An Pfingsten hat man die Wahl. Das Wochenende gehört zu den beliebten Festivalterminen und so muss man schon etwas bieten, um sein Publikum zu anzulocken. Die Inntöne bei Passau setzen auf den Charme des Rustikalen. Sie bieten Jazz auf dem Bauernhof, ein bisschen verrückt, etwas alternativ, doch im Kern sehr professionell in der Umsetzung. Damit fallen sie so sehr aus dem Rahmen, dass Tausende in Richtung Heustadel pilgern, um Stars und Entdeckungen abseits des urbanen Trubels zu erleben.
Es wäre auch sonderbar gewesen, so ganz ohne Matsch. Schließlich gehört es zu einem bestimmten Typus Festival dazu, dass man nicht nur hohe Kunst, sondern auch wütende Naturgewalten unmittelbar erlebt. Als am Pfingstsonntag über dem Vierkanthof in Diersbach ein kräftiges Gewitter tobte und es irgendwann sogar an einigen Stelle reinregnete („Das werden die Jäger gewesen sein“, meinte Inntöne-Chef und Ortsgröße Paul Zauner, „wir haben haben hier manchmal Tauben. Die müssen wir verjagen, und dann schießen‘s auch mal ein Loch in die Decke!“), rückten die Menschen eben noch ein wenig zusammen, um dem Lester-Young-Jazz des Saxofonisten Scott Hamilton zu lauschen. Wirklich aus der Ruhe aber brachte das niemanden. Kaum waren die Wolken weiter gezogen, rückte der Traktor mit Sägespänen an und der Sumpf vor der Halle verwandelte sich in federndes Wohlgefallen. Denn bei den Inntönen regt sich niemand auf. Sie sind ein Soziotop des Miteinanders, zu dem auch, aber nicht nur die Musik gehört.
Dabei war Jazz der Auslöser für das Festival. Paul Zauner, Bauer und Posaunist, ließ sich in jungen Jahren von der Musik begeistern, die er über Art Blakey, John Coltrane oder Miles Davis kennen gelernt hatte. Und er hatte die Idee, diesen Sound auch in den Sauwald zu holen, dem österreichischen Hügelland hinter Passau, wo der Familienhof steht. Im Jahr 1986 veranstaltete er zum ersten Mal ein kleines Festival im Schloss Sigharting im Nachbardorf. Bald folgte der Umzug in eine Fachwerkhalle in Raab und 2002 schließlich landete das Raumschiff auf dem eigenen Hof. Zauner nützt seitdem den ungewöhnlichen Ort, um den Inntönen das Flair des Familiären und damit eine unverwechselbare Identität zu geben. Er integriert die Familie, rundum Nachbarn, Kleinbetriebe, Zulieferer von der Brauerei bis zum Biohendlhof, um das Festival in der Gegend zu verankern: „Inzwischen sind die Inntöne ein touristischer Faktor geworden. Kilometerweit sind alle Pensionen ausgebucht und die Leute kommen auch zu anderen Zeiten wieder, weil es ihnen hier einmal gefallen hat“.
Auf ähnliche Weise gelingt es außerdem, Stars nach Diersbach zu locken. Künstler wie Pharoah Sanders, Howard Johnson, Renato Borghetti oder auch Otis Taylor, kommen nicht, weil auf dem Bauernhof mit dem Euro-Bündel gewedelt wird, sondern weil es sich auch in Musikerkreisen herumspricht, dass die Inntöne irgendwie anders und auf ihre Weise cool sind. So schafft es Zauner, für die rund 3.000 Besucher der drei Konzerttage ein erstaunlich vielseitiges, zugleich die regionalen Wurzeln wie auch die internationalen Namen beinhaltendes Programm zusammenzustellen. Die Kombinationen sind manchmal abenteuerlich, machen auf dem Bauernhof aber irgendwie Sinn. Zum Auftakt am Freitag spielte beispielsweise unter anderem das Quartett des Saxofons-Veteran Sanders, der als junger Mann noch in der Band von John Coltrane seine Karriere startete und längst zu den Autoritäten seines Fachs zählt, direkt gefolgt von Six, Alps & Jazz, dem Folklore-Reißwolf des Allgäuer Trompeters Matthias Schriefl, der mit clownesker, besessener Dreistigkeit die Klischees der Improvisation relativiert.
Am Samstag wiederum wechselten sich beispielsweise der Gitarrist Bobby Broom und sein dezent groovendes Standard Trio mit dem hymnischen Sänger Mansur Scott, der sich den Tubaisten Howard Johnson ins Quartett geladen hatte, dem an Jan Garbareks Klangwelten anknüpfenden Sextett des Drummer Uli Soyka oder auch dem klassisch hardboppenden Quartett des Altsaxofonisten Brad Leali mit dem noch immer nicht berühmten, aber technisch grandiosen Claus Raible am Klavier ab.
Am Sonntag trafen die Unterbiberger Hofmusik mit türkisch-bayerischer Post-Folklore auf den brasilianischen Knopfakkordeonisten Renato Borghetti mit pittoresk-virtuosen Melodien, den Cool-Tenorsaxofonisten Scott Hamilton im akustischen Traditions-Gewand oder auch den Blues-Recken Otis Taylor. Bis zu sieben Konzerte am Tag lockten mit eigenem Sound und wem das immer noch nicht genügte, der konnte im Saustall oder dem Blues-Keller bis in die Morgenstunden chillen. „Wer einmal von diesem Virus erfasst wird und diese Energie gespürt hat, der kommt nicht mehr davon los“, meint Paul Zauner am Ende des langen Festival-Wochenendes. Deshalb tun er, sein Team, die Künstler und das Publikum sich diesen Wahnsinn immer wieder an. Es ist eine Frage der Leidenschaft.