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ThG im Hotel Londonskaja in Odessa. Foto: Hufner
ThG im Hotel Londonskaja in Odessa. Foto: Hufner
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Kurz-Schluss – Wie mir einmal im Ukraine-Urlaub unglaublich Unverkäufliches widerfuhr

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Sommerloch? Ich befürchte eher, mein Stern als käuflicher Journalist ist bei einschlägigen Ministerien und Global-Companies im Sinken. Weil immer mehr präpotente halbinformierte Blogger und Facies das Image von professionellen Manipulateuren zerschrammen und mit der Veröffentlichung schlecht recherchierter Möchtegern-Sensationsenthüllungen demolieren. Wie tief ich fiel, mag folgender Vorgang belegen.[Vorabdruck aus Politik & Kultur 5/2015]

Auf dem Weg zu meiner Heimat-Stammkneipe (es galt, Depression dank Bärwurz und Weißbier einzudämmen) sprach mich ein Mann an, der sich auf den dritten Blick als Regensburgs Kulturreferent erkennen ließ. Er wisse um meine hohe politische Kompetenz und um mein investigatives Potenzial. Seit Jahren hätte sich niemand mehr um Regensburgs Bruderstadt Odessa gekümmert. Man wolle in Zeiten der Krise harmonisierende Signale aussenden und so den Ruf der Stadt als Heimat des immerwährenden Reichstages wieder weltweit aufpolieren. Dazu benötige man freilich einen aktuellen Zustandsbericht aus erster Hand. Das Ganze hätte beim Bischof und der Fürstin hohe Priorität. Ein Honorar könne er mir freilich nicht zusagen. Aber Reisekosten und Verpflegung würden übernommen. Ich erhielte ein Zimmer im ehrwürdigen Luxushotel Londonskaja direkt am Hafen bei den Potemkin-Treppen – und bei erfolgreichem Verlauf der Mission eventuell die Albertus-Magnus-Medaille.

Nun ja, ein paar tausend Euro wären mir lieber gewesen. Und ein Urlaub ausgerechnet in der Ukraine schien mir auch nicht sonderlich verlockend. Allerdings nötigte mich meine aktuelle materielle Situation zu genauer Überlegung. Deshalb nahm ich schließlich unter Betonung meines elementaren idealistischen Engagements die Offerte an.

Nach einem Billig-Flug in einer historisch wertvollen Iljuschin (bei zwei Druckabfällen würzte die Hälfte der Passagiere ihre Bordverpflegung namens Gummi-Adler extrazäh mit Nasenbluten) kam ich in Odessa an, wo mich natürlich entgegen aller Zusagen niemand erwartete. Die Taxifahrt zum Hotel bezahlte ich nach kurzer aber heftiger Diskussion mit meiner Rolex, einst ein Geschenk eines Innenministers für feine Dienste.

Das Hotel Londonskaja erwies sich als wahrlich ehrwürdig und hatte offensichtlich die russische Revolution einigermaßen heil überstanden. Mein vom heimischen Kulturreferat gebuchtes Zimmer erwies sich freilich als Sparbüchse der übelsten Art. Ein schmaler Schlauch mit halbblindem Fenster zum Hinterhof, Blick auf die Mülltonnen. Reiches Weltkultur-Erbe.

Umgehend beschloss ich, jedweden Konsum an der Hotelbar dem Bereich Verpflegung zuzuordnen – und machte mich auf den Weg. In einem Stilmix aus rotem Plüsch und Gelsenkirchener Barock schwang sich ein Tresen durch die düstere Hotelhalle, besetzt mit immerhin zwei männlichen Gästen. Den einen hätte ich fast übersehen, schmal, etwa dreißig mit dunkler Brille. Auch weil er von einem Monstrum in Bierbanzen-Größe praktischverdeckt wurde. »Viens, mon ami« – grölte der Riese. »Bois avec nous«. Vor ihm standen schon vier leere Flaschen Vodka Gorbatschov. Eigentlich eine Häresie, wie ich wenig später herausfand. Denn es handelte sich um niemand anderen als Gérard Depardieu, den großen Mimen und Putin-Freund. Ich ließ mich nicht lange bitten.

»Was machen Sie hier, gewissermaßen im Feindesland?« – radebrechte ich in passablem Schulfranzösisch. »Feindesland?« – dröhnte Depardieu rülpsend. »Du lebst wohl hinterm Mond. Längst hat Freund Vladimir dem raffgierigen Poroschenko ein ordentliches Stück Erdölfeld in der Arktis überschrieben, damit es demnächst zu einer Wiedervereinigung kommt, etwas geräuschloser als damals bei euch deutschen Pathos-Fritzen«. »Und was machen Sie hier?« – fragte ich vielleicht zu direkt. »Moment« stöhnte Depardieu auf, erhob sich schwankend, um umgehend auf einen Ohrensessel in der Lobby zu pinkeln. »Wir drehen einen Blockbuster, heißt‚ Raketenkreuzer Kiew, Remake von ‚Potemkin‘ oder so ähnlich« – grunzte er dabei. »Ich in allen drei Hauptrollen, Regie natürlich Vladimir Eisenstein Putin, ein fetter Revolutions-Streifen, der die Welt verändern wird, mon ami. Und das geht so: Die Besatzung der ‚Kiew‘ meutert, weil die Frauenquote an Bord deutlich unterschritten wurde, feuert ein Raketchen auf die Stadt, wumms – schon tobt Revolution gegen die korrupten Machthaber in Kiew. Und für das Frauenpublikum lassen wir einen Zwillings-Kinderwagen die Potemkin-Treppen runterrasselnganz großes Kino!« – stolpert und fällt in eine Vitrine, die unter ihm zusammenkracht.

»A little bit too much Vodka« – flüstert mir sein unscheinbarer Begleiter zu, in dem ich jetzt Edward Snowden erkenne. »Sie auch hier?«, hauche ich mehr als überrascht. »Klaro, technische Supervision and Special-Effects. A little Star-Wars-and Bond-Touch. Germany and Hollywood sind very interested in diesen Streifen, Filmförderung und Nachrichtendienst geben hundert Millionen Produktionskosten. Aber es ist noch ein Geheimnis. Es geht um den Frieden im Osten und vor allem gute Handelsbeziehungen. Du kannst es weitersagen, weil dir of course niemand glaubt. Und dass diese Kanzlerin Merkel ihre Bayreuth-Karten nie bezahlt, dabei immer pennt und ihr Innenminister der höchstbezahlte russische Agent ist, darfst du deshalb auch wissen. Der Finanzminister bekommt nur die Hälfte…«

Da wird das Hotelportal von acht Bodyguards lärmend aufgerissen, sie umringen Putin, der sich sofort auf Depardieu stürzt, ihm aufhilft und ein paar Scherben aus der Backe zieht

Ich aber verziehe mich schleunigst in mein Kämmerlein und beginne zu grübeln. Was soll ich mit diesen brandheißen Infos anfangen, wem kann ich sie meistbietend verkaufen, wer nimmt sie mir ab?

Theo Geißler ist Herausgeber von Politik & Kultur

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