Leipzig - Zum Jubiläum gibt es einen eigenen Klang. Ein "Festival-Signal", gestaltet von der Kompositionsstudentin Friederike Bernhardt, ruft fortan die Zuschauer der euro-scene zu den Vorstellungen in den verschiedenen Spielorten des Festivals. Das wird in diesem Jahr 20 Jahre alt und begibt sich, so lautet das diesjährige Motto, vom 2. bis 7. November auf "Spurensuche".
Es gibt Wiedersehen mit Ensembles, die schon häufiger in Leipzig zu Gast waren, aber auch nach längerer Zeit einmal wieder eine Eigenproduktion. Der Regisseur und Theaterwissenschaftler Matthias Renner gründete die euro-scene kurz nach der Wende, 1991 fand sie zum ersten Mal statt. Vorläufer und Basis war noch zu DDR-Zeiten die "Leipziger Schauspiel-Werkstatt", wobei europäisches damals vor allem russisches Theater hieß. Nach der Wende konnte man in ganz Europa Ausschau halten nach innovativem Tanz- und avantgardistischem Sprechtheater. "Mutig und weitsichtig in den stürmischen Jahren der Nachwendezeit" nennt Ann-Elisabeth Wolff den Anfang der euro-scene, die sie seit 1994 leitet.
Sie gibt seitdem jedem Jahrgang ein Motto mit – etwa "Wahlverwandtschaften" oder "Sonnenfinsternis". Und immer noch gilt ein besonderer Blick den osteuropäischen Ensembles und Truppen. So trat das "Dance Theatre Incluse" aus Kaliningrad in Leipzig zum ersten Mal überhaupt im Ausland auf, das "Dramaturgische Theater der Weißrussischen Republik" aus Minsk feierte in Leipzig seine Deutschland-Premiere.
Mit den Jahren hat sich die euro-scene im Reigen der europäischen Festivals etabliert und arrangiert, suchte und fand immer wieder außergewöhnliche Spielorte wie das BMW-Werk in Leipzig. Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung spricht - ein bisschen schulterklopfend - von "unserem Avantgarde-Festival".
Finanzierung vorerst gesichert
Die damalige sächsische Kunstministerin Barbara Ludwig schrieb zum 15. Jahrgang der euro-scene: "Aus dem einstmals zarten Festival-Pflänzchen, das im Jahr 1991 in Leipzig keimte, ist inzwischen eine stattliche Pflanze geworden, die schon so manchem Gewitter und Theaterdonner getrotzt hat." Es gewitterte vor allem immer wieder wegen der Finanzierung des Festivals, das von Stadt, Freistaat und Sponsoren getragen wird. Zum Jubiläum aber verkündete Leipzigs Kulturbürgermeister Michael Faber, die städtische Forderung in Höhe von 180.000 Euro werde, trotz Finanznot, mindestens in dieser Höhe bestehen bleiben; zum Jubiläum gab es von der Stadt sogar 75.000 Euro extra.
Die "Spurensuche" eröffnen wird der renommierte belgische Choreograf Alain Platel, der schon bei der ersten Ausgabe und seitdem immer wieder dabei war. Er zeigt mit "Out of context – for Pina", eine Hommage an Pina Bausch. Es gibt Schatten- und Puppentheater aus Brno, politisches Ein-Mann-Theater aus Holland. In einer "Langen Nacht des Tanzes" wird auf den beliebten Wettbewerb um "Das beste deutsche Tanzsolo" zurückgeschaut.
Uraufführung von "Prophezeiung 20/11" am 3. November
Und erstmals seit 2003 gibt es wieder eine Eigenproduktion des Festivals, laut Wolff "ein Risiko, denn das Ergebnis ist erst zur Uraufführung zu sehen". Die findet am 3. November in der Schaubühne Lindenfels statt, der Titel lautet "Prophezeiung 20/11".
Der junge Leipziger Regisseur Philipp J. Neumann gewann mit seinem Projekt die Ausschreibung für Künstler in Mitteldeutschland. Neumanns Konzept und Inszenierung basiert auf Texten des indischen Mönches Lurek Singh. Es geht um eine Gottesstrafe, die den Menschen auf eine Stufe mit den Tieren stellt und ihn seine Vernunftbegabung verlieren lässt.
"Wir wollen uns mit Tanz- und Bewegungstheater auf die Suche nach tierischem, menschlichem, instinktivem Verhalten des Menschen machen", beschreibt Neumann seine Produktion, die nicht von Musik, sondern von Originaltönen und Geräuschen begleitet wird. Mit vier Tänzern und einem Jungen aus dem Gewandhaus-Kinderchor will er "Instinkttheater" machen, keine Geschichte erzählen, "obwohl sich im Subtext doch eine Chronologie ergeben hat".