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Kultur des Hinsehens, Hinhörens und Begreifens: Die ECM-Ausstellung im Haus der Kunst. Foto: Ralf Dombrowski
Kultur des Hinsehens, Hinhörens und Begreifens: Die ECM-Ausstellung im Haus der Kunst. Foto: Ralf Dombrowski
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Die Sichtbarmachung des Unsichtbaren: Die Ausstellung „ECM – Eine kulturelle Archäologie“ wagt sich im Münchner Haus der Kunst an die Synthese der Künste aus dem Geiste der Musik

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Gewagt ist das schon. Der neue Direktor des Hauses der Kunst Okwui Enwezor hat sich für die erste von ihm selbst in Kooperation mit dem früheren Musikjournalisten Markus Müller kuratierte Ausstellung die Sichtbarmachung des Unsichtbaren als Thema gewählt. Denn auch wenn der Titel „ECM – Eine kulturelle Archäologie“ lautet, geht es zunächst einmal um Musik. Und die wiederum steht üblicherweise nicht im Zentrum der im weiteren Sinne bildenden Kunst.

Für Enwezor war es einerseits eine emotionale Entscheidung, der eigenen Begeisterung für die Musik geschuldet. Darüber hinaus aber war er auf der Suche nach einem Gesamtkunstwerk, das er in der Arbeit des Münchner Labels und dessen Chefs Manfred Eicher repräsentiert sah. „Die Idee war von Anfang an“, heißt es in einem umfangreichen Kommentar Enwezors zu der Ausstellung, „von der streng monographischen Behandlung des Themas abzuweichen und stattdessen die Mittel der Welterzeugung zu untersuchen, die im Zentrum des künstlerischen Vorhabens von ECM stehen, nämlich der kooperative Charakter des Musikmachens, und die Reichweite der Idee zu zeigen, die die Musik enthält und verkörpert“.

Welterzeugung

Damit erweist sich Akwui Enwezor als erfrischend wertekonservativ, allen Relativierungen der postmodernen Jahrzehnte zum Trotz. Auf diese Weise gelingt es ihm auch, eine Ausstellung zu gestalten, die nicht Werbung für ein weiterhin aktives Plattenlabel darstellt, sondern dessen Arbeit aus der Perspektive künstlerischer, gesellschaftlicher, historischer Relevanz untersucht. Dabei passt es gut, dass Eicher schon sehr früh seine Funktion als Synästhet ausfüllte. Mag anfangs bei Gründung von ECM 1969 noch die Unzufriedenheit über die mangelnde Tonqualität von Jazzaufnahmen als Motivation im Vordergrund gestanden sein, entwickelte sich die Firma sehr schnell zu einer Plattform sehr unterschiedlicher künstlerischer Ansätze, die vom Introvertismus eines Keith Jarrett bis hin zur „Great Black Music“ des Art Ensembles Of Chicago reichte.

An diesem Punkt setzt die Ausstellung an. Sie charakterisiert ECM weniger als Generator der Welterzeugung, als vielmehr als Raum, in dem verschiedenen Welten sich entfalten durften, stimuliert von einer grundlegenden Wertschätzung der künstlerischen Aussage, die der Produzent Eicher den Musikern ebenso entgegenbrachte wie den Komponisten, Fotografen, Filmregisseuren, Grafikern. So gibt es beispielsweise viele Fotografien vor allem aus den frühen Jahren zu sehen, von Carla Bley und Charlie Haden, Keith Jarrett und Jan Garbarek, Paul Bley oder auch den Künstlern des Art Ensembles. Hörkabinen unterschiedlichen Ausmaßes widmen sich unter anderem den Tonspuren von Jean-Luc Godard, große Videoleinwände zeigen Konzertmitschnitte.

Bild, Ton, Akustik

Dokumentarische Filme wie „See The Music“ von 1971, in dem Eicher bei einem Workshop noch als Kontrabassist am kompositorischen Prozess des Trompeter Leo Smith teilhat, oder auch Filmessays wie Peter Greenaways Portrait von Meredith Monk im Rahmen der Reihe „Four American Composers“ von 1983 überschreiten die Gattungsgrenzen. Experimente wie „Long Sorrow“ mit dem frei solierenden Saxofonisten Jemeel Moondoc schlagen die Brücke zu Klanginstallationen. An vielen Orten der Ausstellung laden Bildschirme und Kopfhörer zum Verweilen ein, überhaupt haben die Säle im linken Obergeschoss des Hauses der Kunst genügend Material zu bieten, um dort einen ganzen Tag zu verbringen.

Beachtlich ist außerdem die Sorgfalt, die auf die akustische Gestaltung der Räumlichkeiten gelegt wurde. Die Zwischengänge sind gedämmt, mit Schaumstoff und Textil ausgeschlagen und bilden effektive Klangschleusen, die die Kakophonie von Trittschall, Besucherlärm und Musikdarbietung verhindern. Mehrere Séparées bieten die Möglichkeit, auch ohne Kopfhörer im ruhigen Rahmen Musik zu entdecken. Die ganze Gestaltung ist von Eichers Ideal der Stille als Rückzugsraum des Intellekts getragen, der dann letztlich zu Leistungen fähig ist, wie sie im Schrein der Ausstellung – einer befüllten Wand mit Masterbändern aus dem ECM-Archiv – aufbewahrt werden.

Ausblick mit Konzerten

So ist „ECM – Eine kulturelle Archäologie“ eine ebenso historische wie deiktische und missionarische Ausstellung. Sie zeigt mit vielen Exponaten, wie von München aus musikalische Avantgarde, Experimente, künstlerisch inspirierende Toleranz in aller Welt und über viele Stile und Gattungen hinweg gepflegt wurde. Sie ist außerdem ein Mahnmal einer verschwindenden Kultur des Hinsehens, Hinhörens und Begreifens, manifestiert in Langspielplatten, Videokunst, Fotografien. Sie ist aber auch ein Forum des Zuspruchs, akustische Kunst in Zeiten des datenreduzierten, unkonzentrierten Hörens ernst zu nehmen. Insofern reicht sie über den Eicher-Kosmos hinaus in Richtung dessen, was Okwui Enwezor mit der Idee der Welterzeugung im Sinn gehabt haben könnte – und wird auch von den Künstlern selbst mit lebendiger Musik unterstützt. Denn bis zum Ende der Ausstellung Mitte Februar 2013 werden zahlreiche Koryphäen von Anouar Brahem, Charles Lloyd und Thomas Stanko bis Gidon Kremer und András Schiff mit ihren Konzerten im Westflügel des Hauses der Kunst ihre Klangwelten vorstellen.

Ausstellung „ECM – Eine kulturelle Archäologie“, München, Haus der Kunst, 23.11.2012 – 10.02.2013 (Mo – So, 10 – 20 Uhr, Do, 10 – 22 Uhr)

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