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Kurz-Schluss: Wie ich einmal von der Realität überrumpelt und nebenbei auch noch arbeitslos wurde

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Haben Sie es schon mitbekommen? Die USA-Wahl ist ungültig. Donald Trump hat dank seiner Erfahrung mit einarmigen Banditen in Las Vegas tausende Wahlautomaten manipulieren lassen und nur deshalb gewonnen. Beschämt stellte er in Russland einen Asylantrag und lebt jetzt gemeinsam mit Edward Snowden in einer sibirischen Datsche. Wladimir Putin hat ihm regelmäßige Versorgung mit Erdnussbutter schriftlich zugesagt.

Überraschung: Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer stellt sein privates Anwesen und den Bayerischen Landtag sowie die Königsschlösser Ludwig des Zweiten als Asylunterkünfte zur Verfügung. „Kurz vor Weihnachten bin ich nochmal tief in mich gegangen und habe beschlossen, doch nochmal etwas Gutes zu tun. Die Begrenzung der Flüchtlingszahl ist natürlich vom Tisch“, so Seehofer bei einer Pressekonferenz in der Hauskapelle des Baye­rischen Rundfunks.

Sensation: Der Deutsche Fußballbund entschloss sich, alle Profiligen einzustellen. DFB-Präsident Reinhard Grindel begründete diese Entscheidung mit dem Hinweis auf die „ins Unerträgliche gewachsene“ kapitalabhängige Entfremdung dieses Sportsegments. Es sei nicht mehr mit anzusehen, wie teils gedopte, teils der deutschen Sprache nicht mächtige völlig einseitig ausgebildete Gladiatoren Millionen scheffelten, zu Vorbildern unserer Jugend gerieten und sich im Rahmen eines schwunghaften Menschenhandels quer durch die Welt verscherbeln ließen. Um die jetzt arbeitslosen Kicker mache er sich keine Gedanken. Sie hätten einerseits genug verdient, andererseits beste Beschäftigungschancen in den Neubauarenen von Katar und Nordkorea.

Vielleicht haben Sie es bemerkt: Alles gelogen. Wir werden mit Fakenachrichten überschüttet. Hieß es früher: Video kills the Radio Star, so gilt heute: Facebook macht die Tagesschau überflüssig. Was Wunder auch, wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk brav im Sog des Privatfernsehens seine redaktionelle und kulturelle Kompetenz seit Jahren schamlos ausdünnt. Die Personaldecke opportunistisch den sogenannten Erfordernissen der sogenannten sozialen Medien anpasst. Den technokratischen Quetschkasten namens Trimedialität zum Sakrosanktum seiner redaktionellen Konfiguration erhebt. Weil sonst die Jugend nicht mehr erreicht wird – und das Ganze auf längere Sicht auch billiger ist?

Sie werden sich fragen, was ausgerechnet den Autor dieser Rubrik an dieser Entwicklung so ärgert: Seit gut 20 Jahren war ich ein King in der Produktion von Fakenachrichten. Damit habe ich Welterschütterndes bewegt, checken Sie mal meine Glossen der letzten zehn Jahre in dieser Zeitung – oder wühlen Sie im Archiv der „taktlos-Nachrichten“ unter www.nmz.de/taktlos. Wahre Perlen an Desinformation, Verleumdung und Münchhausereien sind dort zu finden.

Oft genug habe ich es bedauert, dass kein Mensch diese lyrischen Ergüsse ernst genommen hat. Aber die Zeiten haben sich geändert. Offensichtlich ist – dank einseitiger oder mangelhafter Bildung – das Volk überdurchschnittlich leichtgläubiger geworden. Geschickt formulierte und via Twitter und Facebook transportierte Hetz- und Hinterfotzinfos beeinflussen unser ohnedies zersplittertes, ins Schwanken geratenes soziales Gefüge. Mittlerweile ist sogar der Gesetzgeber aufgewacht und denkt über Haftstrafen bis zu fünf Jahren als Strafe für die Generierung und Verbreitung derartiger Meinungsmache nach.

Da soll ich nicht aus der Haut fahren. Dumpfmeistertruppen wie die AfD, der russische oder amerikanische Geheimdienst (oder auch unser feiner deutscher BND) kopieren gewissenlos meinen seit Jahren feinziselierten Personalstil – und verfolgen mich am Ende noch – was quasi einem Berufsverbot gleichkommt. Mangels eigener Masse und Kenntnis der persönlich Haftenden kann ich nicht mal eine Millionenklage wegen grober Verletzung von Leistungsschutzrechten anleiern. Um angesichts meiner dürftigen Rente wenigstens die alimentäre Grundversorgung zu sichern, bleibt mir in Hoffnung auf eine rasche Umsetzung des Fakenachrichten-Gesetzes doch nur Folgendes:

Wie aus gewöhnlich zuverlässigen Quellen verlautet, hat der Bundesnachrichtendienst auf allen Smartphones, Tablets, Laptops und PCs in enger Zusammenarbeit mit den Herstellern angeblicher Virenschutzprogramme einen Backdoor-Trojaner implementiert, der komplette Kontrolle jeglicher Kommunikation, aber auch das Speichern auf internen Festplatten oder USB-Sticks ermöglicht. Selbstverständlich können unliebsame Nachrichten  unbemerkt verändert und Gespräche dank vorausdenkender Modulations-Chips in gewünschte Richtungen gelenkt werden.

Ferner ist die Bundeswehr allenfalls bedingt abwehrbereit. Derzeit werden die drei vorhandenen Korvetten von somalischen Piraten übernommen, die Ketten von 90 Prozent unserer starken Leopardpanzer sind durchgerostet ebenso wie die Kabinen der drei noch flugfähigen Phantomjäger und Aufklärungstornados. Die Stiefelsohlen unserer Freiwilligentruppe lösen sich nach zwei Marschkilometern, da sie mit kostengünstigem österreichischem Leim verklebt wurden. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat sich dank einer Apanage von zwölf monatlichen Millionen auf Lebenszeit aus undurchsichtigen iranischen Quellen selbst in den Ruhestand versetzt.

So, ich hoffe, das reicht. Ungeduldig sitze ich auf einem Köfferchen mit den notwendigsten Utensilien und warte darauf, dass eine taffe Einheit des SEK demnächst meine bereits angelehnte Haustüre mit dem dicken Bollerrumpler aufbricht. Nur zur Sicherheit: Ich bin unbewaffnet und habe bereits die Hände gehoben …

Theo Geißler ist Herausgeber von Politik & Kultur

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