Sicher gibt es in Millionenstädten wie Wien, London oder Berlin quantitativ mehr musikalische Veranstaltungen, auch hochwertige, als andernorts. Für die Auszeichnung als eine Musikstadt sollten jedoch andere Kriterien gelten als nur die reine Zahl. Das könnten sein: Engagement für die Moderne, also für die Zukunft der Musik. Auch eine intelligente Dramaturgie, die Inhalte der Musik immer wieder neu durchdenkt, Querverbindungen aufspürt, die Vergangenheit nicht nur genüßlich pflegt, sondern auf ihre unverändert gegenwärtige Wirkung prüft. Schließlich die Sorgfalt für Interpretationen, die das gedanklich Erarbeitete adäquat umsetzen: in klangliche, szenische, räumliche Realität. Eine Utopie? In Stuttgart wird diese Utopie immer wieder Wirklichkeit. Stuttgart ist im Augenblick die Musikstadt Nummer eins. Warum?
Nicht nur, weil im Juli dieses Jahres die Internationale Gesellschaft für Neue Musik (ISCM) mit ihren fünfzig Mitgliedsländern ihr alljährliches „World New Music Festival“ nach Stuttgart bringt. Die Voraussetzungen, die für diese Auszeichnung notwendig waren, hat sich Stuttgart selbst durch seine kontinuierliche Arbeit für die Neue Musik selbst geschaffen. Die Tage der Neuen Musik Stuttgart, seit einigen Jahren unter dem Titel „Éclat“ firmierend, sind zu einem wichtigen Treffpunkt der Avantgarde geworden, das neue Theaterhaus auf dem Pragsattel mit seinen vielen Sälen zu einem idealen Spielort. Die Stuttgarter Oper, unter der Intendanz von Klaus Zehelein in einer Kritikerumfrage mehrfach zum Opernhaus des Jahres gekürt, demonstriert mit (fast) jeder Inszenierung, wie aktuell Opern-Theater heute sein kann – ja sein muss, damit Fragen nach der Relevanz der Gattung, vor allem vor dem Hintergrund sich verschärfender ökonomischer Bedingungen, gar nicht erst aufkommen. Schließlich die Interpretation: Das Orchester und der Chor der Stuttgarter Oper, das Radio-Sinfonieorchester und, vor allem: das SWR Vokalensemble liefern für den gedanklichen Überbau der Stuttgarter Neue-MusikDramaturgie das feste, hochqualifizierte Fundament. Neue Musik ist für diese Musiker und Sänger keine Pflichtübung, sondern – man sollte es ruhig einmal so sagen – Herzenssache. Das spürt man in jedem Konzert, in jeder Aufführung.
Damit das allgemein Gesagte nicht zu abstrakt klingt, sei es durch einige Erfahrungen in den vergangenen Wochen gleichsam versinnlicht. In der Oper begegnete man Glucks „Alceste“ in einer Inszenierung Jossi Wielers mit der grandiosen Catherine Naglestad in der Titelpartie: Eine Frau opfert sich für den Mann – aber das wäre nur die tradierte Sichtweise. Sie widersetzt sich vielmehr der Anmaßung der Macht. Das ist keinesfalls von gestern. Dann inszeniert eine junge Regisseurin Puccinis „Madame Butterfly“, und Klaus Zehelein „spielt“ in seinen letzten Wochen als Intendant der Stuttgarter Oper noch einmal den Dramaturgen, der einst in Frankfurt die berühmte Gielen-Ära entscheidend mitprägte: „Madame Butterfly“ nicht als kleine intime Tragödie, vielmehr als Chiffre für den Zusammenstoß zweier Kulturen, die einander fremd sind. Das Stichwort heißt: „Fremd“. In unmittelbarem Zusammenhang mit der Puccini-Premiere gibt es im Forum Neues Musiktheater der Staatsoper Stuttgart eine Uraufführung: Der junge Komponist Hans Thomalla, ein Zender-Schüler und zeitweilig als Dramaturg an der Stuttgarter Oper tätig, verfasst eine fünfteilige Komposition zum Thema „Medea“, deren zweiter Teil unter dem Titel „Fremd“ im Forum uraufgeführt wurde. Die Argonauten unter Jason gelangen nach Kolchis und treffen auf Medea – wie Pinkerton auf Cho Cho San. Mit Musiktheater kann man auch Spurenlese und Seelenanalyse betreiben, gleichsam ein psychoanalytisches Netzwerk ausbreiten. Die Einrichtung des Musiktheater-Forums als Ergänzung zur Staatsopernarbeit zählt zu den Fortschrittstaten Klaus Zeheleins, deren Effektivität für die weitere Entwicklung der Musik und des Musiktheaters nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Wir berichten über die „Fremd“-Aufführung und die Arbeit des Forums auf Seite 43 dieser Ausgabe.
Über das Stuttgarter „Éclat“-Festival der Neuen Musik haben wird in der letzten Ausgabe ausführlich berichtet. Die „Éclat“-Dramaturgie ist seit Jahren bestrebt, auch neue Formen des Musiktheaters zu erproben, sie komplettiert so die Anstrengungen der Oper und des Musiktheater-Forums. Der Leiter des „Éclat“-Festivals, der SWR-Rundfunkredakteur Hans-Peter Jahn, entwickelt dabei auch einigen „Macher“-Ehrgeiz, nicht ohne Erfolg, wie die umstrittene „Melancholia“-Produktion von Wolfgang Florey in diesem Jahr bewies. Mit Hans-Peter Jahn und Klaus Zehelein besitzt die Stuttgarter Neue-Musik-Szene zwei brillante Köpfe, die über den gegenwärtigen Tag hinausdenken. Zu ihrem Verbündeten könnte auch der neue Präsident des Landesmusikrates zählen: Wolfgang Gönnenwein engagiert sich ausdrücklich für die Neue Musik.
Ganz einfach wird es ihnen dabei selbst in Stuttgart nicht gemacht. Das soll hier im Augenblick nicht weiter ausgebreitet werden. Doch nicht nur Hans-Peter Jahn sorgt sich um das SWR Vokalensemble, das von Sparmaßnahmen des Senders in seiner Substanz, ja auch Existenz bedroht ist. Wer die Sänger und Sängerinnen gerade in einem Konzert in der Stuttgarter Gaisburgkirche erleben durfte, greift sich an den Kopf, den andere offenbar schon verloren haben, dass sie dieses einmalige Ensemble irgendwie durch Wegsparen beschädigen wollen. Wer Kurtágs „Lieder der Schwermut und Trauer“ (op. 18) so perfekt, ausdrucksvoll, mit feinster Empfindung und klanglich vollendet zu singen versteht, gehört ins Walhalla der Neuen Musik, nicht ins Sparprogramm.