Michael Jackson ist tot. Für die TV-Anstalten dieser Welt ein Grund, die unfassbar wie unendliche Bandbreite ihrer niveaulosen Berichterstattung in Gang zu setzen. In Deutschland agiert man dabei längst amerikanisch: Überforderte Moderatoren (gerne meteorologische Quereinsteiger oder lispelnde Boulevard-Bummelchen) röcheln sich durch Sondersendungen, Specials und Exklusivitäten.
Die Todesnachricht traf die Fernsehredaktionen derart unvorbereitet, dass man sich als relativ neutraler Beobachter am Freitagnachmittag fast diebisch freute. Die uneingeschränkte Unfähigkeit, Unprofessionalität und Hilflosigkeit einer völlig überbezahlten Branche wurde wieder einmal herzerfrischend offenbart. Laufbänder mit wirren Botschaften (Gerüchte, Eventuellwahrheiten, unbestätigte Verlautbarungen ), Liveschaltungen zu Korrespondenten, die sonst von G8-Gegnern in die Mangel genommen werden, hektisch zusammen geflickte Dokufilmchen über Michael Jackson und Einblendungen seines Geburtshauses bestimmten die Bilder und sollten Unwissenheit kaschieren. Von recherchierten Fakten auf keinem Sender auch nur die geringste Spur. Dafür geschätzte 250 Mal die Bilder eines Krankenwagens, der Michael Jackson transportiert haben soll.
Aber gerade in dieser synthetisch arrangierten Stimmung zwischen aufgesetzter Emotion und würdeloser Seriosität, schlägt die Stunde der kolossalsten Dilettanten dieses Landes. Sie sind die letzte Rettung der Fernsehsender, wenn die eigene Unzulänglichkeit versagt. Sie sind eine und einer von uns. Eine TV-GSG 9 mit Durchschlagskraft. Sie nennen sich Experten. Manche sogar Fachmann/frau, Spezialist oder Kenner.
Aus allen Winkeln der Republik Deutschland, wurden die sogenannten, selbsternannten und unerkannten Experten am Freitagnachmittag zusammen gekratzt, um Statements zum Ableben des „King of Pop“ in die Kameras zu faseln. Und kein Sender war sich zu schade, jeden noch so abwegigen Promi vor die Linse zu schleppen, die sich aber problemlos kategorisieren lassen, wie folgende Auswahl zeigt.
Schnitt. Die Schlimmsten
N24 wagte es, einen Toxikologen ins Studio zu holen, der per Ferndiagnose sinngemäß folgendes verkündet: Jackson könne eventuell an einem tödlichen Medikamentencocktail gestorben sein. Der jedoch nur unter gewissen Umständen – falls die Präparate, deren genaue Zusammensetzung er nicht kenne, untereinander Reaktionen zeigten, jedoch nicht vor 23.00 Uhr eingenommen wurden – maßgeblich für den Herzstillstand gewesen sein könnte. Aber dennoch auf Basis der verschiedenen Konstitutionen des Menschen beim ein oder anderen divergierende Auswirkungen haben könne. Speziell pauschalisieren könne man da nichts. Nun ja. Da wird einem Angst und Bange vor der nächsten Fischvergiftung. So genau hätte es nicht sein dürfen, Herr Experte.
Schwarzblende. Ein anderer Nachrichtensender präsentiert einen Radiomoderator, dem folgende, nicht beantwortbare Frage gestellt wird, da er ein Kenner sei: „Sie haben 1993 Michael Jackson bei einem Livekonzert aus circa zwei Kilometer Entfernung zur Bühne erlebt. Was für einen Eindruck hat er auf Sie gemacht, was für ein Mensch war er?“ Nicht, dass die Fragen an sich bereits ein Kündigungsgrund wären. In geradezu sensationeller Überzeugung findet der Radiomoderator – Schrägstrich – Kenner sogar eine noch viel abstrusere Antwort und berichtet von einem warmherzigen Michael Jackson, der topfit wirkte. Wohl gemerkt: Es geht um ein Konzert von 1993.
Schnitt. Die Überflüssigsten
Grundlos wird Oliver Kahn bei RTL befragt. Was dessen Status betrifft, erfahren wir von Frauke Ludowig, die eigens ihre Solariumbehandlung für die Sondersendung „RTL-Exklusiv: Michael Jackson ist tot“ unterbrach, nicht. Aber es ist zu befürchten, dass auch Oliver Kahn ein Experte ist. Diesmal für Popmusik, nächste Woche wieder für Menschenrechte. Unerklärt kommt Starfrisör Udo Walz zu Wort: „Ich durfte ihm die Hand schütteln. Er war ein großartiger Mensch“. Politisch bekleckern sich alle Sender mit einem Schnipsel-Statement von Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der als noch jüngerer Mensch einst ein Livekonzert des Popkönigs besuchte. Und Patrick Nuo, längst vergessener, 5.000 Platten verkaufender Teeniestar der beginnenden 2000er-Jahre, würgt ein nichtssagendes Statement hervor, während er schnell noch eine SMS auf seinem Handy abschickt. Es darf eben doch sein, was nicht sein hätte dürfen.
Schnitt. Der Lächerlichste
Ralph Siegel. Ein Potpourri an Trivialitäten und Plattitüden bilden seine Bekenntnisse zu und Erinnerungen an Michael Jackson. Ob er ihn nun wirklich kannte oder eventuell nur als Praktikant den Müll aus Quincy Jones’ Studio entsorgen durfte während Michael Jackson Tanzschritte einstudierte, wird nicht ersichtlich. Und weil das Fernsehen seiner Kredibilität nicht traut, filmt man ihn vorsichtshalber mal vor seiner mit goldenen Schallplatten tapezierten Studiowand ab. Trotzdem. Zu sagen hatte er was. Der Ralph. Der Siegel.
Schnitt. Der Unvermeidliche
Selbstverständlich war mit Thomas M. Stein und seinem Senf zur Tragödie zu rechnen. Irgendwer hat ihn scheinbar erfolgreich vom roten RTL-Chartsofa der niemals endenden Oliver Geissen Show gepeitscht und ihm eine Randbemerkung abgerungen. Die fällt – wie so oft bei Stein – irrelevant, angepasst und universell einsetzbar aus. Würde dann ebenfalls bei Joopi Heesters passen. Ob Stein nun Promi, Musikszenenkenner oder bezahlte Allzweckwaffe ist, das blieb verborgen.
Schnitt. Der Unbekannte und Verzichtbare
Journalist Christian Marks kommt auf vielen Sendern zu Wort, nmz-Recherchen zu Folge der einzig autorisierte Jackson-Biograf. Ob weltweit, war nicht final zu klären. Aber Titel sind nur Schall und Rauch. Deswegen Respekt, Herr Marks! Und dafür weiß Herr Marks dann aber gleich eine Menge mehr zum Thema „Tod + Michael Jackson“. Genauer gesagt absolut nichts und damit weniger als der Durchschnitts-Deutsche. Sehr verzichtbar, der Herr Kollege.
Schnitt. Der Heuchlerischste
Marcel Avram, Konzertveranstalter. Nach aktueller Aussage „enger Freund und Vertrauter“ des „King of Pop“. Fünf Tourneen hat er mit Michael Jackson organisiert. Und dabei abkassiert. Weil „Jacko“ irgendwann gesundheitlich am Ende war, musste er Konzerte absagen. Freundschaftlich verklagte Avram seinen Kumpel auf 17 Millionen Euro Schadensersatz und hetzte ihn durch Prozesse, Verfahren, Anklagen und öffentliche Medienschlachten. Klar, dass bei Avram die Tränenschleusen weit geöffnet wurden. War ja kaum zu beruhigen, der alte Weggefährte. Aber im Ernst: Unaufgeregter und uninteressierter als Avram kann man den Tod eines Freundes nicht hinnehmen. Das war ohne Gleichen. Fast entwürdigend.
Schlusssequenz. Medienwechsel
Und weil es immer jemanden gibt, der alles Dagewesene toppt, ist auch dieses Mal eine zur Stelle, die dem Ganzen im besten Sinne des Wortes ein Krönchen aufsetzt. Fürstin Gloria von Thurn und Taxis erdreistet sich in der Mittelbayrischen Zeitung zu sagen: „Ich bin tief erschüttert über den viel zu frühen Tod eines lieben Freundes“. Es erstaunt, dass „Jacko“ zum Freundeskreis Ihrer Durchlaucht zählte, sind ihr doch die dauerschnackselnden Afroamerikaner eigentlich ein antichristlicher Dorn im katholischen Verhütungsauge.
Schön war er also nicht, der Freitagnachmittag. Zum Heulen für Fans, zum Heulen aber auch, weil uns als Volk wieder gnadenlos vorgeführt wurde, wie wir funktionieren müssen. Als angepasste, von den Medien frisierte und letztlich elende Rezipienten einer erbärmlichen Medienkultur. Entwillt und langsam unfähig, auch nur die geringste Kraft aufbringen zu wollen, diesem Irrsinn entgegen zu treten.
Aber einer muss doch mal den Anfang machen…
27.06.2009, 11.30 – 19.15 Uhr
ARD, ZDF, RTL, N24, n-tv und weitere deutschsprachige Sender