„…denn sie wissen nicht, was sie tun“ – lautete 1955 der deutsche Titel eines ersten „Lost-Generation“-Filmes mit James Dean. Perspektivlosigkeit und Wertemangel amerikanischer Teenager der 50er-Jahre und ihre Rebellion gegen die satte Selbstzufriedenheit ihrer gutbürgerlichen Elternhäuser bestimmen die Haltung des Streifens. [aus nmz 3-2012]
Aus heutiger Sicht wirkt er seltsam schmalspurig und weinerlich. Dem von der Realität besiegten Alt-Achtundsechziger – also dem Autor dieser Zeilen – tut sich allerdings ein Bogen auf zu unserer „Win-Win-Generation“, der sogenannten Digital Natives: Da handelt eine vom Bildungssystem her technokratisch deformierte, kulturell weitgehend unterentwickelte nachwachsende gesellschaftliche Schicht ihren berechtigten Frust über den global ruinösen Ekelkapitalismus exakt am falschen Gegenstand ab: an der Bewertung geistigen Eigentums, kreativen Schaffens.
Der Kampf um die „Freiheit des Internet“ wirkt wirklich nur noch als symbolistische Farce. Statt Geistesblitzen der Fight um flotte Anbindung an die Glasfaser. Weil vermeintliche Sicherheit, generiert durch Kontrolle, eine bedeutsame Grundfeste unserer plutokratisch dominierten Weltsicht darstellt, ist die Überwachung, die Reglementierung des Datenverkehrs doch schon bestens gewährleistet. Weshalb „Piraten“ und Anti-Acta-Demonstranten – die jugendlich-muntere Zukunft unserer Gesellschaft – sich nun ausgerechnet an der Enteignung von Künstlern, von Schöpfern mobilen Geistes abarbeiten, statt sich auf Immobilienspekulanten und Geldverkehr-Vampire zu stürzen, hat einen bösen Grund: In den vergangenen Jahrzehnten geriet unsere einst nach einigermaßen humanistischen Grundsätzen ausgerichtete Bildungspolitik unter die Fuchtel von flotten Verwertungs-Propagandisten in Sachen „Berufstauglichkeit“; in die Mühlen von Rechenzentren der Ranking-Fetischisten aus Pisa, Silicon Valley und Deutscher Bank. Kein Merkel’scher Bildungsgipfel hatte je die Vermittlung kultureller Inhalte und Werte zum Zentrum. Und so schmolz der Platz für die Künste in den Lehrplänen wie der Zugspitz-Gletscher. Kein Wunder, dass Wissen um Musik, Literatur, Bildende Kunst in der Versenkung verschwindet. Dass somit auch kein „Bedarf“ mehr an Oper, Schubert, Rihm oder Lachenmann besteht – denn: Was ich nicht weiß, lässt mich kalt.
Gnadenlos befördert wird die krasse Demontage unserer großmäulig gern zitierten Tradition als „Kulturnation“ nicht nur von den privaten, sondern auch von den öffentlich-rechtlichen medialen Meinungsmachern. Statt Verantwortung zu übernehmen für Wahrung und Weiterentwicklung gewachsenen Kulturgutes, pfuschen Zeitgeist-Fuzzies mit Intendantengehältern Mainstream-Flachsinn samt hohem Verblödungs-Potenzial als Programm zusammen. Keine „Privatkopie“ ist den eigentlich Kulturauftrags-Beauftragten zu elend, keine Stefan-Raab-Song-Show zu dumm. Letztes Qualitätskriterium bleibt die Quote, die Taschenrechner-Ästhetik hat gesiegt. Die Verantwortlichen drücken sich vor der Verantwortung.
Während die Lost-Generation der Digital-Naiven am ohnedies kargen Lohn der Komponisten, Textdichter und Bildenden Künstler herumnagt, füttern wir braven Deutschen Griechenland-Spekulanten, Portugal-Abkassierer, Spanien-Downrater, Banken und Fonds mit Steuermilliarden. Wir schauen tatenlos zu, wie gewachsene Kultur-Transport-Institutionen wegen ein paar angeblich fehlender Milliönchen von Politik- und Medien-Schrumpfköpfen infrage gestellt werden – aufgrund mangelnder „gesellschaftlicher“ Akzeptanz. Die sieht so aus, wie deren wenigstens moralisch bankrotte Gestalter sie schufen: dekadente tagesbegleitende Show-Durchlullung, Abschaffen von gewachsener Qualität. An drei Fingern downzugraden ist dann die Sende-Realität: Hitparade und Biathlon statt Schulfunk und, ja, Schöngeist. Kleines Beispiel für Bildungs-Vergessen – die „Spar“-Pläne des SWR in Sachen Orchester. (Kommentar Seite 38). Es fehlen angeblich fünf Millionen Euro jährlich zum Erhalt der Klangkörper. Zur Bankenrettung haben wir schon das Hunderttausendfache gelöhnt. Geht einfach. Wir lassen uns von den Zahlen-Besserwissern alles gefallen. Denn die wissen genau, was sie tun…