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Bernd Weikl in Louis Spohrs „Alchymist“. Foto: Staatstheater Braunschweig
Bernd Weikl in Louis Spohrs „Alchymist“. Foto: Staatstheater Braunschweig
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Eine ordentliche Verpuffung: Louis Spohrs „Alchymist“ in Braunschweig

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Louis Spohr war nicht nur Geigenvirtuose im frühen 19. Jahrhundert, auch als Kapellmeister, mit seinen Oratorien und Opern prägte er das Musikleben. Zwei der Bühnenwerke werden gelegentlich neu aufgelegt: der eigenwillige „Faust“ (Prag 1816) und „Jessonda“ (Kassel 1823). Braunschweig, wo er 1784 auf den Namen Ludewig getauft wurde, erinnert heuer mit verschiedenen musikalischen Aktivitäten an seinen 225. Geburtstag und an den 150. Todestag.

Insbesondere mit der Wiederaufführung der Oper, die er nach eigenem Bekunden für sein gelungenste hielt: „Der Alchymist“. Die Uraufführung fand im Sommer 1830 statt, in dem es – im Gefolge der Pariser Juli-Revolution – auch in Deutschland zum ersten Mal seit den Bauernkriegen zu großen Volksaufständen kam. Gerade auch in Braunschweig und in der kurhessischen Residenzstadt Kassel, in der Spohr seit 1822 wirkte. Als Hofkapellmeister war er konträren Erwartungen ausgesetzt: der Fürst wollte ein repräsentatives Unterhaltungsprogramm von ihm, das selbstbewußter werdende Bürgertum etwas volkstümlicheres und realistischeres Theater mit einem guten Schuss Zukunftsmusik. Die in einer expressiven melodramatischen Nummer im 3. Aufzug aufscheinende Kritik an der Inquisition und der allzusehr auf weltliche Macht gegründeten Kirche fügt sich in die politische Agenda der Vormärzjahre: Zum Schutz der „Pfaffen“ vor liberalen Attacken war die Zensur in der Regel besonders eifrig; hier aber handelte etwas in einem fernen Südspanien – das ansonsten sehr betuliche Libretto von Carl Pfeiffer wurde genehmigt. Dennoch konnten selbst Schwerhörige mitbekommen, dass es mit den Fragen der Freiheit von Forschung und Lehre durchaus um ein aktuelles Thema ging.

Opern, deren Helden Naturwissenschaftler sind, kommen relativ selten vor. Zumal in früheren Jahrhunderten. Da dominieren Feldherren und Monarchen. Schon mit dem aus vorgoetheschen Quellen gespeisten „Faust“ thematisierte Louis Spohr in der Zeit des antinapoleonischen Befreiungskriegs Leben und Schaffen des deutschen Magiers und Universalgelehrten der Frühneuzeit. Knapp zwei Jahrzehnte später promovierte er dann noch einmal eine solche Figur auf die Opernbühne: Don Felix de Vasquez, einen alten Alchymisten in der Zeit des Lope de Vega.

Louis Spohrs neunte Oper basiert auf der „The student of Salamanca“ von Washington Irving (1783–1859), dem Begründer der Gattung Kurzgeschichte. Doch die Umformung der Novelle zu einer marktgängigen Opernhandlung geriet allzu biedermeierlich und trivial. Sie schenkte der Tragödie des Forschers zu wenig Aufmerksamkeit und legte die Liebesintrige allzu banal an: Sowohl Don Ramiro, ein auf die Hilfe des zwielichtigen Lopez angewiesener Aristokrat, der von vorneherein wenig Sympathie erweckt, als auch der auf den ersten Blick liebenswürdige Student Don Alonzo verlieben sich in Inez, das schöne Töchterchen des weltentrückten Chemikers. Den gibt der schwere Bass Bernd Weikl als sehr zerstreuten alten Professor, Jörg Dürmüller den Schwiegersohn in spe mit unbeschwert frischem Tenor. Mit Moran Abouloff verfügt die Braunschweiger Produktion über eine ansehnliche und mit geschmeidiger starker Stimme ausgerüstete Protagonistin im Liebeshändel – und mit Susanna Pütters über einen Publikumsliebling, der als helfender und rächender Engel Paola dazwischenfunkt.

Kurz vorm Abschluss der bahnbrechenden Experimente zur Erschaffung des Homunculus und des Steins der Weisen aus der Retorte kommt es im Labor zu einer heftige Explosion. Der Alte wird von Alonzo aus den Flammen gerettet, doch umgehend gefangen gesetzt und von Ramiro der Ketzerei bezichtigt. Dieser duelliert sich mit Alonzo im Gebäude der Inquisition und unterliegt natürlich, Don Felix kommt frei, Alonzo nimmt ihn samt Inez mit nach Hause und alles wird wahrscheinlich gut.

Auf der Bühne erweist sich „Der Alchymist“ als Machwerk, das mit einem Überschuss an formschöner und glücklich melodiöser Musik begabt ist. Um die kümmerte sich, von der Erstellung des Notenmaterials an, der Dirigent Christian Fröhlich mit Umsicht. Uwe Schwarz schlug sich achtbar bei der Inszenierung: Zwei Container, der eine gefüllt mit dem Opernchor als preiswerten Arbeitskräften aus den tieferen Zonen der globalisierten Welt, senken sich auf die Bühne herab und speien ihre Ladung aus. Im anderen Transportbehälter befindet sich das Laboratorium des offensichtlich auch nirgendwo heimisch gewordenen Alchimisten. Die Ritter-Riuale werden mit milder Ironie als verstaubte Veranstaltung vorgeführt, die Gelehrtheit des Titelhelden als bücherwurmstichig. Auf denkwürdige Weise lebendig aber bleibt die alchymisierende, über die Nummernoper hinausdrängende Musik mit dem auf Wagners Leitmotiv hinführenden „Personalmotiv“ in Erinnerung (die Instrumentation der „Tristan“-Chromatik ist direkt aus der „Alchymist“-Partitur abgeschaut). Auch mit solchen Details öffnet Braunschweig das Ohr für Spohr.

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