), weil keiner es bis in alle Lebensbereiche durchexerziert, es gibt zahllose Freiräume und stille Abmachungen, Dissidenten, „man nimmt es nicht so genau“, sonst könnten Facebook, Twitter, youtube mit ihren Zweit-, Dritt-, Viertverwertungen von geistigem Eigentum nie existieren. Ja, diese Dienste existieren sogar nur, weil sich die meisten Menschen freiwillig von ihrem Gedankengut trennen, aus den verschiedensten Gründen, aber letztlich vor allem aus der archaischen Sehnsucht, von irgendjemandem geliebt oder bewundert zu werden. Und da die meisten Menschen ihren Lebensunterhalt nicht mit Erfindungen, sondern mit der Durchführung oder Verwaltung von Erfindungen verdienen, kann man diesen Menschen auch so schwer vermitteln, warum sie sorgsam mit dem geistigen Eigentum anderer umgehen sollten. Das heißt aber auch nicht, dass alle diese Menschen Verbrecher sind – denn sie ziehen nur in den seltensten Fällen einen finanziellen Gewinn heraus (wenn sie Raubkopien weiterverkaufen), die wahren Gewinner sind (und da hat ACTA Recht) die, die aus dieser Sorglosigkeit Kapital schlagen, also youtube, Facebook et cetera.
Eine Reform des Urheberrechts muss sich also zuallererst über eine neue Definition des öffentlichen Raumes Gedanken machen – es muss klarer definieren, wo etwas „Alltag“ ist (der wie oben beschrieben unmöglich zu reglementieren ist), oder wo etwas zum Verkauf ansteht, also wirklich gestohlen werden kann.
Es muss die Dinge vereinfachen, nicht verkomplizieren. Dass wir das Urheberrecht und auch das Persönlichkeitsrecht brauchen, steht außer Frage, denn letztlich definiert beides den Freiraum eines Individuums, den es dringend braucht, will es nicht von übergeordneten Mächten versklavt werden. Wir müssen die komplexen Verflechtungsfäden entwirren und möglichst vereinfachen.
Und wir müssen das Internet selbst immer mehr als „öffentlichen Raum“ akzeptieren – das heißt auch, dass alles, was ich in dieses Internet gebe: Texte, Musik, Filme – letztlich zum Fundstück wird, an dem man nicht mehr alle Rechte bis in die letzte Konsequenz verfolgen kann.
Wir befinden uns noch in der Testphase des Internet. Vielleicht überschätzen wir seine Archivqualitäten, denn ein unendliches Archiv ist letztlich auch ein unendlich unübersichtliches Archiv. Aber machen wir es nicht unnötig noch unübersichtlicher.