Die Musikpolitik der Nazis beeinflusste auch Deutschlands Nachbarländer. So war es nur konsequent, die Düsseldorfer Ausstellung „Entartete Musik – eine kommentierte Rekonstruktion“ auch in Österreich, der Schweiz, Großbritannien, Spanien und den Niederlanden zu zeigen. Da die im Auftrag der Düsseldorfer Symphoniker entstandene Schau auch auf die Beschlagnahmung jüdischen Eigentums in Frankreich hingewiesen hatte, lag es nahe, sie ebenfalls hier zu präsentieren. Die schon 1988 begonnenen Bemühungen um das große westliche Nachbarland wurden jedoch nie realisiert. Erst jetzt, 16 Jahre später, widmete sich die Pariser Cité de la Musique in einer eigenen Ausstellung der Musikpolitik des Dritten Reichs, nicht allerdings den Verfolgungsmaßnahmen in Frankreich.
Laurent Bayle, Generaldirektor der Cité de la Musique, wollte offenbar den Blick nur auf Deutschland lenken. Im Vorwort zum Ausstellungskatalog verweist er auf pangermanische Expansionsgelüste, aus denen sich auch das Dritte Reich erkläre. Unerwähnt bleibt, dass die jetzige Ausstellung auf eine Initiative des Pariser Goethe-Instituts zurückging. Der Hinweis auf die Düsseldorfer Schau fiel allerdings auf fruchtbaren Boden, wie der Gliederung der von dem Musikwissenschaftler Pascal Huyhn betreuten Ausstellung zu entnehmen ist.
Ihre Bedeutung liegt in der Präsentation attraktiver Originale, wobei die Gegenüberstellung des Erwünschten und des Verbotenen ein Grundprinzip bildet. Werke der bildenden Kunst spielen dabei eine wichtige Rolle. So werden zu Beginn ein epigonales Schmutzler-Gemälde „Arbeitsmaiden, vom Felde heimkehrend“ (1940) mit Kandinskys grandioser „Composition IX“ (1936) konfrontiert. Aufschlussreich ist auch der unterschiedliche Bezug auf Johann Sebastian Bach in Kokoschka-Lithographien und einer heroischen Landschaft von Edmund Steppes. Kontrastierende Bühnenbilder zu „Fidelio“ – streng abstrakt 1927 bei Ewald Dülberg, bieder-realistisch 1938 bei Edward Suhr – zeigen markante Änderungen im Beethoven-Bild. Umfangreicher als in der deutschen Ausstellung können in Paris dazu Hör- und Videobeispiele aufgerufen werden.
Die Heroisierung Wagners, illustriert durch die Breker-Büste oder ein Monumentalbild „Pilgerzug aus Tannhäuser“, karikiert die böse Grosz-Zeichnung „Wagneroper“. Obwohl sich „Deutschland, das Land der Musik“ auch in der Fremdenverkehrswerbung wuchtig darstellte (mit einer Kombination von Reichsadler und Orgel), funktionierte das von Goebbels erwünschte Gegenüber von Gut und Böse im Musikbereich nicht bruchlos. In der den Komponisten gewidmeten Sektion finden sich nebeneinander Partituren von Schönberg und Webern, obwohl damals nur Schönberg verfolgt war. Fragwürdig ist es, Orffs „Carmina Burana“ und die „Olympische Hymne“ von Richard Strauss als Beispiele für offizielle Verherrlichung des Regimes zu präsentieren. Denn das in Paris gezeigte Notenblatt der „Hymne“ trägt eine Widmung an den Staatssekretär Dr. Lewald, der als Halbjude nur dem Internationalen Olympischen Komitee seine Leitungsposition verdankte.
Während die deutsche Ausstellung mit einem kleinen Etat hatte haushalten müssen, bot Paris nun eine luxuriöse Gestaltung mit insgesamt 200 Ausstellungsstücken. Wichtiges davon gehört zum Kapitel „Musik und Widerstand“, das in der Düsseldorfer Schau nur knapp ausgefallen war. Man findet etwa Bühnenbildentwürfe zu „Simplicius Simplicissimus“ von Karl Amadeus Hartmann, 1933 im KZ Börgermoor entstandene Noten für das „Moorsoldatenlied“, die Zither des Hitler-Attentäters Georg Elser sowie Zeugnisse aus dem Musikleben im Ghetto Theresienstadt, darunter Originalmanuskripte zu Viktor Ullmanns „Kaiser von Atlantis“.
Obwohl der Generaldirektor in seinem Vorwort die Deutschen grimmig abgekanzelt hatte, wäre dieses Projekt ohne eine enge deutsch-französische Zusammenarbeit gar nicht möglich gewesen. Französische und deutsche Autoren trugen gleichermaßen zum Katalog bei. Auch im umfangreichen Begleitprogramm standen den großen Pariser Orchestern und dem Ensemble Intercontemporain deutsche Künstler wie Matthias Goerne, Salome Kammer, Michael Gielen, Lothar Zagrosek und das Ensemble Modern gegenüber. In so geballter Dichte wie im vergangenen Pariser Herbst hatte man Werke NS-verfolgter Komponisten sonst nur bei den Berliner Festwochen 1987 erleben können. Die Pariser Cité de la Musique stellte mit diesem umfangreichen Programm, wozu noch Vorträge und Filmvorführungen gehörten, erneut ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis. Zu hoffen bleibt, dass sie die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, etwa mit dem Schicksal von Darius Milhaud und Wanda Landowska oder der Musik unter Vichy, zu einem späteren Zeitpunkt nachholt.