Einfrieren von Fördergeldern für Kultur und Forschung. Elon Musks DOGE. Executive Orders gegen „Wokeness“. Die feindliche Übernahme von Washingtons wichtigstem Theater. Von diesen Punkten hat inzwischen bestimmt jeder in Deutschland gehört – und so mancher würde auch hier Sparmaßnahmen begrüßen. Doch die Reformen unter der Administration Trumps dienen nicht dazu, den Staat zu verschlanken. Es geht darum, einen kulturellen Wandel herbeizuführen: eine rechte Kulturrevolution. Der Feldzug gegen alle Bemühungen nach Diversität, Gleichberechtigung (Equity) und Inklusion („DEI“) ist der Versuch einer Kontrollübernahme, der eine existenzielle Krise für etliche Künstler und Institutionen bedeuten kann: von entzogener Lebensgrundlage bis hin zu massiven Einschränkungen in die Kunstfreiheit. Im Laufe meiner Recherchen habe ich mit Künstlern in den Vereinigten Staaten gesprochen und überraschende Antworten erhalten.

Donald Trump provoziert als Joker die „Lady Liberty“. Wer das Graffito gemacht hat, ist unbekannt. Relativ sicher ist hingegen, dass ein Antrag auf öffentliche Förderung für ein vergleichbares Kunstwerk im „Land of the Free“ wohl chancenlos wäre. Foto: Rod Long
Die Kunst der Vergeltung
Während Joe Bidens Administration ein Vorabendkrimi war, so ist der Regierungsstil von Donald J. Trump eine Kaskade von Tiktoks. Eine Flut von Aktionen und Schnitten in atemraubendem Tempo – mal lustig, mal abstoßend –, sodass das Auge gar nicht hinterherkommt. Diese Tiktok-Taktik wurde von Steve Bannon erfunden, Chefstratege hinter Donald Trump und einer der ideologischen Köpfe der „Make America Great Again“-Bewegung (MAGA). Man nennt es „Flood the zone“: Es geht darum, die Öffentlichkeit mit so vielen provokanten Aussagen und politischen Aktionen zu beschäftigen, dass es aus Überforderung nicht gelingt, dagegen vorzugehen. Grundsätzliche Debatten darüber, was eigentlich „woke“ ist und was die Gesellschaft überhaupt unter Geldverschwendung versteht, sollen so verhindert werden. Das Nachdenken darüber, wie eine Kultur sich überhaupt definiert, was sie sein will, geht verloren im Schlachtenlärm des Kulturkampfes („culture wars“), bei dem ein stetig wachsendes Waffenarsenal aufgefahren wird.
Was MAGA nämlich am meisten auf die Palme bringt, ist, dass die gesamte Intelligenzija des Landes auf Seiten des Feindes steht, des kulturellen Liberalismus: von den Universitäten über Hollywood bis zu Taylor Swift. Es kommt nicht von ungefähr, dass das Team von Donald Trump auch in diesem Jahr wieder Schwierigkeiten hatte, überhaupt einen Künstler zu finden, der auf seiner Vereidigung bereit war zu performen. Je gebildeter ein US-Bürger, desto eher wählt er demokratisch. Je musischer, sowieso. Die MAGA-Ideologen wissen genau, dass sie, um sich langfristig etablieren zu können, die Kultur „erobern“ müssen, dass sie Landgewinne im seit Jahren tobenden Kulturkampf brauchen. Zur Erreichung dieser Ziele greifen sie zu bewährten Mitteln.
Feindliche Übernahme des Kennedy Centers
Dass MAGA es mit dem harten Vorgehen („Crack-down“) gegen die Kultur ernst meint, zeigt einer der ersten wirksamen Coups: Die feindliche Übernahme des Kennedy Centers. Diese halb-öffentliche Einrichtung ist die oberste Repräsentanz der darstellenden Künste in den USA. Verschiedenste Musik- und Theaterformen werden dort gespielt: Opern, Sinfoniekonzerte, Theater, Jazz, Rock, Musical, Performance und vieles mehr. Nach europäischen Maßstäben würde man das Kernprogramm wohl eher als konservativ bezeichnen, doch es gibt auch zeitgeistige Projekte.
Trump hingegen belegte die Geschäftsführung mit seinem Lieblingsschimpfwort für seine Gegner: „Leftist Lunatics“ – Linke Geisteskranke. Binnen weniger Tage wurde die Leiterin Deborah Rutter geschasst. Und Trump setzte sich kurzerhand selbst als Chef des Aufsichtsrats ein. Neuer Geschäftsführer wurde Richard Grenell. Den Deutschen ist der treue Trumpist noch gut bekannt: Als Botschafter in Berlin hat er regelmäßig für Eklats gesorgt. Steve Bannon brüstete sich jüngst mit diesem Erfolg und fantasierte auf einer Veranstaltung, wie er sich das zukünftige Programm des Kennedy Centers vorstelle: Der „J6 Prison Choir“, ein Chor aus verurteilten Kapitolstürmern vom 6. Januar, solle da performen, die kulturellen Eliten dagegen (nur für einen Tag natürlich!) in den Gulag.
Am 19. März, nach einer Sitzung des Aufsichtsrats und nachdem Trump das Center besuchte, wurde durch eine der New York Times (NYT) zugespielte Tonaufnahme bekannt, wie Trump sich das Center vorstellt. Demnach will er es nach seinem eigenen Gutdünken umgestalten und dafür sogar Geld in die Hand nehmen: Die ikonischen Granitsäulen sollen mit Marmor verkleidet werden (so wie die des Trump Towers). Außerdem wolle er, dass „Cats“ wieder gespielt werde, denn die „herrlichen Körper“ hätten ihm so gut gefallen (natürlich nur die weiblichen, wie er nicht vergisst hinzuzufügen).
Klar ist, dass unter Trump nichts über die Bühne gehen soll, was auch nur irgendwie mit „Wokeness“ und „DEI“ zu tun hat. Dazu gehören Identitätspolitik, Geschlechtergerechtigkeit, Dekolonisierung, Feminismus, Umweltschutz und vieles mehr. Der erklärte Kampf gegen „Wokeness“ ist dabei außerdem eine perfide rhetorische Strategie. Einerseits weil die Ablehnung der extremen Ausläufer „woker“ Politik durchaus konsensfähig ist – ich selbst habe in der nmz schon „Wokeness“ als moralistisch kritisiert; andererseits, weil sich mit einem Kampf gegen „Wokeness“ wegen der Offenheit des Begriffs letztlich Gewalt gegen alles legitimieren lässt, was so gerade nicht ins Weltbild passt. Die „Notwendigkeit“, dem Kennedy-Center eine „Wokeness“ auszutreiben, wurde begründet mit der Behauptung, das Hauptstadttheater würde ja nur noch Dragshows für Minderjährige zeigen; tatsächlich ist das laut der NYT auch einmalig vorgekommen. Das bietet jedoch die Vorlage, alle Projekte, die von der strammen weiß-maskulinen Linie der neuen Rechten abweichen, zu verhindern.
Ein Beispiel, in welche Richtung es gehen könnte, zeigen die Blacklists, die der National Science Foundation (NSF) beziehungsweise dem National Health Institute (NHI) auferlegt wurden: Neben den erwartbaren Reizbegriffen „BIPoC“ (Schwarze, Indigene und People of Color), „Latinx“ und „LGBTQ“ stehen dort auch Wörter wie „male-dominated“, „racial“ und – man mag es kaum glauben – „woman“ und „trauma“ auf der Liste „verbotener“ Wörter. Forschungsprojekte, die diese Wörter enthalten, müssen evaluiert und gegebenenfalls aufgekündigt werden, falls sie als „Pseudowissenschaft“ handeln. Unter diesen ideologischen Bedingungen fragt man sich, was aus den progressiven Projekten am Kennedy Center wird. Was wird beispielsweise aus der „American Opera Initiative“, einem Kompositionswettbewerb für Kurzopern und wichtigen Treiber „amerikanischer Opernrenaissance“ (die nmz berichtete)? Was sagt ein Rick Grenell zu den gesellschaftlichen Problemen und politischen Themen, die in diesen neuen Opern und Produktionen verhandelt werden? „Pseudokunst“?
Offen rassistische und queerfeindliche Berufsverbote?
Während sich die einen diese Fragen noch stellen, haben andere längst entsprechende Erfahrungen gemacht. Beispielsweise Ezra. Ezra studiert an einer renommierten Universität in den USA und steht kurz vor dem Masterabschluss im Fach Dirigieren. Und Ezra ist über die Aussichten für Kulturschaffende in den USA sehr besorgt: „Künstler hatten es schon vorher nicht leicht“, gesteht Ezra, „aber ich habe Angst, dass das System den Punkt überschreitet, ab dem es nicht mehr zu reparieren ist.“ Kulturschaffende wie Ezra denken dabei vor allem an eine bestimmte Verordnung, die Trump bereits am ersten Tag seiner Amtszeit unterzeichnet hat: Die Executive Order Nr. 14, die die Wiederherstellung der „biologischen Wahrheit“ beschwört. Diese Verordnung veranlasste beispielsweise die einzige bundesweite US-Kulturfördereinrichtung, das National Endowment of the Arts (NEA), ihre Richtlinien insofern zu ändern, dass staatlich geförderte Kulturprojekte in Zukunft nicht mehr „DEI“ sein dürfen.
Erste Auswirkungen haben sich sofort gezeigt: Die United States Marine Band ist mit gutem – oder eher schlechtem – Beispiel vorgeprescht und hat die Zusammenarbeit mit jungen „BIPoC“ Akademisten eingestellt. „Für mich ist das“, sagt Ezra, „quasi ein Berufsverbot. Denn ich bin non-binär. Wer traut sich jetzt, die symbolträchtigste Position im Orchester, die des Dirigenten, mit jemand non-binärem, zu besetzen?“ Ein großes Problem sei, dass die MAGA-Unterstützer sehr klagefreudig sind. „Wenn die sehen, dass etwas nicht den Executive Orders entspricht, gehen die sofort vor Gericht.“ Was in der McCarthy-Ära der Verdacht kommunistischer Ideologie war – genannt wurde das damals „Anti-Amerikanismus“ –, trifft heute auf „DEI“ oder eben „Wokeness“ zu. Der Kampf gegen „Wokeness“ ist der Vorwand, Kontrolle aber der eigentliche Zweck.
Es gibt aber auch optimistische Stimmen. Laetitia Ruccolo blickt zuversichtlicher in die Zukunft: „Wir haben das doch alles schon erlebt, 2016.“ Die Pianistin, die seit einem Jahr wieder in Europa lebt, hat über viele Jahre in New York eine unabhängige kleine Opernkompanie geleitetet und organisiert. Ezras Sorge, dass es Einschränkungen gerade für kleine Einrichtungen geben wird, teilt sie nicht: „Das ist ja das Besondere am amerikanischen System. Kultur ist kaum abhängig vom Staat, fast ausschließlich von Spendern. Wir haben uns komplett unabhängig finanziert und ich kenne meine Spender gut. Kulturliebhaber sind für gewöhnlich offene Menschen, das sind eh alles Demokraten.“ Das System sei in der Hinsicht robust, auch wenn sich in jüngster Zeit viele Großunternehmer dem neuen ideologischen Paradigma gebeugt haben. Ezra gibt zu bedenken: „Man weiß jetzt, dass bestimmte Themen ein heißes Eisen sind. Ich befürchte, dass das viele Künstler abschreckt, ganz egal, wie die Projekte finanziert sind.“ Auf der anderen Seite sieht Laetitia in den kommenden zehn Jahren auch eine Chance: „Die Amerikaner müssen jetzt lernen, Widerstand zu leisten, gerade in der Kunst!“
Widerstand muss in diesem Fall heißen: Lautstark im Diskurs kundtun, für welche Werte Kunst betrieben wird. Denn was bei der MAGA-Bewegung, bei den Reden von Trump und JD Vance, bei Elon Musks DOGE ins Auge sticht, ist die vollkommene Werte-losigkeit dieser Bewegung. Der Trumpismus nährt sich von Disruption und Vergeltung. Er definiert sich ex-negativo; er kann den Menschen keine wirkliche Alternative anbieten, den einzigen Halt bietet er im Nationalismus und den Glauben an Geld und Macht. Bislang ist noch absolut unklar, ob bei der „rechten Kulturrevolution“ das zerschlagene Porzellan tatsächlich durch etwas anderes ersetzt werden kann und nur dann wird sich MAGA als langfristige kulturelle Bewegung etablieren können. Bis dahin kommt es darauf an, lautstark für die Kultur einzustehen und zu zeigen, dass Kunst keine „Geldverschwendung“ ist. Offene Briefe wie die der New Yorker Theater oder von 500 Künstlern und Pulitzer-Preisträgern gegen die versuchte Kontrollübernahme zum Beispiel sind ein Anfang. Letztendlich müssen die Künste aber ein Positiv behaupten, denn nur so wird die Leere des Trumpismus offenbar.
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