Spinner, Ideologen, Gesellschafts-Schädlinge: Mit wie viel Hohn, Hass und „wissenschaftlich fundierten Gegenargumenten“ wurden noch vor zehn, zwölf Jahren Ökos aller Farben überhäuft, als sie versuchten, die Folgen der Erderwärmung ins öffentliche Bewusstsein zu heben. Politik und Industrie bildeten „Fronten der Vernunft“ wider die Rotten der „Umweltfanatiker“.
Ein auf den ersten Blick weit weniger spektakulärer Klima-Wandel vollzieht sich, gut getarnt als ökonomische Ultima Ratio oder als Vision einer besseren Zukunftsgesellschaft, in unserem Kultur-Winkel seit einiger Zeit. Die so genannte Versöhnung zwischen Geist und Geld, zwischen Kunst und Ökonomie. Gegen solche Nettigkeiten wäre gar nichts einzuwenden, gäbe es nicht Erfahrungswerte, die den Vollzug dieser Hochzeit zu einer Paarung zwischen Krokodil und Kaninchen geraten ließen. Der neue Streichelzoo heißt Kreativ-Industrie und wird ausgerechnet zu einem Zeitpunkt eingerichtet, da die Industrie allenfalls noch Stacheldraht und Elektro-Schocker beisteuern kann. Es schwingt sich zum Beispiel eine abgewirtschaftete Branche, die phonographische, in den Status des Perspektiv-Lieferanten für die Kreativen im Lande auf, entdeckt 20 Jahre zu spät, dass man nur ernten kann, wenn man auch mal den Boden düngt, und geriert sich dank routiniertem Marketing-Geflitter als Spiderman, der Weltenretter.
Dabei lassen sich gewisse Funktionärs-, Pägagogen- aber auch Künstler-Persönlichkeiten gern sehr schnell über den Tisch ziehen, weil sie die Reibungshitze mit warmer Zuneigung verwechseln. Bestens vertreten von einer Dienstleistungsgesellschaft zur Vermarktung von Urheberrechten im angloamerikanischen Stil (so wird die Gema wohl bald heißen) jubeln dann die Kreativen über die Verwandlung ihrer Schöpfung in wohlfeile Handelsware, deren Preis natürlich der Markt bestimmt. Von Enteignung zu sprechen signalisierte ja eine negative Grundhaltung.
Was an kreativen Emanationen dieses „freie Spiel der Kräfte“ präferieren wird, zeigt schon heute die Entwicklung unserer hochseriösen Anstalten des öffentlichen Rechtes: Von den acht Milliarden Euros, die jährlich allein durch Gebühren eingenommen werden, landen mehr als drei Viertel in Industrie-affinen Mainstream-Produktionen, die Subvention von Doping-Drogen noch gar nicht eingerechnet. Und das Gros der Intendantenschar duckt sich öffentlich unter das alleinige Diktat der Quote.
Dass sich bei soviel gesellschaftlich akzeptiertem Gewicht der Zahlensteuerung Politiker und gar Bundesbehörden nicht mehr mit Floskeln wie „künstlerische Autonomie“ beschäftigen mögen, sich lieber auf die Excel-Tabellen ihres Laptops verlassen, nimmt da nicht Wunder. Wie berichtet speist sich die „Initiative Musik“ als Kreativ-Wirtschaftsförderung aus Mitteln, die der Bundeskulturstiftung entzogen wurden. Sicher ist sicher.
Und der Bundesrechnungshof als im Rahmen dieser Klima-Veränderung naturgemäß oberste deutsche Kulturinstanz rät in einem Gutachten Mitte Oktober zur Beendigung jeglicher Kulturförderung durch den Bund. Tschüss, „Jugend musiziert“, willkommen Pop-Stars. Und rasch an die Börse, Jeunesses musicales.