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Edvard Grieg meets Mark-Anthony Turnage and Brett Dean: „Peer Gynt“, rezitiert, gesungen und getanzt an der Deutschen Oper Berlin

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Als Peter Stein 1971 mit seiner legendären „Peer Gynt“-Inszenierung an zwei Abenden Henrik Ibsens Drama des Weltenwanderers auf der Suche nach seinem wahren Ich an der Schaubühne am Halleschen Ufer zur Diskussion stellte, setzte er für jeden Akt einen anderen Darsteller in der Titelpartie ein. In der Deutschen Oper Berlin braucht Heinz Spoerli für seinen ungleich kürzeren „Peer Gynt“ in der Titelrolle drei Darsteller, den Schauspieler Sebastian Hülk, den Bariton Alexey Bogdanchikov und den Tänzer Vladimir Malakhov.

Edvard Griegs Musik zu „Peer Gynt“ ist als Suite und in Einzelstücken aus Rundfunk und  Werbung nicht wegzudenken. Komplett ertönt die 1874 von Henrik Ibsen in Auftrag gegebene, umfangreiche Bühnenmusik heute jedoch bestenfalls im Konzertsaal, mit verbindenden Texten. Denn Schauspielensembles, die Ibsens Drama spielen, verzichten auf Griegs kongeniale Musikalisierung, da sie in der Regel nicht über ein symphonisches Orchester und über Chor und Gesangssolisten verfügen, insbesondere aber auch nicht über Schauspieler, die den musikalischen Anforderungen Griegs gerecht werden könnten. Damit verzichten die Theater auf eine Realisierung jenes Traums von einem spezifischen Gesamtkunstwerk, welches Ibsen in der intensiven Verzahnung mit Griegs insgesamt 37 Musiknummern vorschwebte.

Im Jahre 2007 schuf Heinz Spoerli mit dem Züricher Ballett eine Tanz-Version, die große Teile von Griegs Bühnenmusik berücksichtigt, aber auch Griegs Norwegischen Tanz und Kompositionen von Mark-Anthony Turnage und Dean Brett integriert. Diese Ballett-Version hat der in Basel geborene Choreograph nun erneut einstudiert: das Staatsballett Berlin brachte sie mit Orchester, Extrachor und Solisten der Deutschen Oper Berlin in einer gefeierten Premiere heraus.

Sebastian Hülk, durch Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ einem internationalen Filmpublikum bekannt geworden, trägt als Peer ausgewählte Passagen aus Ibsens Drama vor. Durch den Einsatz eines Mikroports verstärkt, klingen die Rezitationen des Schauspielers allerdings seltsam unnatürlich. Merklich um Textverständlichkeit bemüht, bleibt der russische Bariton Alexey Bogdanchikov gleichwohl weithin textunverständlich in der in deutscher Sprache gesungenen Aufführung. Weitaus überzeugender gelingt dies der als Silhouette im Dunkel gehaltenen Martina Welschenbach als Solveig, wie auch den Stimmen der Säterinnen: Kathryn Leweck und Rachel Hauge Fionnuala McCarthy.

Die Intentionen von Spoerlis Fassung liegen jedoch primär auf den tänzerischen Möglichkeiten der die Sänger doubelnden Tanzsolisten. In der Titelrolle brilliert der Intendant des Staatsballetts Berlin, Vladimir Malakhov. Rollenbedingt wird er an Virtuosität allerdings noch übertroffen von Nicola del Freho als Knopfgießer. Unter den Tanzsolistinnen ragen Polina Semionova als Anitra und Maria Giambona, Anastasia Kurkova und Sarah Mestrovic als Säterinnen heraus.

In der klassisch geerdeten Choreographie Spoerlis werden innovative Szenen, wie die Erweiterung des Wüstenszene durch Brett Deans „Short Stories“ (aus dem Jahre 2005) oder die Szene im Irrenhaus von Kairo, auf Turnages „Crying out Land“ (aus dem Jahre 2003), zu um so stärkeren Höhepunkten. Die Reibung funktioniert auch optisch, durch den Einsatz von Mitteln des Modern Dance.

Merklich gerne wirbeln die Tänzer den Korksand in Florian Ettis Sahara-Bühnenbild auf. auf. Optisch fragwürdiger hingegen die Szene an der Memnonsäule, hier durch zwei vertikal übereinander kreisende Metalltafeln mit ägyptischen Hieroglyphen dargestellt. Die Szene „Peer Gynt vor der Memnonsäule“ hat Franz Schreker als nachschöpfenden Dirigenten vermutlich zu seiner Oper „Memnon“ angeregt.

Der in Luxemburg geborene Dirigent Robert Reimer begleitet mit dem größtenteils wohl disponierten Orchester der Deutschen Oper Berlin durchaus ballettkonform und setzt Höhepunkte, wenn die Klangwelten von Grieg und Turnage oder Dean aufeinander prallen.

Während neben den zahlreichen Solisten auch das Corps de Ballet ausgiebigen Applaus erhält, bleiben der Extrachor und seine Leiter Holger Bentert und Steffen Schubert beim Applaus ebenso unsichtbar wie vordem im Bühnenablauf, wo die Chöre präzise, aber konservengleich aus dem Off zu vernehmen waren.

Ungeteilter Beifall eines aus Ballettfans und Opernfreunden gemischten Publikums.

Weitere Vorstellungen: 20., 25., 28., 29. 11, 02. 12. 2011.

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