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Noch ist der „wilde Vogel“ nicht freigelassen. Probenfoto von der dritten Szene von Stockhausens SAMSTAG aus LICHT in der Münchner Michaelskirche. Foto: Astrid Ackermann
Noch ist der „wilde Vogel“ nicht freigelassen. Probenfoto von der dritten Szene von Stockhausens SAMSTAG aus LICHT in der Münchner Michaelskirche. Foto: Astrid Ackermann
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Klangräume – Raumklänge: Karlheinz Stockhausens SAMSTAG aus LICHT als deutsche Erstaufführung bei der musica viva in München

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München, Michaelskirche, kurz nach zehn Uhr abends. Die Zuhörer blicken erwartungsvoll nach vorne, als es sie plötzlich schier aus den vollbesetzten Kirchenbänken hebt: Von der Orgel- und den beiden seitlichen Nebenemporen tönt – von periodischen Röhrenglocken-Schlägen gegliedert – der LUZIFER-GRUSS aus 20 Blechblas-Stürzen herab. Karlheinz Stockhausen, der Raumklang-Visionär wäre wohl zufrieden gewesen.

Das Finale in St. Michael war Ausgangs- und Endpunkt der „quasi-konzertanten“ deutschen Erstaufführung von SAMSTAG aus LICHT, die die musica viva des Bayerischen Rundfunks über zwei Tage und drei Spielorte verteilt bewältigt hatte. Angesichts des Hochaltarbildes, das den heiligen Michael „im Kampf mit dem Teufel“ zeigt, hatte musica-viva-Chef Winrich Hopp vor drei Jahren die Idee entwickelt, den vorletzten Tag aus Stockhausens LICHT-Zyklus aufzuführen und (nach dem Auftakt mit den ersten beiden Szenen in der Muffathalle und der dritten Szene im Herkulessaal) in der Jesuitenkirche enden zu lassen. Schon allein der überwältigende, wie eine wild gewordene Blechinstrumentengruppe aus einer Bruckner-Symphonie sich gebärdende „Luzifer-Gruß“ gab Hopp Recht.

Was folgt, ist ein exorzistisches Ritual: Zwei Mal 15 Bässe in Mönchskutten und Holzschuhen stimmen, links und rechts der Kirchenbänke zur Wand gerichtet, Franz von Assisis „Loblied der Tugenden“ mit lang gehaltenem, von der Orgel grundiertem Brumm- und Obertongesang an. Luzifer wird mit dessen eigenen Waffen verwirrt und geschlagen, um den Platz für den SONNTAG frei zu machen.

Die größte musikalische Intensität entwickelt das gleichermaßen faszinierende wie befremdliche Spektakel (Choreinstudierung: Rupert Huber), wenn die Sänger, rotierenden Lautsprechern gleich, im Kreis um die Kirchenbänke herumlaufen. Mit keinem Mischpult der Welt hätte Stockhausen das besser inszenieren können. Das Finale vor der Kirche mit Freilassung eines veritablen „wilden Vogels“ aus seinem Käfig und dem in die Zukunft blickenden Zerschmettern von Kokosnüssen war dann nur noch eine, die Spannung lösende Coda, bei der nun das amüsierte Befremden die Oberhand gewann, gerade auch bei den zufällig vorbeikommenden Passanten.

Raumklang in bestechender Qualität war zuvor auch am Beginn der zweiten Station dieser LICHT-Aufführung zu erleben gewesen. Wie vom Komponisten für eine solche, nichtszenische Realisierung vorgesehen, ist dem orchestralen Hauptstück LUZIFERs TANZ das elektronische Pionierwerk „Gesang der Jünglinge“ vorgeschaltet. Im abgedunkelten Herkulessaal von Paul Jeukendrup auf die Lautsprecher verteilt, hörte man ihn noch einmal ganz neu.

In LUZIFERs TANZ scheint Stockhausen dann das erste Don-Giovanni-Finale um ein Vielfaches zu potenzieren. Statt drei, rhythmisch voneinander unabhängigen Ensembles lässt Luzifer – Bassist Michael Leibundgut kündigt die Stationen an – derer zehn gegeneinander antreten und verzerrt mit „Nasenflügel“-, „Oberlippen“- oder „Zungenspitzen“-Tänzen die Züge des in Form eines Gesichts angeordneten Orchesters (im Herkulessaal stand es, vom Publikum abgewandt, sozusagen auf dem Kopf und war kaum als solches zu erkennen).

Zentralen Raum nehmen dabei die Soli von Luzifers Katze und von Gegenspieler Michael ein. Helen Bledsoe brillierte an der Piccolo-Flöte, Marco Blaauw betörte mit einer phänomenalen, teilweise auf dem Rücken geblasenen Riesenkadenz und entlockte der Piccolo-Trompete aberwitzige Tonfolgen und geschmeidige Melodik, um sich schließlich mit dem einsetzenden Orchester zu einer veritablen Avantgarde-BigBand zu verbinden.

Mit souveräner Gelassenheit koordinierte Ingo Metzmacher das rhythmische Gewebe, das – Stockhausens späte Sehnsucht nach Fasslichkeit wird hier ebenso deutlich wie in der harmonischen Anlage – weniger komplex wirkt als es komponiert sein dürfte. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit Dirk Rothbrust als weiterem Solisten am zentral positionierten Schlagwerk blieb den Ensembleverschlingungen kaum etwas schuldig.

Viel Jubel für eine denkwürdige Aufführung, die dann nachts in der Fußgängerzone nach dem dritten Teil in der Michaelskirche in den von Straßenmusikern bevölkerten Passagen der Fußgängerzone nachhallte.

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