Nein, selbstgefällig klang das gar nicht, zufrieden aber schon: jenes Fazit, dass der Verein für Neue Musik Mecklenburg-Vorpommern e.V. nach Abschluss seines nunmehr 7. „Brücken“-Festivals für Neue Musik in MV ziehen konnte. Neun Tage lang – vom 19. bis 27. November 2011 – war Rostocks Hochschule für Musik und Theater (HMT) nunmehr vertrauter Schauplatz einer Initiative, die dank ihres Künstlerischen Leiters und Hochschulprofessors für Komposition, Professor Peter Manfred Wolf, erneut keine Wünsche offen ließ.
Dabei vertraute man bewährten Positionen. Etwa dem Composer in Residence, für den mit Wolfgang Rihm Bestmögliches gewonnen werden konnte, den repräsentativen Gastinterpreten, hier mit dem ensemble recherche Freiburg, dem Morgenstern-Trio sowie dem Pianisten Prof. Dr. Siegfried Mauser, und der mit Interpreten wie Kompositionen zahlreich vertretenen regionalen Neue-Musik-Szene.
Hinzu kamen – alles andere als Beiwerk! – vier von Rihm betreute Kompositions-Workshops mit Studierenden der Musikhochschule Karlsruhe sowie des ABAM-Netzwerks (Association of Baltic Academies of Music), vier musikwissenschaftliche Vorträge zum Schaffen Wolfgang Rihms und dessen öffentliche Probe mit dem ensemble recherche. Rechnet man die insgesamt 18 Konzerte hinzu, dann ergibt sich eine verbale und musikalische Vermittlungsdichte von bemerkenswertem Ausmaß und äußerst anregender Intensität.
Beeindruckend war nicht allein die Menge, sondern vor allem die kompositorische Qualität des Gebotenen, etwa bei jenen 19 teils umfangreichen Kompositionen, mit denen die 20 ABAM-Studenten aus 7 Ländern erstaunlich selbstbewusst und originell in Studiokonzerten auf sich aufmerksam machten – ihre in den Rihm-Seminaren vorgestellten Kompositionen noch gar nicht inbegriffen. Von mehr als lokalem Interesse auch jene beiden Konzerte, in denen Komponisten aus Mecklenburg-Vorpommern neue Kammermusik vorstellten.
Insbesondere aber galt der Vorzug starker Präsenz natürlich für Rihm selbst, der mit 29 Kompositionen vertreten war. Angesichts seines umfangreichen Gesamtwerks mag das so viel nicht scheinen, aber als „Wochenration“ vermittelten die hier einzeln nicht benennbaren, zwischen Solowerk und sinfonischer Besetzung in höchst vielfältiger Gestalt erscheinenden Werke doch einen sonst kaum so gedrängt informativen und erlebnisstarken Eindruck.
Ihn dürften jene Erfahrungen bestätigt haben, die man als Studiosus mit diesem Komponisten als Pädagogen machen konnte: beeindruckend uneitel, respektvoll und in der Sache hilfreich, weil er den Komponistennachwuchs ganz auf sich selbst verwies und ihn nicht an sich, nicht an Rihm maß! Wer weitere Erfahrungen zu ihm machen wollte, war bei den „lectures“ richtig, wo es – natürlich nur ausschnitthaft – um das Eigene im „frühen“ Rihm ging (P. M. Wolf), um Rihm und das Trio (J- Ph. Sprick), um Klangfarbigkeit in „Styx und Lethe“(W. Kröger) sowie um Struktur und Ausdruck in „Tutuguri“ ging (M. Rechter).
Was diese Tage zusätzlich auszeichnete, war die exquisite Wiedergabe aller dieser so unterschiedlichen wie interpretatorisch und aufführungstechnisch anspruchsvollen Musik. Das betraf nicht nur international ausgewiesene Spezialensembles und Solisten wie das ensemble recherche Freiburg das Morgenstern-Trio oder den Pianisten Siegfried Mauser, nicht nur die Norddeutsche Philharmonie Rostock (GMD Florian Krumpöck), sondern auf sehr überzeugende Weise auch das Hochschulorchester der HMT (Prof. Christfried Göckeritz), ein Kammerensemble (Konstantin Heuer) und weitere Studenten wie Dozenten des gleichen Hauses sowie das seit Jahren um Neue Musik in MV überaus verdiente ensemble mv-connect (Ulrike Mai).
Rostocks Festival für Neue Musik bestätigte in allen Parametern erneut seinen Anspruch auf Unverzichtbarkeit.