Kurz vor Weihnachten, am 20. Dezember, hat unser Kritiker Arno Lücker sich in den großen Saal der Berliner Philharmonie gesetzt, um Mahlers Dritter Sinfonie unter dem Dirigat Zubin Mehtas nachzulauschen. Lücker lässt alles Anekdotische hinter sich und dringt in seiner Kritik mitten ins Herz des Werkes vor. Kuckuck ist tot.[huf]
Über Gustav Mahlers eineinhalbstündige dritte Symphonie kann man viel sagen und viel schreiben. Entsprechende Äußerungen des Komponisten und Anekdoten von Zeitzeugen gibt es zuhauf, so dass die Sache noch leichter zu werden scheint. Dem Kritiker, ohnehin Angehöriger einer „toten“ Zunft (Frank Hilberg, WDR) inmitten einer markttechnisch korrumpierten Öffentlichkeitsstruktur, in die sich das Feuilleton längst schon hoffnungslos verfangen hat, fällt es daher nicht schwer, einfach aus dem Programmheft des Konzerts zu zitieren, in dem die biographischen Bonmots auch noch genüsslich ausgeschlachtet werden. Sätze Mahlers, wie der, nach dem seine dritte Symphonie ein Werk sei, „in welchem sich in der That die ganze Welt spiegelt“, sind, werden sie als Etikette verwendet, so buchklappentexttauglich, dass sie offenbar in keiner Kritik fehlen dürfen, zumal die Formulierung schon beim Lesen der Konzerteinführung Menschen veranlasst, sich heimlich bei den Händen zu nehmen, den Satz gemeinsam noch einmal langsam mitzusprechen und dabei innerlich zufrieden zu nicken: Ja, stimmt. Die ganze Welt.
Den weltanschaulichen Hintergrund von Mahlers Dritter zu erörtern, ist nicht unnötig, aber gebiert nicht zwangsläufig erhellende Antworten und noch nicht einmal gute Fragen. Eine dieser (eigentlich nie gestellten, guten) Fragen abseits aller Weltanschaulichkeitsgeheimniskrämerei ist: Wie schafft es Mahler, trotz (oder mit?) eineinhalb Stunden Musik, Langeweile auf so erschreckend gute Weise zu vermeiden?
Am vergangenen Samstag, den 21. Dezember 2008 lag es auch an dem Dirigat von Zubin Mehta, dessen Energie sich nicht vorschnell in Effektfuchtelei entlud, sondern der sich in bedeutungsvoller Ruhe dem großen Bogen des Werkes widmete. Und kaum ein Werk benötigt diesen (selbst schon wieder zu häufig strapazierten) großen Bogen so sehr, wie jenes Stück Musik, das dem Hörer zunächst ein latentes Posaunenkonzert von über dreißig Minuten Länge vorführt. Sein monumentales Solo blies Posaunist Olaf Ott meisterhaft, wenngleich Kondenswasserprobleme sein eigenes Vergnügen bisweilen zu trüben drohten – und es doch nicht vermochten.
Der zweite Satz lebte unter Mehtas Leitung vor allem von der scharfen Herausarbeitung der instrumentatorischen Raffinessen, die (eine Teilantwort!) den Hörer immer dann herausreißen, wenn er sich gerade allzu gemütlich in dem „Tempo di Menuetto“ suhlt.
Einen einzigen großen Fehler hatte der Abend: das Tempo des dritten Satzes, dem Mahler (späteres Unheil ahnend) die Anweisung „Comodo. Scherzando. Ohne Hast“ voranstellte, wurde von Mehta deutlich zu forciert verstanden. Eben gerade jenem impliziten Entschleunigungswunsch desjenigen Tempos, das man sich auf den ersten Blick für diesen Satz vorstellen mag, wurde nicht entsprochen. Sicher nicht zufällig wirkten die Holzbläser zu Beginn des Satzes gehetzt; die mehr als virulente Aufforderung „Ohne Hast“ (hätte Mahler doch „Bewusst zu langsam“ notiert!), eben nicht das „bereitliegende“ Tempo zu wählen, wurde beiläufig übergangen. Das auf einem B-Flügelhorn von fern geblasene Posthorn-Solo des überragenden Gábor Tarkövi, dem man den größten Applaus schenkte, sorgte jedoch wieder für Harmonie, obwohl es, inhaltlich gesehen, für viele immer das schrecklich herrliche Signum eines letzten (falschen, alles andere als harmonischen) Trostversprechens Mahlers bleiben wird.
Mit der Beifallszurückhaltung, die Mezzosopranistin Lioba Braun betreffend, machte das Publikum nach der Aufführung deutlich, dass es sich eine doch viel profundere Last seherischen Weltschmerzes im vierten Satz („Oh Mensch! Gib Acht!“) gewünscht hätte, ebenso wie mehr Anarchie im kindlich dreinfahrenden „Bimm-bamm“ des Tölzer Knabenchores, das die bezaubernden Damen des Rundchores Berlin allerdings hervorragend kontrapunktierten. Aber möglicherweise ist „brav sein“ angesichts der bevorstehenden Feierlichkeiten mit ihren Geschenken für so junge Menschen wie die Tölzer eine temporär unumgängliche, prophylaktische Verhaltensweise.
Der Schlusssatz („Langsam. Ruhevoll. Empfunden“) – im Grunde ein nochmaliges entschleunigendes Wagnis, eine Krone auf die zusammenhangsvolle (dialektische) Disparität dieses Werkes – wurde, von Mahler als negativer Klimax erdacht, zum Höhepunkt des Abends; unbegreiflich, wie man die Binnenspannung eines solchen zwanzigminütigen Streichermeeres überhaupt halten kann. Zubin Mehta und seinen philharmonischen Streichern gelang es.
Wer nach einer Aufführung von Mahlers dritter Sinfonie immer noch nach der einen seligmachenden Essenz sucht und doch tatsächlich den „ganz großen Bogen“ vermisst, der möge zukünftig dann genauer hinhören, wenn bei Mahler ein Lied enttextet erklingt: hier ist es das Wunderhornlied „Ablösung im Sommer“ im dritten Satz der Sinfonie, in dem der ursprüngliche Vers „Kuckuck hat sich zu Tode gefallen. An einer grünen Weiden, Kuckuck ist tot! Kuckuck ist tot! Wer soll uns jetzt den Sommer lang die Zeit und Weil vertreiben?“ nur noch instrumental exponiert wird, vielleicht, um das Abonnementspublikum nicht zu sehr in den inneren Winter zu entlassen. Der Kuckuck der ersten Sinfonie: schon in Sinfonie Nr. 3 ist er nicht mehr unter uns.