Hauptrubrik
Banner Full-Size

Ein „De Profundis“ für die Künste

Untertitel
„Einstein“ Kulturzentrum in München eröffnet
Publikationsdatum
Body
„Aus der Tiefe rufen wir, oh Publikum, zu Dir...“, so könnte – man verzeihe die ketzerische Gleichsetzung – in Zukunft das Motto einiger renommierter Münchner Kultureinrichtungen heißen, die seit dem 10. September im wahrsten Sinne des Wortes in den Untergrund gegangen sind.Mitten in Haidhausen, zwischen Gasteig und Prinzregententheater, Maximilianeum und historischen Arbeiterwohnhäusern taten sich dank ausdauernden Engagements durch die Kulturkooperative Haidhausen für die Künste unterirdische Bierkeller auf, die – inzwischen unter Denkmalschutz – dem einmal gehegten Plan, sie zuzuschütten, erfreulicherweise entgangen sind. Aufwendig renoviert, jedoch noch spartanisch ausgestattet (hier versucht ein Förderverein auf längere Sicht Abhilfe zu schaffen), liegt das kurz „Einstein“ genannte Kulturzentrum in U-Bahnnähe direkt unter einer großzügigen Wohnanlage und bietet zusammen mit dem reichhaltigen kulturellen Angebot beste Voraussetzungen, ein integrativer Bestandteil urbanen Lebens zu werden. Der stadteigene Komplex mit 2.000 m² Grundfläche und vier großen Tonnengewölben beherbergt neben dem „Kino im Museum“, dem „Theater Rechts der Isar“, dem Jazzclub „Unterfahrt“ und einem Café im Foyer auch Musik-Begegnungs-Räume für die Latin School of Percussion und das Jazzprojekt des bereits 1977 gegründeten Freien Musikzentrums. Das FMZ hat zudem die Schirmherrschaft über die „Echtzeithalle“ inne, welche als „Kristallisationsort für Seltenes, Extremes und Zukünftiges in der Musik“ verstanden wird. Daß neben neuen Theater- und Tanzformen, Installations- und Neuer Medienkunst die Neue Musik programmatisch hier eine große Rolle spielen wird, ist ausgemachte Sache, folgt man den Ausführungen David Eschmanns, einem umtriebigen Schweizer Flötisten und Wahlmünchner, der mit seinem Verein „Musik zwischen den Stühlen“ für die inhaltliche Ausgestaltung der „Echtzeithalle“ mitverantwortlich ist. Das musikalische Angebot des Eröffnungsfestes Anfang September läßt dabei im Hinblick auf die Zukunft viel Spannendes erwarten. In gemeinsamer Anstrengung aller hier heimisch gewordenen Institutionen wurden an vier Tagen fast sämtliche Räume, auch die Innenhöfe über dem „Einstein“ bespielt. Neben Jazzkonzerten (u.a. mit Bugge Wesseltoft, Tina May, Joe Kienemann), Lichtkunstinstallationen (von Dieter Trüstedt und Jörg Schäffer), Theaterpremieren (u.a. mit der szenischen Realisation eines Werner Schwab-Textes), einer Reihe von Musikfilmen über Jazzmusiker von Benny Goodman bis Fred Frith und einem Ives- Liederabend mit Alison Welles bildete die ausgiebige Präsentation von Werken Vinko Globokars einen Schwerpunkt im Programm. Der Komponist und Posaunist Globokar war selbst angereist, um mit den Münchner Ensembles für Neue Musik piano possibile und XSEMBLE einige seiner teils spektakulären Partituren wie „Eisenberg“ (hier mit 16 Jazzmusikern), „Zlom“, „Blinde Zeit“ oder „La Tromba é Mobile“, letzteres für 24 durch die Räume und Höfe marschierende Musiker einzustudieren. Weitere Veranstaltungen wie das Musikfest ’98 der Münchner Gesellschaft für Neue Musik Ende September, ein Schlagzeugfestival mit Edgar Guggeis samt Ensembles mit Werken von Varèse über Reich, Xenakis, Ohana bis Zoro Babel im Oktober lassen hoffen, daß das Kulturzentrum „Einstein“ zu einem Ort der Bewährung für jene Musiker wird, die, wie Orpheus einst, mit ihren Instrumenten hinabsteigen, um in diesem Fall Frau Musica nachnamens „viva“ hoffentlich erfolgreich wieder heraufzuholen, ans Licht einer breiteren Öffentlichkeit.

Weiterlesen mit nmz+

Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.

 

Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50

oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.

Ihr Account wird sofort freigeschaltet!