Ganz am Schluss erklang Bobby Timmons „Moanin’“, obendrein aufgeladen mit Zitaten bis zu Miles Davis’ „Jean Pierre“, und spätestens da schoss es einem durch den Kopf, dass es der immer im Ruch des Elitären stehende Jazz doch mitunter geschafft hat, sich ins kollektive musikalische Gedächtnis einzugraben.
Freilich brauchte es für dieses Deja vu drei in jeder Weise gewichtige Vertreter ihres Fachs: Geballte Jazz-Geschichte saß zum Auftakt des Münchner „Jazz Sommers“ im Hotel Bayerischer Hof auf der Bühne des Night Clubs. Als nomineller Leader Larry Coryell, seit seinen Anfängen mit Gary Burton in den späten Sechzigern im Range eines Gitarrengottes; am Schlagzeug einer seiner frühesten Weggefährten, der Weather Report-Veteran Alphonse Mouzon; und an der Hammond-Orgel Joey DeFrancesco, mit 38 Jahren zwar der Benjamin der Band, doch als „Orgel-Wunderkind“ auch schon über 20 Jahre im Geschäft und wesentlich dafür mitverantwortlich, dass die zwischenzeitlich fast in der Versenkung verschwundenen Hammond-Monster Anfang der Neunziger wieder in Mode kamen.
Zum ersten Mal, seit der Bayerische Hof seinen sozusagen aus der Konkursmasse des „Klavier Sommers“ ausgelösten „Jazz Sommer“ in Eigenregie veranstaltet, fand der Auftakt nicht im Festsaal, sondern im Nightclub statt. Was abgesehen von der Raumtemperatur kein Schaden war. Einmal, weil es statt ums Sehen-und-gesehen-werden ausschließlich um die Musik ging; zum anderen, weil statt der großen Besetzungen der vergangenen Jahre, die nie restlos überzeugen konnten, diesmal eben nur ein Trio ans Werk ging. Eines allerdings, das Pflöcke für die restliche Woche einzuschlagen verstand.
Was man von diesen drei erwarten durfte, bekam man reichlich: Einen Groove-gesättigten Spaziergang durch alle Hauptstraßen des Jazz, sofern sie mit Melodien gepflastert sind. Los ging es also mit dem Blues, den ja Coryell noch in den stilistisch modernsten Nummern unterschwellig unterzubringen pflegt. Nach wuchtig modernisierten Swing-Standards – „Thanks For The Memories“ widmeten sie dem Andenken an Michael Jackson –, etwas Bebop und Motown sowie einem furiosen Solo-Exkurs Coryells, in dem er Ravels „Bolero“ mit immer neuen Klangfarben überzog und so die im Original durch immer mehr Instrumente erzeugte Steigerung ganz alleine hinbekam, gelangte man nach der Pause endgültig an die angestammten Gestade des Jazzrocks. Mouzons „Funky Waltz“ etwa veranschaulichte schlagend die zeitlose Qualität und die massenkompatible Wirkung der besten Stücke aus der Fusion-Ära. Eine Tatsache, die in den zurückliegenden Jahren des Ethnojazz und mancher Revival-Mode in Vergessenheit zu geraten drohte.
Auf diesem Terrain erwies sich auch wieder, dass es die Besten braucht, um dem einmaligen Joey DeFrancesco etwas entgegenzusetzen – was Coryell mit seiner Jahr für Jahr immer noch kultivierteren Technik und Mouzon mit seinen nach wie vor eindrucksvollen, sowohl rollenden wie knackenden Rhythmus-Gewittern gelang. Erleben durfte man hier die hohe Kunst, den Jazz zu einer anderen Art Volksmusik zu erheben. Eine Kunst, an der sich die Kollegen – die fast alle ebenfalls aus dem Mutterland des Jazz stammen - an den folgenden Tagen des Jazz Sommers messen lassen müssen.